Musiktheater im Revier Gelsenkirchen: “Rigoletto” – 5.4.2015

Die gute Nachricht für alle Freunde der konventionellen Opernregie gleich vorweg: die Leiche im Sack bleibt die Leiche im Sack. Das ist auch in der aktuellen Rigoletto-Neuinszenierung des Musiktheaters im Revier nicht anders, diesem geschmacklich heiklen und entsprechend oft und gerne parodierten Moment kommt kein Regisseur aus. Die schlechte Nachricht für besagten Kreis läßt allerdings nicht lange auf sich warten: die Leiche im Sack ist so ziemlich das einzige, was in dieser Inszenierung „normal“, also konventionell, ist. Das sogenannte „Regietheater“ hat ja schon so einiges veranstaltet mit dieser Oper, hat sie im Mafia- oder Zuhältermilieu angesiedelt, im KZ, im Las Vegas der Fifties oder sogar auf dem Planeten der Affen… Wir erinnern uns. Gerade als Gast aus München kommt man an diesem Ostersonntag im fast ausverkauften Haus kaum aus dem Staunen heraus und möchte eigentlich Nikolaus Bachler und seine Kollegen gleich zum Fortbildungsbesuch in den Pott chauffieren, damit sie mal sehen können, dass und wie Rigoletto tatsächlich funktioniert; schließlich haben beide Opernhäuser der bayerischen Landeshauptstadt ihre letzten vier (!) Versuche am Hofnarren gnadenlos in den Sand gesetzt.

Nicht so in Gelsenkirchen, hier wurde das Stück schnörkellos, mätzchenfrei und kurzweilig erzählt. Der regieführende Intendant Michael Schulz transferiert die Geschichte vom Fürstenhof der Renaissance in die Welt der heutigen Hochfinanz und Börsenwelt. Die Analogie geht voll auf, schließlich stehen die Investmenttypen, Spekulanten und Finanzhaie in ihrer Profitgier, ihrer Maßlosigkeit und ihrem menschenverachtenden Zynismus einem Macchiavelli und Kollegen nicht wirklich nach. Der Herzogspalast mutiert zu einem modernen Penthouse mit Dachterrasse vor der glitzernden Skyline einer anonymen Großstadt, der Hausherr zu einem neureichen und skrupellosen Bürschlein mit blondierten Haaren, Pelzjäckchen und androgynem Gehabe; „metrosexuell“, wie man das heute zu nennen beliebt. Im dritten Akt hängt dann noch eine riesige Mondenscheibe über der Szene, die ist wohl noch aus der letzten Salome übriggeblieben… Dort ergehen sich die Herren weit abgehoben vom Volk in kindischen Spielchen und schmeißen den alten Monterone nach ausführlicher Demütigung kurzerhand übers Geländer; später erlebt Rigoletto dessen Aufprall als Vision und Geisterstimme. Der Protagonist entspricht auch nicht dem gängigen pittoresken Klischeebild des Narren, sondern ist ein bezahlter Fußabstreifer mit schmieriger Bombenleger-Frisur und Klamotten vom Flohmarkt, der berühmte Buckel ist für alle sichtbar ein Fake zum Umschnallen, das Prekariat mimt zur Belustigung der „Geldigen“ den Behinderten; zynischer gehts nicht mehr. Dass dieser Rigoletto nicht nur Opfer, sondern auch Täter ist, macht Schulz ebenso deutlich: zum Szenenwechsel fährt die Metropolis nach hinten weg, eine triste Ziegelmauer mit Stahltür verschließt Rigolettos Zuhause, das dann aus dem Bühnenboden herauffährt, ein Kellerverließ mit Luftballons und Kissenbergen, in dem Gilda die Natascha K. von Mantua gibt… Wer hätte gedacht, dass diese Geschichte auf den Bühnen dieser Welt so stilbildend werden würde? Atmosphärisch präzise getroffene Schauplätze und technisch wie visuell spektakuläre Verwandlungen, das Bühnenbild von Kathrin-Susann Brose hat großen Anteil am Gelingen der Inszenierung. Schulz und seinem Team sind über das gesamte Stück hinweg immer wieder beeindruckende Theaterbilder und –momente gelungen, opernhafte Verlegenheitsgestik kommt nur selten vor und immer wieder hat die Regie spektakuläre Einfälle; etwa die Verschmelzung sämtlicher Mezzosopranpartien – Maddalena, Giovanna, Contessa Ceprano und des Pagen – zu einer geheimnisvollen, auratischen Frauenfigur. Diese mischt sich immer wieder in die Handlung, stets in hellem Apricot gewandet, aber in jedem Akt in einem anderen Modell (Kostüme: Renée Listerdahl), mit anderer Frisur und Haarfarbe. Dämonische Verführerin? Spielleiterin? Böses Alter Ego Gildas? Kryptisch, aber spannend. Sie ist es auch, die am Ende die Leiche aus dem Sack auspackt und dann gemessenen Schrittes in der Tiefe des Raumes verschwindet, misson accomplished. Welche auch immer. Und dann setzt der Regisseur mit dem Schlußbild noch einen drauf: librettogemäß beginnt die Leiche zu singen, erhebt sich und schnallt Vaters künstlichen Buckel um und zieht seine Jacke an, übernimmt damit die Bürde des Anderen und geht durch eine einsame Türe in die Schwärze, in einen anderen Raum, eine andere Wirklichkeit… Die Tür fällt dann um, ist nicht mehr da, kein Ausweg für Rigoletto, der mit dem letzten „Ah, la maledizione!“ richtig schön opernhaft auf die Knie fallen darf. Schwarzblende und finito. Ein ganz starker Moment.

Musikalisch hatte der Abend mit einem sehr wackligen, von Intonationstrübungen und Bläserpatzern durchsetzten preludio begonnen, danach kamen die Damen und Herren der Neuen Philharmonie Westfalen deutlich besser ins Spiel und sorgten unter der Leitung von Valtteri Rauhalammi – Premierendirigent und GMD Rasmus Baumann hatte am Feiertag offenbar wieder etwas Besseres vor – für eine solide Sängerbegleitung. Der Gerechtigkeit halber sei aber erwähnt, dass ich angesichts des Bühnengeschehens dem Orchester nicht immer volle Aufmerksamkeit geschenkt habe.

Nicht nur darstellerisch sehen, sondern auch hören lassen konnte sich die Sängerbesetzung, vor allem Rigoletto und Gilda habe ich auch an weitaus größeren Häusern schon deutlich schwächer gesungen gehört. Mit Ovationen bedacht wurde vor allem Aris Argiris in der Titelpartie, der in den Neunzigern seine Karriere hier am MIR begonnen hatte. Alte Liebe rostet bekanntlich nicht so schnell und so trumpfte Argiris mächtig auf und fuhr seinen markanten, charaktervoll angerauten Bariton vor allem im raumgreifenden und imposanten Forte richtig aus; schade nur, dass er auch den Schluß der „Cortigiani“-Arie volle Kraft voraus präsentierte, statt das vom Komponisten geforderte diminuendo zu singen… Eigentlich hat Verdi sich da nämlich was bei gedacht. Zumal Argiris an anderen Stellen durchaus zeigte, dass ihm auch das messa di voce und die feineren Töne zu Gebote stehen. Auf jeden Fall ein eindrucksvolles Rollenporträt, allzuviele Bessere gibt es derzeit nicht auf dem Markt. Auch für Alfia Kamalova dürfte Gelsenkirchen noch längst nicht die letzte Stufe der Karriereleiter sein, als Gilda begeisterte die junge estnische Sopranistin mit glaubwürdig jugendlicher Ausstrahlung, großer Musikalität und sicherer Technik sowie einer sensiblen und warmherzigen Rollengestaltung. Auch Hongjae Lim machte als Duca in dieser Konzeption eine gute Figur und sang auf sehr solidem Niveau, lediglich die Höhe wurde manchmal etwas eng. Einen ganz starken Auftritt hatte Almuth Herbst in besagter Vierfachrolle – vier Gagen dürfte es allerdings kaum gegeben haben – mit starker szenischer Präsenz und rauchig-dunklem, sehr erotisch getönten Mezzo. Stimmlich bot auch Dong-Won Seo als Sparafucile eine solide Leistung, allerdings fehlt es ihm für den skrupellosen Auftragsmörder an Baßschwärze und Bedrohlichkeit. Die diversen Höflinge waren mit Mitgliedern des Jungen Ensembles am MIR, also des örtlichen Opernstudios, durchweg rollendeckend und darstellerisch engagiert besetzt: Philipp Werner (Borsa), Christian Henneberg (Marullo) und Jacoub Eisa (Ceprano). Lediglich über den Auftritt von Thomas Möwes als Monterone sollte man lieber schweigen; was ist bloß in den letzten Jahren mit seiner Stimme passiert?

Ein Abend wie aus einem Guss und ein Rigoletto, wie man ihn selbst in echten Opernmetropolen längst nicht immer bekommt; das Musiktheater im Revier hat seinem Namen in jeder Hinsicht alle Ehre gemacht!

Weitere Vorstellungen am 25. April, 24./ 30. Mai, 7. / 14./ 21./ 26. Juni

Karten unter www.musiktheater-im-revier.de

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One Response to Musiktheater im Revier Gelsenkirchen: “Rigoletto” – 5.4.2015

  1. ursula martini 46244 kirchhellen says:

    Selten solch eine Aufführung gesehen (gehört ) Ob Inszenierung -Bühnenbild – Gesang oder Musik
    Einfach genial. Danke !!!!!!!!!!!!!!

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