Bayerische Staatsoper: Christian Gerhaher singt Schubert – 27./30. 4.2015

Mit der subtilen Kunstform des Liedgesanges hat man es normalerweise in München ja nicht so, wenn eine Dame oder ein Herr solo, bzw. nur mit Klavierbegleitung, auf die Bühne tritt, bleiben in der Landeshauptstadt für gewöhnlich viele Plätze frei. Wie gesagt: normalerweise. Doch diese beiden Abende waren alles andere als normal; das große Nationaltheater gleich zweimal in einer Woche beim Liederabend ausverkauft bis unters Dach, auch alle Steh- und Hörerplätze waren weggegangen wie nichts und vor dem Portal wurden die letzten Restkarten gedealt wie sonst nur beim Ring. Das schaffen die Wenigsten.

Aber Christian Gerhaher ist eben auch ein besonderer, ein durch und durch ungewöhnlicher Künstler und der momentan vermutlich beste und spannendste Liedinterpret wo gibt. Nach einer, dem Vernehmen nach ebenfalls sehr gut besuchten, Einführungsmatinee ein paar Tage zuvor, sang Gerhaher die beiden großen Liederzyklen von Franz Schubert, Montag Die schöne Müllerin und Donnerstag Winterreise. Wobei „gesungen“ eigentlich noch ein schwaches Wort ist für das, was sich an diesen beiden Abenden zugetragen hat; vielmehr wurde Schubert von Gerhaher und seinem großartigen Klavierpartner – der Begriff „Begleiter“ verbietet sich hier! – Gerold Huber auf wundersame Weise gestaltet, durchleuchtet und neu erlebbar gemacht. Gerhahers Timbre ist warm, kann aber auch harsche, fast schon fahle, Tönungen annehmen, die Stimmführung ist schlank und tragfähig, die Phrasierung exzellent und vor allem immer am Textausdruck orientiert; ich kenne derzeit keinen anderen Sänger, bei dem Aussprache, Textgestaltung und musikalischer Ausdruck eine solch perfekte Einheit bilden. Zusammen mit Hubers variablem und sensiblem Klavierspiel wird so ein Liederabend zum Erlebnis; ungeheuer tief und bewegend, aber vollkommen frei von Sentimentalität oder Vergröberung.

Gerhaher (Foto: Wilfried Hösl)

Zwei so außergewöhnliche Künstler bieten, so ist das nunmal, auch außergewöhnliche Sichtweisen. Das galt ganz besonders für die Müllerin, die ja sonst oft etwas im Schatten der Winterreise steht und als deren etwas betuliches Schwesterstück, als frühromantische Idylle mit zumindest latentem Kitschverdacht gilt. Doch Gerhaher und Huber gehen schon hier aufs Ganze, nehmen Text und Musik gnadenlos ernst und treiben ihr jede Larmoyanz gründlich aus; Borderline statt Biedermeier, Seelenstrip statt vokaler Kniebundhose. Das lyrische Ich ist kein fröhlicher Wandersmann oder romantisch-euphorischer Schwärmer, sondern eine selbstbezogene, fast schon autistische Existenz auf dem Weg in die Selbstaufgabe. Das ganze romantische Beiwerk des Zyklus, die Mühlenräder, der Kressesamen, der munter rauschende Bach und natürlich auch die Müllerin selbst, erscheinen wie bloße Phantasmagorien, Zerrbilder, die einer überreizten Psyche entspringen. Dementsprechend introvertiert gestalten Gerhaher und Huber die Lieder, fast wie einen durchgehenden Monolog. Das spielt sich größtenteils im piano und pianissimo ab und lebt von feinsten Sprach- und Tonschattierungen. Auch die drei oder vier schnelleren Lieder werden natürlich nicht opernhaft herausgehauen wie man das ja meist erlebt, sondern sehr zurückgenommen, in Frage gestellt. Das ist in einem so riesigen Saal und in dieser Akustik durchaus heikel und an einigen Stellen muß man schon gut die Ohren spitzen, aber die Konzentration und Gespanntheit im Rund machte das gerade besonders aufregend. Zwischen den Liedern las Gerhaher auch die drei Gedichte aus Müllers Zyklus, die Schubert nicht vertont hat; nicht nur ein reizvoller Kontrast, sondern auch eine Vertiefung dieser faszinierenden Interpretation.

Aufregend unkonventionell geriet aber auch drei Tage später die Winterreise. Hier gab Gerhaher zum einen deutlich mehr Stimme und erweiterte das dynamische Spektrum im Vergleich zur Müllerin erheblich, die vokalen Höhepunkte kamen mit der entsprechenden vokalen Durchschlagskraft und gemäß dem wesentlich extrovertierteren Protagonisten. Zum anderen bietet Gerhaher aber auch hier eine sehr individuelle Sichtweise: er fasst den Zyklus nicht im klassischen Sinne als eine konsequent auf das Ende hin entworfene, lineare Reise auf, sondern eher als eine Art Bilderbogen oder Abfolge von Stationen, die, wie der Künstler unlängst in einem Interview betonte, auch nicht zwingend in dieser Reihenfolge stehen müßten. Auch hier verzichtet Gerhaher auf eine Theatralisierung des Geschehens, die einzelnen Lieder bilden in sich geschlossene Momentaufnahmen, mikrokosmisch angelegte emotionale Betrachtungen und Reflexionen über Einsamkeit, Rückschau, Hoffnung, Desillusion und Verzweiflung. Dank der pointierten Diktion des Sängers und des farbenreichen Klavierspiels gerät der Vortrag schier unglaublich plastisch und suggestiv, man meint, mittendrin zu sein und den Lindenbaum, den zugefrorenen Fluß, die Köhlerhütte, den Wegweiser oder die Eisblumen am Fenster mit eigenen Augen zu sehen. Natürlich auch den Leiermann am Ende, der meist ja als Todesbote, wenn nicht gar als der Tod persönlich, interpretiert wird. Hier dagegen scheint er gänzlich entdämonisiert, eine weitere Begegnung auf der Reise, wenn auch eine skurrile und latent beunruhigende. Und doch, man kann es sich gut vorstellen, daß die beiden, der Sänger und der Leiermann, künftig tatsächlich gemeinsam herumziehen, ruhelos, ohne Ziel und Trost. Als Untote, als fliegende Holländer des Liedgesangs.

Wie schrieb der Kollege Harald Eggebrecht nach dem ersten Abend in der Süddeutschen Zeitung? Eigentlich habe man gar nicht so richtig applaudieren mögen und wäre lieber still auseinander gegangen… Ja, stimmt eigentlich. Aber das wollte man den Künstlern doch nicht antun. Zumal die angestauten Gefühle ja auch irgendwie rausmußten… In diesem Sinne: Braaaaaaviiiiiii!!!!!!!!

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