Bayerische Staatsoper: “Götterdämmerung” – 29.3.2015

So etwas ist für jeden Intendanten und Castingdirektor der vollendete Albtraum: da steht mit der Götterdämmerung der große, triumphale Abschluß der Ring-Saga auf dem Programm und dann sagt die Sängerin der Brünnhilde ganz kurzfristig ab. Besetzungsalternativen sind bekanntlich äußerst rar; wenn man ehrlich ist gibt es momentan deren gerade zweieinhalb und dazu noch die eine oder andere international akzeptierte Verlegenheitslösung. Jedenfalls hatte sich Petra Lang, selbst erst relativ kurz Mitglied im Club, abgemeldet und man kann sich die Betriebsamkeit ausmalen, mit der „soweit Leben und Weben“ nach einem Ersatz gefahndet wurde. Schließlich wurde man in buchstäblich letzter Minute fündig und so kam Rebecca Teem überraschend und unerwartet zu ihrem BSO-Debüt. Und dann gleich mit Petrenko, gleich im Ring und gleich an vorderster Front. Die Nerven muß man haben.

Wie man einen solchen Auftritt dann bewertet, das ist im Einzelfall nicht immer leicht. Auf jeden Fall haben wir der amerikanischen Sopranistin, sonst in Lübeck und Weimar tätig, zu verdanken, dass das Stück stattfinden und gezeigt werden konnte. Für den Mut und den Einsatz sei der Künstlerin daher ausdrücklich gedankt! Dazu gehört natürlich auch ein gewisser Einspringer-Bonus, den sie ihrerseits dankbar in Anspruch nahm. Nur geht es hier leider um Brünnhilde, die stücktragende Rolle in dieser Oper, und am Ende des Tages hat es dafür und in einem Haus dieser Größe einfach nicht gereicht, die Stimme besitzt ein angenehmes, weiches Timbre und klingt in der Mittellage zwar schmal, aber doch gut fokussiert, in den exponierteren Lagen jedoch offenbart sie große technische Probleme und hat zunehmend Mühe, überhaupt akustisch präsent zu bleiben. Unter normalen Umständen würde man sie kaum für die Bayerische Staatsoper in Betracht ziehen; aber die Umstände waren nicht normal.

Überhaupt schien den „Ring-Kämpfern“ auf der Bühne und im Graben auf der Zielgeraden ein klein wenig die Luft ausgegangen zu sein. Nicht etwa, dass die Aufführung als Ganzes schlecht gewesen wäre, absolut nicht, aber im Vergleich zu den ersten drei Abenden klang manches eher routiniert denn leidenschaftlich. Ein wenig galt das diesmal auch für das Orchester und Kirill Petrenkos Dirigat. Auch diesmal wurde glänzend musiziert und es waren immer wieder überragend herausgearbeitete Passagen zu bewundern, doch gerade einige der spielentscheidenden Stellen wie der Tagesanbruch im ersten Akt, die Trauermusik und vor allem der Schluß kamen ohne den letzten emotionalen Nachdruck, wirkten die entscheidende Spur zu kalkuliert und zu nüchtern. Auch das ist wieder Jammern auf hohem Niveau, ganz klar; es war auf die Gesamtdistanz ein großartiger Ring von brennender emotionaler Kraft und Glaubwürdigkeit, um den uns hier in der Landeshauptstadt vermutlich ein Großteil der Wagner-Familie weltweit beneiden dürfte.

BSO GD2015-2Was ist das denn??? – Siegfried (Stephen Gould, Mitte) fremdelt noch in der Finanzwelt der Gibichungen – Foto: Wilfried Hösl

Von den sängerischen Aktivposten des Abends ist wiederum Stephen Gould an erster Stelle zu nennen, der auch den zweiten Teil der Siegfried-Partie mit geradezu verschwenderischer tenoraler Pracht und heroischem Glanz vom Stapel ließ, aber seiner gewaltigen Stimme auch immer wieder betörend lyrische Farben und Akzente abgewinnt. Da darf man dann mal eine Grußadresse an die „Früher war alles besser“-Fraktion schicken. In den mittleren Partien glänzten Tomasz Konieczny als wiederum sehr prägnanter Alberich, Okka von der Damerau mit wunderbar kultiviertem und sehr berührendem Vortrag als Waltraute und erste Norn und auch Anna Gabler, deren laszive Gutrune aus dieser Inszenierung kaum wegzudenken ist. Zusätzlich war sie auch wieder als dritte Norn zu hören, wie auch die Kollegin Nadine Weissmann als zweite Norn und Floßhilde Doppelschicht fuhr. Hanna-Elisabeth Müller (Woglinde) und Jennifer Johnston (Woglinde) komplettierten das wieder ausgezeichnete Rheintöchter-Terzett.

BSO GD2015-1Stimmgewaltig: Hagen (Hans-Peter König) ruft die Mannen zu Heere – Foto: Wilfried Hösl

Dagegen hatte Alejandro Marco-Buhrmester als Ober-Gibichung Gunther der latenten Blässe des Charakters wenig entgegenzusetzen, zumal auch die Tongebung unausgewogen und nicht immer kultiviert war. Etwas zwiespältig blieb schließlich auch der Hagen von Hans-Peter König; stimmlich scheint der Künstler seine Krise vom letzten Jahr überwunden zu haben, sein voluminöser Baß klang ausgeruht, kontrolliert und durchgehend präsent, auch dynamisch wußte König durchaus zu differenzieren, anstatt die Partie nur hinauszuröhren. Wenn man trotzdem nicht vollständig überzeugt war, so liegt das an einem gewissen Phlegma, die Bedrohlichkeit dieses germanischen Hasspredigers übersetzte sich kaum. Ein Eindruck, den ich nicht zum ersten Mal von ihm hatte; aus dieser sagenhaften Stimme und diesem Potenzial müßte König eigentlich noch mehr machen können.

Advertisements
This entry was posted in Oper. Bookmark the permalink.

One Response to Bayerische Staatsoper: “Götterdämmerung” – 29.3.2015

  1. Christoph says:

    Hallo Fabian,
    nachdem wir uns kurz in der Götterdämmerung trafen, hab ich mich endlich auf Deine Seite verirrt.
    Ganz dickes Lob.
    Ich mag Deinen differenzierten Stil sehr.
    weiter so.

    Alles Liebe

    Christoph

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s