Staatsoper Berlin: “Parsifal” – 18.4.2015

Wer sich als Regisseur ernsthaft mit Wagners Parsifal beschäftigt, begibt sich von vornherein auf künstlerisch wie ideologisch vermintes Territorium; wie keine andere Oper des Meisters ist diese bis über beide Ohren überfrachtet mit dem pseudo-weihelichen Brimborium einer zumindest in Teilen fatalen Aufführungstradition. Wer da diesen Nebel durchleuchten und die Verkrustungen abtragen will, macht sich nur bedingt Freunde und ruft ganz schnell die selbsternannte Wagner-Schutzpolizei auf den Plan, die im Parsifal letztendlich nur einen Bühnengottesdienst mit schöner Musik sehen will. Ein „Bühnenweihfestspiel“ wie Wagner das so schön verschwurbelt und vieldeutig nannte. Dennoch ist und bleibt es eine Oper, ein Theaterereignis und ist als solche interpretierbar und in hohem Maße interpretationsbedürftig; von alleine verstehen tut sich hier nichts.

Und bei Dimitri Tcherniakov schon gleich gar nicht; der russische Meisterregisseur hat seinen Ruf als der derzeit spannendste unter den Musiktheatermachern nicht von Ungefähr; Querdenke, Konventionsbruch und psychologische Durchleuchtung zählen zu seinen Spezialdisziplinen. Genau der Richtige also für dieses so sperrige, so vielschichtige und in jeder Hinsicht gewaltige Werk. Um es gleich vorweg zu sagen: es wurde ein Theaterabend von ungeheurer Intensität, intellektuell brillant und emotional bis zum geht-nicht-mehr. Einer der Abende, die keine Stoppschilder kennen, einen Film laufen lassen. Einer der Abende, wegen denen es die Oper als Kunstform und Kunstbetrieb nach Hunderten von Jahren noch gibt.

SOB Parsifal1Die Gralszombies legen Hand an… (Foto: Ruth Walz)

In seiner Deutung geht Tcherniakov, natürlich auch diesmal sein eigener Bühnenbildner, an Radikalität sogar noch ein Stück über Peter Konwitschnys ebenfalls überragende Münchner Inszenierung hinaus; jener hatte zwar auch ein Scheitern inszeniert, in einem eher mehrdeutigen Schluß aber die Utopie, dass Männer und Frauen doch noch zusammenfinden, um eine gerechte und lebenswerte Welt zu erschaffen, immerhin noch aufscheinen lassen. Bei Tcherniakov hingegen ist alles zu spät, es gibt keine wie auch immer geartete Erlösung, keine Erneuerung, keine Perspektive. Der Speer ist wieder daheim in Monsalvat, aber das ändert nichts, die Gralsgemeinschaft nimmt keine Notiz vom neuen König und kreist weiter um sich selbst, abgehoben und egoistisch, emotional verkrüppelt und gesellschaftlich nutzlos. An strahlende Ritter erinnert hier nichts mehr, die Bruderschaft besteht nur noch aus einem Haufen heruntergekommener, zottelhaariger zombiesker Gestalten, von Tcherniakovs angestammter Kostümdesignerin Elena Zaytseva in dicke Jacken und Mützen gesteckt, die an einem verborgenen Ort fernab der Zivilisation grausame und sinnentleerte Blutrituale pflegen. Amfortas ist eine Elendsgestalt, böse verwundet an Körper und Seele, von den anderen als Lieferant von Lebenssäften und –energien genutzt und ansonsten verachtet: während der Chorszene im ersten Akt ruppig ausgezogen, wird ihm von seinen Gefolgsleuten das Blut aus der Speerwunde abgezapft, jenes im Gralskelch mit Wein vermischt und becherweise an das Kollektiv ausgeschenkt. Amfortas liegt derweil wie ein weggeworfenes Stück Fleisch mittenmang; Mitgefühl? Nächstenliebe? Keine Spur. Starker Tobak für alle, die diese Szene gerne mystisch überhöht und als Kostümschinken aus der Hollywood-Kiste sehen mögen. Aber nichts anderes, als im Stück und in der Musik steht, man muß es nur lesen können. Eine echte Alternative hat auch Kollege Klingsor nicht anzubieten, seine Welt ist nur eine etwas aufgehübschte Spiegelung des Gralsbunkers: derselbe hallenartige Raum mit angrenzenden Gängen und Kammern, eine Mischung aus Kloster und Knast, mit schmucklosen Holzbänken; nur nicht in angeschmutzten Braun- und Ockertönen sondern in aseptischem Weiß. Dort haust Klingsor als tattriger Lustgreis im Josef Fritzl-Outfit mit Trachtenweste und Filzpuschen inmitten seiner Kinder, der Blumenmädchen. Die gibt es hier in allen Altersstufen, alle in geblümten Kleidchen in perfekter Niedlichkeit; und bei näherem Hinsehen agieren sie ebenso synchron, roboterhaft und seelenlos wie die Gralszombies. Parsifal wirkt in beiden Sphären gleichermaßen fehl am Platze, ein junger Rotzlöffel mit psychotischer Störung in Bermudashorts und Turnschuhen, der symbolisch für seinen neurotischen Ballast einen riesigen Trekking-Rucksack mitschleppt. Überhaupt stehen die Außenseiter, also Parsifal, Kundry und auch Amfortas, im Mittelpunkt der Inszenierung, ihre psychischen Befindlichkeiten und Prägungen zeichnet Tcherniakov leidenschaftlich präzise nach. So wird die Begegnung zwischen Kundry und Parsifal zum Brennpunkt der gesamten Handlung, gespiegelt durch eine stumme Szene mit Doubles, in der die Entstehung seiner Traumata geschildert wird, wenn die gestrenge Mama Herzelaide Klein-Parsi beim Fummeln mit blonder Gespielin im Kinderzimmer erwischt; eine Szene die sich in einem gegenseitigen Watschn-Abtausch auflöst und mit Parsifals Flucht endet… „Ich sah das Kind“, einmal ganz anders. Wohl noch nie hat man Parsifals Versagen als Mensch und als Mann so deutlich inszeniert gesehen, da kann Kundry sich die Seele aus dem Leib singen, es interessiert diesen tumben, empathiefreien Toren nicht die Bohne, er zieht sich erst die Jacke über den Kopf und rennt dann zum Triebabbau einige Runden um den Saal, verkrampft und mit versteifter Haltung. Von so einem ist Erlösung nicht zu hoffen. Kundry wiederum bleibt auch bei Tcherniakov die getriebene Doppelexistenz, allerdings im Gewand einer modernen jungen Frau. Die erotische Begegnung mit Amfortas hat bei beiden Spuren hinterlassen und sie hat mehr mitgenommen als nur sein blutverschmiertes Hemd; daran daß diese beiden noch lange nicht fertig sind mit einander, läßt der Regisseur keinen Zweifel, doch auch hier bleibt das Happy End aus: zwar finden sie sich im Finale wieder in erotischer Umarmung vereint, doch Gurnemanz macht dem ein rasches Ende und ersticht Kundry von hinten, um zu verhindern, daß die Geschichte von vorne beginnt. Parsifal trägt den Leichnam von dannen, während die berauschte Menge in ekstatischen Zuckungen auf den Knien herumrutscht. Erlösung dem Erlöser? Braucht in dieser deprimierenden Weltsicht keiner mehr. Der Tor kann gehen.

SOB Parsifal4Parsifal (Andreas Schager) im Gewoge der Blumenmädchen (Foto: Ruth Walz)

Natürlich bleiben einige Fragen offen und manches mag im Detail etwas kryptisch oder unnötig verrätselt erscheinen. So kann man etwa geteilter Meinung sein, ob die Charakterisierung Klingsors wirklich genügend Fallhöhe aufbaut oder nicht doch ein wenig zu kurz greift, oder was es mit Titurel auf sich hat. Der nämlich erscheint im ersten Akt im Vollbesitz seiner Präsenz zum Ritus, legt sich zum Singen in den Sarg und schreitet nach der Verrichtung wieder in seine Gemächer… Ein morbides Spiel oder ist er wie Schrödingers Katze zugleich lebendig und tot? Das hätte man gerne noch erklärt gehabt. Dennoch eine der besten und packendsten Regiearbeiten seit Langem, konzeptionell und ästhetisch aus einem Guss und von den Darstellern phänomenal umgesetzt. Ein Abend, der sich einbrennt und nach dem man das Stück mit ganz anderen Augen sieht als vorher.

Aber nicht nur die Inszenierung war dem Vernehmen nach in der Premiere äußerst umstritten gewesen, auch Daniel Barenboim hatte einiges abbekommen, etliche Kritiker haben sein Dirigat als verschleppt, überdehnt und spannungslos beanstandet. Vielleicht hatte er in der Premiere einen schlechten Tag, in dieser Dernière jedenfalls konnte ich solche Kritik nicht nachvollziehen. Zugegeben, er läßt sich gut Zeit und wählt tendenziell breite Tempi, kostet aus und baut die großen orchestralen Steigerungswellen, namentlich in den Vor- und Zwischenspielen, langsam auf. Dennoch hat man nie das Gefühl einer Überdehnung oder eines Stillstandes, auch in diesem Tempo bleibt die Musik im Fluß und der Spannungsbogen intakt und die klanglichen Entladungen kommen mit beeindruckender Kraft und Genauigkeit. Charakteristisch für Barenboims Wagner-Interpretationen ist auch der körperhaft volle, aber nicht wabernde, Orchesterklang, der die dunklen Klangfarben und Tönungen bevorzugt. Das mag zuweilen, etwa in den Chorszenen, etwas zu Lasten der Transparenz gehen, verfehlt aber nicht seine Wirkung und macht die düstere Atmosphäre des Werkes auch auditiv erfahrbar. Die Staatskapelle und der Staatsopernchor in der Einstudierung von Martin Wright sind auf Barenboims Stil und Intentionen natürlich entsprechend geeicht und musizieren auf exzellentem Niveau.

SOB Parsifal3Gigantenkampf: Anja Kampe (Kundry) und Andreas Schager (Parsifal) – Foto: Ruth Walz

Das alles wäre ohne die adäquate Sängerbesetzung dennoch ins Leere gelaufen, schließlich stellt eine so ambitionierte und vielschichtige Inszenierung auch in darstellerischer Hinsicht verschärfte Anforderungen an die Sänger. Aber auch da war man in Berlin auf der sicheren Seite; bessere Besetzungen für die meisten der Hauptpartien dürfte man derzeit kaum finden. Da fällt es schon schwer, jemanden herauszustellen, daher sei mit dem, hier so gar nicht heldenhaften Titelhelden begonnen, den Andreas Schager mit starker physischer Präsenz und Wandlungsfähigkeit verkörpert. Stimmlich ist er der moderne Typus von Heldentenor, der Wert auf geschmeidige Linienführung legt und eher tenoral in der Farbe ist. Die eher kurze Partie bereitet dem Künstler keine Mühe, die dramatischen Ausbrüche kommen mit fulminanter Durchschlagskraft und auch den heiligen Speer bringt er mit strahlender Höhe zurück. Und seine Auseinandersetzung mit Anja Kampes Kundry im zweiten Akt gerät zu einem Gigantenkampf. Kampe gehört nicht umsonst zu meinen besonderen Favoritinnen; derzeit gibt es nur wenige Sängerinnen, die es an Leidenschaftlichkeit, Intensität und Gestaltungswillen mit ihr aufnehmen können, jeder ihrer Auftritte ist ein Erlebnis. Auch die Kundry spielt sie, in Übereinstimmung mit dem Regiekonzept, nicht als Vamp und sie braucht auch keinen Umzug im zweiten Akt, kein rotes Kleid oder High Heels, um die wechselnden Identitäten der Figur – so man bei Tcherniakov noch von solchen sprechen kann – glaubhaft zu machen. Dank ihrer faszinierenden Präsenz kann sie alles sein, was angesagt ist; die Heilige wie die Hure, die „rastlos scheue Magd“ und die Sinnsucherin, die Liebende und die Grenzgängerin. Als Sopranistin muss sie sich vor dem gefürchteten Schluß des zweiten Aktes nicht bange machen, aber auch in den unteren Registern klingt die Stimme tragfähig, voluminös und bestens verblendet. Manch einer wird vielleichtdie fehlende Mezzofarbe monieren, doch wird dies durch diese überragenden Qualitäten mehr als kompensiert. Als Amfortas setzt Wolfgang Koch mit seinem balsamisch schönen, vollmundigen Bariton einen beinahe schmerzlichen Kontrast zu seinem Leiden und seiner szenischen Hinfälligkeit; die immer noch bestehende erotische Anziehung zu Kundry wird so freilich umso sinnfälliger. Nicht ganz so dominant wie erwartet kam René Pape als Gurnemanz rüber, was zu einem großen Teil auch der Inszenierung geschuldet gewesen sein dürfte, die dem alten Gralsritter und Fahrensmann eher eine Randfunktion zuweist. Viel mehr als würdevolle Passivität war da nicht gefragt; ein generelles Problem dieser Partie, das auch Tcherniakov nicht wirklich gelöst hat. So konzentrierte sich Pape ganz auf den gesanglichen Teil, mit butterweicher Tongebung, ausgezeichneter Textbehandlung und nuanciertem Vortrag vermied er jeglichen Anflug von Monotonie und erfüllte die langen Erzählungen mit innerer Spannung. Als Titurel gab es nach längerer Zeit ein Wiedersehen mit seinem Fachkollegen Matthias Hölle, dessen etwas schütter gewordener Baß den greisen Hüter des Grals treffend charakterisierte. Als einziger fiel Tomás Tomásson als Klingsor neben den Kollegen etwas ab, sein Material zeigt doch einige Abnutzungserscheinungen und auch in der Stimmführung hatte er Probleme. Rollendeckend sangen die Gralsritter, Knappen und Blumenmädchen, auch wenn der Gast aus München von der Heimatbühne da besseres gewohnt ist.

SOB Parsifal2Die Gralsgemeinschaft in Extase (Foto: Ruth Walz)

Die stehenden Ovationen schlossen diesmal auch Daniel Barenboim, das Orchester und den noch einmal anwesenden Regisseur ein, die Hauptstadt feierte einen großen, einen denkwürdigen Abend. Im Publikum erblickte man auch etliche bekannte Mitglieder der Wagner-Fan-Familie aus allen Ecken der Republik; nicht verwunderlich, denn am nächsten Tag stand an der Deutschen Oper, keine fünfhundert Meter Luftlinie entfernt vom Schillertheater, mit Lohengrin Teil zwei des Wagner-Marathons an, ein sinnvolles, pauschalreisenkompatibles Kombinationsangebot. Da hat offenbar mal jemand mitgedacht. Und das in Berlin!

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