Bayerische Staatsoper: “Das Rheingold” – 22.3.2015

„Von neuem gewonnen und wonnig genährt ist er bald durch des Ringes Gebot…“ Nein, die Rede ist jetzt nicht von den Essgewohnheiten des durchschnittlichen Opernfans, sondern natürlich von dem vom Götterpaten Wotan konfiszierte Goldschatz des machtgierigen Schwarzalben, der sich zu diesem Zeitpunkt bekanntlich noch im Besitz des selbstgeschmiedeten Herrscherreifes wähnt. Wie allerdings selbst Teilzeit-Wagnerianer wissen, hat er da die Rechnung ohne Walvater gemacht, der Ring wechselt, nicht zum letzten Mal, gewaltsam und unfreiwillig den Besitzer und die Saga nimmt Fahrt auf. So ist das bei Wagner im Ring des Nibelungen und so ist es auch an der Bayerischen Staatsoper in den vergangenen vier Wochen über die Bühne gegangen. So ähnlich zumindest, denn aus vermutlich dispositionellen oder probentechnischen Gründen wird in diesem Monat die Wiederaufnahme des Ring in lockerer Reihung und munterem Wechsel gespielt; erst dieser letzte Zyklus findet in der gewohnten Reihenfolge und zeitlichem Ablauf statt. So durfte denn wieder gewuselt werden von der Hundertschaft der Statisten, die Andreas Kriegenburgs mittlerweile bestens bekannte Inszenierung bevölkern.

BSO RG2015 1Jetzt wird eng: Wotan (Thomas J. Mayer) in der Klemme zwischen Fasolt (Günther Groissböck) und Fafner (Christof Fischesser) – Foto: Wilfried Hösl

Mit kribbeliger, mancherorts geradezu hysterischer Spannung wurde das Dirigat von Kirill Petrenko erwartet, der das Riesenwerk nach dem Triumph der letzten beiden Bayreuther Festspielsommer nun – endlich!- auch im „Heimspiel“ präsentiert. Vor allem zwei Fragen drängten sich da im Vorfeld auf: zum einen wie sehr sich Petrenkos Lesart von der seines Vorgängers Kent Nagano unterscheiden würde und zum zweiten welchen Einfluß die im Vergleich zu Bayreuth so verschiedene Akustik auf seine Interpretation haben würde. Beides ist schnell beantwortet: erheblich. Seinem Ansatz bleibt Petrenko natürlich auch hier treu, durch den offenen Orchestergraben ist der Klang aber naturgemäß ein anderer; das Orchester klingt nicht nur lauter und direkter als auf dem Hügel, es werden auch mehr Details und Farbvaleurs hörbar, das Klangbild ist generell deutlicher und präsenter. Tendenziell setzt Petrenko auch in der Landeshauptstadt auf jenen romantischen Mischklang, der in Bayreuth durch die spezielle Akustik nochmal erheblich verstärkt wurde, was im Vergleich doch zu Lasten der Durchhörbarkeit und Differenzierung ging. In München kommt das, zumindest an diesem Vorabend der Saga, ungleich plastischer rüber. Noch größer ist der Unterschied zur Einstudierung von Nagano; viel verschiedener kann man die Partitur kaum auffassen als die diese beiden Maestri. Wo Nagano, gerade im Vorspiel, mit gläserner Transparenz und breiten, aber immer flexibel entwickelten Tempi regelrechte Klangräume entwarf, den Orchestersatz bis in die letzte Stimme auffächerte und den Akzent immer auf den großen Bogen, die große musikalische Idee setzte, da ist Petrenkos Zugang kleinteiliger und dadurch dynamischer, wenn man so will: opernhafter. Seine Tempi sind ungleich schneller und drängender, ohne dass allerdings der Eindruck übertriebener Hast aufkommt. Für Petrenko steht in erster Linie die dialogische Qualität der Musik, das Drama im Vordergrund. Das funktioniert im Rheingold mit seinem Kammerspielcharakter über die gesamte Dauer grandios, zumal Dirigent und Orchester in den eher sinfonisch angelegten Momenten auch entsprechend auftrumpfen. Ein atmosphärisch dichtes und ungemein spannendes Dirigat, das große Freude auf die kommenden Ring-Abende weckt!

BSO RG2015 2Großartig gesungene Urmütter-Weisheit: Okka von der Damerau als Erda (Foto: Wilfried Hösl)

Mit Göttern, Riesen, Zwergen und Nixen ist das Personal des Rheingold bekanntlich vielfältig besetzt, die gesanglichen Anforderungen aber sind – schließlich sind wir bei Wagner – auf allen Ebenen nicht ohne, auf wolkigen Höhen ebenso wie auf der Erde rauhem Rücken. In der Beletage, dem Göttersitz Walhall, war diesmal das Matriarchat eingezogen, hier dominierte Fricka in Gestalt von Elisabeth Kulman das Geschehen fast nach Belieben. Eine einzige Wohltat, dieser wunderbar fokussierten, sinnlich schimmernden Mezzostimme zu lauschen, sie singt in jedem Moment schlank und auf Linie, dabei aber klangsatt und zugleich sehr wortdeutlich; allein wie angewidert und zugleich prononciert sie das Wort „Wassergezücht“ in den Raum tropfen läßt, war ganz großes Kino. Da tat sich der, im Wortsinn, Göttergatte Wotan nicht leicht; Thomas J. Mayer ist der am meisten beschäftigte Sänger in diesem Ring-Monat März und dies war immerhin sein neunter Wotan bzw. Wanderer innerhalb von drei Wochen, die Proben noch gar nicht mitgerechnet… Ob das wirklich ein schlauer Plan ist, muss der Künstler selbst wissen, angesichts der immer wieder hörbaren Anstrengungen darf man doch Zweifel anmelden. Dabei ist Mayer mit seiner stattlichen Präsenz, seinem klangschönen Material und seiner intelligenten Rollengestaltung eigentlich ein herausragender Interpret dieser Partie. Auch diesmal begann er sehr gut, mußte aber immer wieder Sparstrecken einlegen und am Ende fehlten schlicht die nötigen Kraftreserven. Daß es auch für ihn ohne Pause am nächsten Tag mit der Walküre weitergeht, stimmt da etwas bedenklich. Das fiel natürlich umso mehr ins Gewicht, da sein Widersacher Alberich mit Tomasz Konieczny äußerst stimmgewaltig besetzt war, der an der Rheinoper beheimatete polnische Baßbariton donnerte die wilden Ausbrüche und Allmachtsphantasien des Nibelungenfürsten in den Saal, daß kaum noch ein Stein auf dem anderen blieb, erreichte aber auch in den gedämpfteren Momenten gefährliche Intensität. Konditionelle Probleme traten auch bei Norbert Ernst als Loge keine auf, der kurzfristig eingesprungene Sänger vermochte mit sauber geführtem und stabilem Tenor das Haus durchaus zu füllen und sang ohne übertriebene Schärfen. Dennoch blieb dieser Loge insgesamt zu monochrom und nicht profiliert genug für den hinterhältig-schlauen Ratgeber und intellektuellen Außenseiter im Walhall-Clan; da sind wir hier doch sehr verwöhnt von illustren Rollenvorgängern. In jeder Hinsicht grandios tönten die mächtigen, abgerundet und vollmundig klingenden Schwarzbässe von Günther Groissböck als Fasolt und Christof Fischesser als Fafner; eine Besetzung, die man sich wahrlich schon in der Premiere gewünscht hätte! Andreas Conrad ist ein wirklich singender, durchaus profilierter Mime, seinem Auftritt im Siegfried darf man mit Vorfreude entgegen sehen. Die „Nebengötter“ präsentierten sich mit Golda Schultz als Freia und Dean Power als Froh ausgezeichnet, mit Levente Molnar als Donner eher durchwachsen und Okka von der Damerau begeisterte als Erda mit pastosem, warm und feminin timbriertem Alt, so gut gesungen hat man das lange nicht gehört. Das Terzett der Rheintöchter, die mit den Worten des allseits geschätzten Eckhard Henscheidt „sonnig verspielte, dösig sich aalende Verschlafenheitserotik“ verströmen, eröffnete in der Besetzung Hanna-Elisabeth Müller (Woglinde), Jennifer Johnston (Wellgunde) und Nadine Weissmann (Floßhilde) den Abend sehr verheißungsvoll.

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