Deutsche Oper Berlin: “Lohengrin” – 19.4.2015

Dieser Anfang ist einfach ein Traum. Geteilte Streicher in den höchsten Sphären, flirrend und sirrend in wonniger Glut… Noch dazu im A-Dursten A-Dur, das man sich vorstellen kann. Nicht umsonst gehört das Lohengrin-Vorspiel zu den berühmtesten Opernanfängen der Geschichte und man kann es noch so oft gehört haben, wenn es erklingt, ist es jedes Mal pure Magie, Klangzauber, wie nicht von dieser Welt. Selbst die überwiegende Mehrheit der Regisseure hat bisher vor der Suggestivkraft dieser Musik kapituliert, sie unbebildert und den Vorhang geschlossen gelassen. Was sollte man diesen Klängen auch entgegensetzen?

An der Deutschen Oper ist dies anders, Regisseur Kasper Holten hat es versucht. Bei ihm beginnt das Stück in Dunkelheit, mit Erklingen des A-Dur wird es langsam hell und man blickt auf ein Schlachtfeld voller Leichen. Madame Tussaud’s in A-Dur. Lohengrin sei nämlich ein Stück über den Krieg und gegen den Krieg, so Holten im Programmheft, assistiert von der Dramaturgie, die fleißig seitenweise Zitate zum Thema zusammengetragen hat; von Soldaten aller Zeiten wie von Politikern – Göring, Wilhelm Zwo, Saddam und George W., alle inhaltlich und im Ton bemerkenswert austauschbar. Ein Lohengrin mit pazifistischem Hintergrund? Ist zwar nicht das eigentliche Thema, aber o.k., kommt auf einen Versuch an, es hat schon blödere Ansätze gegeben.

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Aufmarsch vor dem Wald (Foto: Marcus Lieberenz)

Mit den letzten Tönen des Vorspiels senkt sich der Vorhang wieder, um fünfzehn Sekunden später erneut aufzugehen; jetzt stehen die Gefallenen wieder alle ordentlich aufgestellt, in Uniformen vom Mittelalter bis heute und mit putzigen Blutflecken auf dem Tuch. Spätestens jetzt beschleicht einen das Gefühl, daß hier etwas schrecklich gut gemeint, aber schrecklich schlecht umgesetzt ist… Warum ich diesen Einfall so ausführlich schildere? Weil es mehr oder weniger der einzige in den folgenden vier Stunden ist. Lohengrin als Parabel für Krieg, Massenhysterie und politische Manipulation, die Titelfigur als Muster eines Demagogen mit Unfehlbarkeitsanspruch; das liest sich im Regie-Interview alles ganz prima. Aber entscheidend ist nunmal auf dem Platz, sprich: der Bühne, und da findet sich leider nichts von alldem wieder. Was Holten und sein Ausstatter Steffen Aarfing da auf die Bühne gestellt haben, ist dermaßen dilettantisch, langweilig und lachhaft, dass es sich fast der Beschreibbarkeit entzieht, eine Mischung aus Leerlauf, Mätzchen und optischen Entgleisungen. Da erweist sich die Spielplandisposition dann zusätzlich als Bumerang: nur 19 Stunden nach Tcherniakovs Parsifal-Thriller wirkt Holtens Bankrotterklärung umso peinlicher. Wo Tcherniakov sichtlich an jeder Fingerhaltung und an jeder Textsilbe gearbeitet hat, lautete die Ansage des Kollegen offenkundig: „Stellt Euch irgendwo hin, wo Platz ist und macht, was Euch einfällt. Und wenn Euch nichts einfällt, machts auch nichts.“ Dies war meine erste Holten-Inszenierung, ob andere besser sind, entzieht sich meiner Kenntnis; aber wer mir beim Erstkontakt einen solchen Kanonen-Flop abliefert, hat erstmal schlechte Karten.

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Schwarzer Ritter (Telramund) vs. Weißer Ritter (Lohengrin) – Foto: Marcus Lieberenz

Vermutlich waren allerdings die wenigsten der gut 1800 Zuschauer im ausverkauften Rund wegen der Inszenierung gekommen, eher trotzdem, sondern wegen der namhaften Besetzung der Hauptpartien. Diese war kurzfristig sogar noch etwas namhafter geworden, da es gelungen war, Günther Groissböck als Einspringer für den König Heinrich zu verpflichten. Das ging dann auch gleich gut los, der 39jährige Österreicher zeigte vom ersten Ton an, wo der Hammer hängt und warum er zu den gefragtesten Vertretern seines Faches gehört: wie wenige verbindet Groissböck die Schwärze eines echten basso profondo mit kultiviertem Vortrag und geschmeidiger Artikulation; zusammen mit seiner imposanten Statur ein wirklich königlicher Auftritt! Ansonsten beherrschten die Damen das Geschehen nach Belieben. Bei Anja Harteros bangt man ja insgeheim immer etwas und ist dann froh und glücklich wenn endlich das Licht ausgeht und keiner vor den Vorhang gekommen ist – aber sie war da. Zwar durch eine blonde Wischmop-Perücke optisch infam verschandelt, aber bestens bei Stimme. Das ist derzeit einfach eine Klasse für sich, nicht nur rein gesanglich, sondern auch gestalterisch; wie sie Elsas Entwicklung von der wundergläubigen naiven Tochter aus gutem Haus bis hin zur selbstbestimmten Frau mit Durchblick zeichnet und erlebbar macht, dürfte kaum seinesgleichen haben. Und für jeden der verschiedenen, teilweise widersprüchlichen Affekte findet diese wunderbare Sängerin auch vokal die richtige Farbe, die richtige Phonation und bringt so die Emotionalität der Figur perfekt auf den Punkt. Dass das alles bei ihrem geschneidig und elegant geführten Sopran auch noch einfach zum Hinschmelzen klingt, versteht sich bei ihr beinahe schon von selbst. Eine charakterliche Entwicklung macht ihre Gegenspielerin Ortrud nicht durch; in dieser Figur schuf Wagner ein lebendes Monument des Hasses und der Destruktion. Oder sollte man sagen: eine Frau, die für ihre Ideale kämpft und für ihren Glauben über Leichen geht? So wie Waltraud Meier ihre immer-schon-Paraderolle auch an diesem Abend mit vollem Einsatz singt und spielt, stellt sich die Frage nämlich durchaus, so differenziert ist dieses Rollenporträt. Schon im ersten Akt rückt sie durch ihr stummes Spiel und ihre massive Präsenz in den Mittelpunkt der Handlung, umkreist die anderen und legt ihre Netze aus; die höhnischen Blicke in Richtung Elsa und Lohengrin geben die Richtung vor: Wartet nur ab, nach der Pause könnt Ihr was erleben! Und wie – Trotz diverser Ausflüge ins Sopranfach hat ihre Stimme sich die schöne, sinnlich glühende Mezzo-Farbe erhalten. Mit derselben Intensität bewältigt sie die großen dramatischen Ausbrüche wie auch die langen Phrasierungsbögen wie in „Der Rache Werk“; eine Ortrud zum Fürchten, ein Bühnenereignis der Sonderklasse. Leider vermag ihr Partner ihr auf diese Höhenflüge nur bedingt zu folgen: John Lundgren gibt als Telramund zwar richtig Stoff und mimt mit breitbeiniger Haltung und finsterem Gesichtsausdruck den Schurken vom Dienst; singen tut er zwar laut, aber nicht gerade kultiviert, Textverständlichkeit und –ausdruck lassen einiges zu wünschen übrig. Auch Fachkollege Bastiaan Everink als Heerufer gehört eher zur Volle-Kraft-voraus-Fraktion, besitzt aber im Vergleich zu Lundgren das erheblich schönere Material; mit ein wenig mehr dynamischen Abstufungen könnte er noch bedeutend mehr daraus machen.

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Schwanenritter mit Fanclub (Foto: Marcus Lieberenz)

Last but not least bleibt noch die Titelpartie. Diese war mit einem gewissen Klaus Florian Vogt besetzt; es dürfte derzeit keinen anderen Sänger geben, der so stark polarisiert und das Publikum in zwei Lager spaltet. Dass der Mann singen kann und Stimme und Technik besitzt, so eine Partie durchzustehen, wird niemand bestreiten, doch die ganz eigene, unverwechselbare Farbe seines anämisch weißen Tenors wäre mit „speziell“ noch unzureichend beschrieben. Das muss man einfach abkönnen. Oder auch nicht; das sei jetzt mal so im Raum stehengelassen. Mein Fall ist es nicht und wird es auch nicht werden, ein erheblicher Teil des Publikums sah es anders.

Was das Dirigat anging, war Wagner in diesen Tagen auch auf dieser Seite der Bismarckstraße Chefsache; Stichwort A-Dur. Der gewünschte Effekt des Vorspiels stellte sich auch unter der Leitung von Donald Runnicles ein, auch wenn man diesen Beginn schon zarter, leiser und geheimnisvoller gehört hat; aber das hätte vielleicht auch weniger zum Regiekonzept gepaßt. Auch im weiteren Verlauf des Abends blieb Runnicles dieser Linie treu und führte Chor und Orchester mit eher harter Hand und starker Akzentuierung der dramatischen, ja: martialischen Töne und der dunklen Instrumentalfarben. Da schmetterte das Blech und wogten die Streicher, eine durchgehend sehr handfeste und direkte Lesart. Das kann man natürlich so machen und die Partitur trägt das über weite Strecken auch, dennoch kamen mir persönlich die poetischen, lyrischen und melancholischen Momente der Musik etwas zu kurz, so verströmte etwa Elsas „Einsam in trüben Tagen“ zu wenig von der Verlassenheit, von der im Text die Rede ist und auch die abgrundtiefe Traurigkeit nach Elsas Frage habe ich schon berührender gehört. An solchen Stellen hat man ein wenig das Gefühl, Runnicles trete hinter das Werk zurück, da habe ich den letzten Rest an Gestaltungswillen und persönlichem Bekenntnis vermißt. Auch in diesem Punkt drängte sich der Vergleich zum Abend zuvor immer wieder auf; vielleicht nicht ganz fair, aber kaum zu vermeiden. Leider hatte der Chor der Deutschen Oper (Einstudierung: William Spaulding), der ja sonst immer eine Bank ist, keinen wirklich guten Tag erwischt, die Damen und Herren hatten immer wieder leichte Probleme, das Tempo zu halten, zudem zerfaserte das Klangbild immer wieder in einzelne Stimmen und Stimmgruppen.

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1 Response to Deutsche Oper Berlin: “Lohengrin” – 19.4.2015

  1. mathias brix says:

    Es gibt wahrscheinlich wenige wagnertenoere die den lohengrin so klar und laut ueber das volle orchester singen koennen… aber er war auch eindimensional. Ich liebe waltraud meier, und manch ein moment im zweiten akt war wieder besonders, aber die stimme hat mittlerweile einige probleme… runnicles war langweilig… im zweiten akt noch am besten….da hat der samstag abend in der staatsoper doch wieder gezeigt, wieviel mehr barenboim leistet…. das intime spiel zwischen kundry und parsifal im zweiten akt war einzigartig…

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