Philharmonie Berlin: Berliner Philharmoniker/ Riccardo Muti – 17.4.2015

Ach! Bella Italia! – Der Sehnsuchtsseufzer der deutschen Romantik, er ertönt noch immer… Seit Silvio B. vielleicht ein wenig leiser und nicht mehr so ungebrochen inbrünstig wie in den letzten dreihundert Jahren, aber noch immer zählt das Land wo die Zitronen blühen, das Territorium südlich des Alpenhauptkammes, zu den Brennpunkten germanischer Sehnsüchte und Phantasien. Zu diesen gehört, neben Amore und Cucina, in erster Linie La Musica. Die italienische Oper, die neapolitanische und sizilianische Folklore und der moderne Italo-Pop gehören von jeher zu den beliebtesten kulturellen Exportartikeln und haben auch Komponisten von nördlich des Appenin immer wieder begeistert und inspiriert. Auch dieses Konzertprogramm der Berliner Philharmoniker, aufgeführt an drei Abenden vor ausverkauftem Haus im vormaligen „Zirkus Karajani“, präsentierte sich größtenteils italophil. Und dafür hatten die Philharmoniker mit Riccardo Muti einen ans Pult gebeten, der sich damit auskennt wie kaum ein anderer.

Der aus Neapel stammende Maestro ist nicht nur eine der Zentralinstanzen für das melodramma des 19. Jahrhunderts, er besitzt auch eine starke Affinität zur Musik der Wiener Klassik, die ja auch in mancherlei Hinsicht von italienischen Einflüssen geprägt ist. So etwa in Franz Schuberts Ouvertüre im italienischen Stil – der Komponist schrieb natürlich in zeittypischer Orthographie „style“ – in C-Dur. Hier haben wir es mit dem mutmaßlich ersten eigenen Orchesterstück des jungen Schubert zu tun, uraufgeführt 1818. Und zu dieser Zeit hieß „italienischer Stil“ natürlich nichts anderes als à la Rossini. Der Cigno pesarese, der „Schwan von Pesaro“, oft kopiert und nie erreicht zu seiner Zeit, erweist sich auch hier als sehr ambitioniertes Vorbild, aber eine virtuose Talentprobe ist dem jungen Franzl da schon gelungen, zumal zwischen den adaptierten Skalenläufen, Trillern und Pizzicato-Gewittern auch immer wieder typische Schubert-Harmonien aufscheinen, wie sie in jeder seiner späteren Sinfonien stehen könnten. Mit seidigem Streicherglanz und bestechender Geläufigkeit bieten Muti und die Berliner natürlich die Luxusausgabe des Werkes.

Eine gewichtigere Nummer ist im Anschluß Mozarts Sinfonie Nr. 35 in D-Dur, nach dem Widmungsträger als Haffner Sinfonie bekannt. Eine historische, bzw. „historisch informierte“, Aufführungspraxis findet hier natürlich nicht statt, der Maestro greift durchaus zum großen Besteck und läßt das Orchester in sinfonischer Besetzung antreten, selbstredend mit modernem Instrumentarium. Es ist ein klassizistisches Klangideal, dem Muti und die Seinen hier in perfekter Balance und Übereinstimmung huldigen, ein vollmundiges, aber stets sehr transparentes und feinnerviges Orchesterspiel von exquisiter Eleganz und federnder Eloquenz. Dass die Partitur eigentlich eine zur Sinfonie umgearbeitete Serenade ist, ergo ihren Ursprung in einem tänzerischen Format hat, betont Muti durch seine temperamentvolle und an Tempokontrasten reiche Interpretation. Das ist, ungeachtet aller Stilfragen und –diskussionen, einfach ein Hörgenuß.

Das Hauptwerk des Abends, Aus Italien op.16, ist die erste und mit Abstand am wenigsten bekannte der großen sinfonischen Dichtungen von Richard Strauss, entstanden 1886 als Destillat einer ersten Italienreise. Vermutlich wäre das Werk schon komplett in Vergessenheit geraten, hätte es nicht in Riccardo Muti einen überzeugten Fan unter den heutigen Stardirigenten, der es immer wieder gerne aufs Programm setzt. Seien wir ehrlich: hätte Strauss nur dies geschrieben, sein Nachruhm hielte sich in engen Grenzen. Verglichen mit dem, was kommen sollte, wirkt Aus Italien eher ungeschliffen und wenig strukturiert in seiner musikalischen Faktur. Da gibt es wunderbare kantilenenselige Momente und instrumentale Effekte, gerade in den Naturschilderungen des ersten und dritten Satzes, aber auch einiges an musikalischem Füllmaterial und aufgesetztem Orchesterdonner. Das wunderbare, farbintensive und abgerundete Spiel der Berliner veredelt hier so manches, was bei einem Orchester minderer Qualität vermutlich arg zweitklassig rüberkommen dürfte. Hier dagegen konnte man derartig ungeniert im Klang baden, eine einzige Schwelgerei. Der Clou des Stückes ist dann der vierte und letzte Satz, „Neapolitanisches Volksleben“ überschrieben; eine schwungvolle und geistreiche Orchesterfantasie über Luigi Denzas berühmtes Funiculi-Funiculà. Das hatte der gute Richard auf besagter Reise in bella Napoli aufgeschnappt und nach der Devise „für gut befunden und geklaut“ in seine Tondichtung eingebaut… Der Kollege war übrigens ob des Plagiats molto arrabiato und hat dem tedesco auch prompt eine saftige Urheberrechtsklage reingedrückt. Kann man heute nur müde drüber lächeln und einen fulminanten Konzert-Kehraus genießen.

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