Bayerische Staatsoper: “Die Walküre” – 23.3.2015

Sie können es nicht lassen. Auch im dritten Jahr nach der Premiere löst das Pferdchen-Ballett, jene fünfminütige pantomimische Einlage, die in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg und seinem Team Harald B. Thor (Bühne), Andrea Schraad (Kostüme) und Zenta Haerter (Choreographie) zu Beginn des dritten Aktes dem berühmt-berüchtigten Walkürenritt vorgeschaltet ist, noch eine gepflegte Bravo-Buh-Kontroverse aus. Da trampeln die jungen Damen der Statisterie mit langer Wallemähne und Springerstiefeln als Luftrösser schnaubend nicht nur über die Bühne, sondern auch und vor allem über die Toleranzgrenze der Altwagnerianer-Fraktion… Ride on, girls, ride on!

BSO Walküre 15-1Immer wieder schön: Walküren in Aktion (Foto: Wilfried Hösl)

Aber wer sich an diesem grandiosen Wagner-Abend noch mit solchen Nebenschauplätzen abgeben, sich gar darob ereifern mochte, dem dürfte schwerlich noch zu helfen sein. Denn hier zündeten nicht nur Kirill Petrenko mit dem bestens disponierten Staatsorchester im Vergleich zum Vor-Abend die nächste Raketenstufe, sondern auch das famose Ensemble; wann erlebt man mal, dass alle sechs Protagonisten wirklich wissen, was sie singen und das auch noch so bewegend und leidenschaftlich gestalten können? Genau, selten genug.

Eigentlich war dieser gesamte Abend ein einziger Feuerzauber, Kirill Petrenko dirigierte als gebe es kein Morgen und entfachte einen kalkulierten und doch alles mitreissenden Klangrausch. Schon die gefährlich leise dahinpeitschenden Streicherläufe, gespenstisch grell durchleuchtet von den hier wie versprengt wirkenden Bläsereinsätzen, im Vorspiel hat man kaum jemals intensiver, drängender, konsequenter gehört; hier geht es spürbar ums Ganze. Auch wenn es natürlich die üblichen Pausen zwischen den Akten gab, riß der Spannungsbogen auch aktübergreifend keinen Moment ab, schalteten Dirigent und Orchester keine Sekunde lang auf Autopilot. Petrenko weiß genau, wo in dieser Partitur das Opium steckt und er gibt sich und uns die volle Dröhnung; aber, und das ist die eigentliche Sensation, eben nicht in der vordergründig lärmenden, wohlfeilen Instant-Version, sondern als von echtem Enthusiasmus und lodernder Leidenschaft durchglüht. Und doch behält er in jedem Moment die Kontrolle, duldet kein Ungefähr, alles ist akribisch herausgearbeitet. Den Sängern ist er ein fordernder, aber auch ungemein einfühlsamer Partner. Die Tempi sind wiederum straff bis rasant, hier sind die Walküren nicht bloß auf fliegenden Pferden, sondern eher auf Jetski unterwegs… Das mag an manchen Stellen gewöhnungsbedürftig sein, entfaltet aber soghafte Wirkung und dramatische Stringenz vom Allerfeinsten.

Bewundernswert, wie die Sänger diese Tempi nicht nur mitgingen, sondern die Vorgaben und Impulse vom Pult umsetzten und in pure Leidenschaftsenergie umsetzten. Alle drei stücktragenden Figurenkonstellationen, also Siegmund-Sieglinde, Wotan-Fricka und Brünnhilde-Wotan, wurden so zu Brennpunkten an vokaler Vergegenwärtigung. Anja Kampe habe ich zuvor schon des Öfteren als Sieglinde erleben dürfen, aber hier wuchs sie noch einmal über sich hinaus, sang mit so aufblühendem Jubelton und sinnlichem Gestus, dass es fast die Bretter in Brand setzte; schließlich hatte man ihr – endlich!- mit Christopher Ventris‘ Siegmund einen kongenialen Partner zur Seite gestellt, da bebte, blühte und strömte das Wälsungenblut mit aller Extase, Kampe und Ventris zeigen uns eine Liebesraserei im Zeitraffer, von der ersten Begegnung bis hin zum Höhepunkt. In diesem Fach ist Ventris momentan einer der Marktführer, sein Material ist metallisch, aber nie scharf, der Vortrag voller jugendlich-heroischer Emphase, die Linienführung mit den langen, mühelos phrasierten Vokalbögen musterhaft und elegant. Zusammen mit dem nachtschwarz timbrierten und vor aggressiver Wut nur so strotzenden Hunding von Günther Groissböck war dies sicher einer der packendsten ersten Walküre-Akte, die ich in meiner Opernlaufbahn erlebt habe. Eine Etage höher, in Walhall, ging es dann nahtlos weiter, da stürzt Brünnhilde in Gestalt von Evelyn Herlitzius ins Geschehen und feuert ein Hojotoho, bzw. gleich mehrere davon, über die Rampe wie nichts, vokale Leuchtspurmunition. Nun besitzt Herlitzius bekanntlich keine im landläufigen Sinn „schöne“ Stimme, sie hat ihre Ecken und Kanten, manches Phrasierungsdetail mag eigenwillig oder unorthodox klingen; aber jeder Ton ist Ausdruck pur, im grundmauernerschütternden Forte wie im zarten pianissimo. Eine echte Charakterstimme, unverwechselbar und durchgehend präsent. Den Höhepunkt ihrer Gestaltung erreicht sie im dritten Akt, wenn es in der finalen Aussprache mit Göttervater Wotan ans Eingemachte geht. Da sah sich mit Thomas J. Mayer einem Sängerdarsteller auf Augenhöhe gegenüber, das ging richtig an die Nieren. Im Vergleich zum Vorabend zeigte sich Mayer stimmlich erfreulich frisch, Durchschlagskraft und Stimmvolumen sind bei ihm, zumal in einem so riesig dimensionierten Saal, halt immer ein Thema, doch was ihm in dieser Hinsicht streckenweise fehlt, vermag er mit Gestaltung, Gesangskultur und dem kernigen Timbre seines modulationsfähigen Baritons auszugleichen. Und, ganz klar: wenn es zum Schwur kommt, ist mir dies allemal lieber als ein Langweiler mit Riesenröhre… Und von diesen soll es ja den einen oder anderen geben. Wie wenig der Lichtalbe im eigenen Hause zu melden hat, machte Elisabeth Kulman auch an diesem zweiten Ring-Abend gnadenlos kenntlich; ihre Fricka macht hier unüberhörbar die Ansagen, schmeichelnd im Klang und kompromißlos in der Sache. Mit ihrer pointierten Diktion, dem sinnlich blühenden Timbre und der perfekt fokussierten Stimmführung ist sie als Obergöttin derzeit vermutlich konkurrenzlos; eine würdige Nachfolgerin der großen Marjana Lipovšek, die diese Partie eine Ära lang praktisch im Alleinbesitz hatte.

BSO Walküre 15-2

Walvater und -tochter beim Schlußapplaus (Foto: Wilfried Hösl)

Nachdem die besagten Statistinnen im dritten Akt das Feld geräumt hatten, waltete dann partiturgemäß die achtköpfige Schar von Wotans kühnen Töchtern, im Theateralltag gerne als „Bergziegen“ tituliert, ihres Amtes, angesichts der straffen Tempi und der explosiven Dynamik des Orchesters keine leichte Aufgabe, aber sie kamen durch. In diesem Sinne: Hojotoho! Und der liebe Siegi ist auch nicht mehr weit, sein Personalmotiv haben wir im Orchester ja schon gehört.

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