Bayerische Staatsoper: “La Cenerentola” – 7.3.2015

Cenerentola! – Und keine Ende. Gibt es noch irgendwo auf der Welt, könnte man fragen, einen Opernfreund, der diese klassische Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle im eigenen Bühnenbild und den eigenen Kostümen nicht kennt? Sie stammt aus den 1970er Jahren und war, bzw. ist bis heute in dieser oder sehr ähnlicher Form an der Mailänder Scala, der Bayerischen Staatsoper, der Wiener Staatsoper, der Düsseldorfer Rheinoper und anderen Adressen zu sehen gewesen; da erscheint selbst der Ausdruck „Dauerbrenner“ eher noch untertrieben. Wenn man dann noch die Vielzahl der Nachahmer und Epigonen dazurechnet… Siehe oben. Nun hat Ponnelle aber nicht nur unsere Sehgewohnheiten in Sachen Rossini entscheidend geprägt, von den „prähistorischen“ Inszenierungen im Repertoire der BSO ist dies – sehr im Gegensatz zu Zauberflöte, Bohème oder Rosenkavalier – die einzige, die als Theaterereignis immer noch funktioniert und weitgehend frei von Peinlichkeiten ist. Natürlich könnte man mal die Frage stellen, ob da nicht langsam mal eine etwas moderne Inszenierung… Jaaa, schon gut, ich bin ja schon ruhig.

BSO Cenerentola1Intrigen in vertauschten Rollen: Dandini (Vito Priante) als Prinz, Prinz (Javier Camarena) als Dandini… (Foto: Wilfried Hösl)

Dass hier die großen wie die kleinen Besucher richtig ihren Spaß hatten, lag aber nicht nur an der charmanten Retro-Ästhetik, sondern vor allem an einer auf sehr hohem Niveau ausgewogenen und sehr spielfreudigen Besetzung aus erstklassigen Fachkräften. Von zwei der Hauptrollen darf ich gar sagen, dass ich sie in all den Jahren live noch nie vergleichbar gut gesungen gehört habe. Dieses Privileg gebührt den Herren Javier Camarena als Don Ramiro und Ildebrando d’Arcangelo als Alidoro. Nun ist der wunderbar samtig dunkle und sehr beweglich geführte Baß von d’Arcangelo in der nicht ganz so profilierten Partie des klugen Ratgebers ohnehin purer Luxus, allerdings einer, an den man sich schon gewöhnen könnte. Mit spürbarer Freude bringt der Künstler auch eine gewisse Hintergründigkeit in die Rolle ein und räumt gesanglich richtig ab. Sensationell ist auch der Vortrag Camarenas in der Prinzen-Rolle, das ist nicht einfach nur hochvirtuos, strahlend und absolut mühelos gesungen, die Stimme klingt auch wunderbar aufgefächert und vollmundig, ohne die enge, tendenziell nasale Tongebung vieler Rossini-Tenöre. Camarena singt sozusagen mit offenem Visier, im Vollbesitz seiner brillanten Technik, mit schmeichelnder Klangschönheit und schwärmerischem Ausdruck; ein singender Märchenprinz aus dem Bilderbuch! Carlos Chausson gibt mit immer noch saftigem und resonanzreichen Baßbariton einen eher kauzigen denn bedrohlichen Don Magnifico in bewährter Buffo-Tradition und Vito Priante überzeugt als sympathischer, pfiffiger Dandini mit kernigem Baritontimbre, über einige kleine Mogeleien in den Koloraturen konnte man hinweghören. Die Lacher auf ihrer Seite hatten auch die bösen Stiefschwestern Eri Nakamura (Clorinda) und Paola Gardina (Tisbe); allerdings ist Rossinis Musik eigentlich schon gemein und karikierend genug, die beiden Damen könnten also das Nölen, Quietschen und Heulen nächstens ruhig auf ein Mininum reduzieren…

BSO Cenerentola2Auftritt als Ballkönigin: Isabel Leonard (Angiolina) mit Herrenchor-Bewunderung (Foto: Wilfried Hösl)

Die „Titelpartie“ der Angiolina ist schon deswegen heikel, weil die Sängerin die Bravourakte einer echten primadonna buffa mit dem Rollencharakter zu einer halbwegs glaubwürdigen Einheit verschmelzen sollte. Isabel Leonard gelang dieser Balanceakt durchaus überzeugend. Sie ist keine verkappte Eboli mit Staubwedel, mit ihrem relativ weich artikulierenden Mezzo und durchaus melancholisch-herbem Timbre gestaltet sie die schlichte, warmherzige Figur sehr berührend und mit großer lyrischer Intensität. Die Koloraturen und Spitzentöne schafft sie, trotz kleinerer Konditionsprobleme in der Schlußarie Nacqui all’affanno. Den Vergleich mit großen Rollenvorgängerinnen wie Baltsa, von Stade, Bartoli oder zuletzt Joyce di Donato sollte man Leonard allerdings ersparen, in dieser Liga spielt sie denn doch noch nicht mit, da fehlt es sowohl an Virtuosität als auch an individueller Prägung.

Die Stabführung hatte Antonello Allemandi übernommen, der das Staatsorchester inzwischen sehr gut auf den langjährigen „Angstgegner“ Rossini eingestellt hat. Das funkelte und groovte aus dem Graben, dass es eine Freude war, die rasanten Ensembles wurden nur so in den Saal gefegt. Sicher ließe sich manches Detail eine Spur feiner oder differenzierter herausarbeiten, aber das ist im Rahmen einer kaum geprobten Wiederaufnahme vermutlich illusorisch; Spaß hat es jedenfalls gemacht – Möge die Güte auch in der kommenden Saison wieder triumphieren!

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