Oper Frankfurt: “Simon Boccanegra” – 9.5.2015

Das soll eine Verdi-Oper sein? Haben wir uns womöglich in der Tür geirrt und sind aus Versehen in der Aufführung eines zeitgenössischen Experimentalstückes geraten? Die Irritation ist groß in den Anfangsminuten, denn der Abend beginnt, völlig opernuntypisch, mit einem stummen Bild: wenn sich der eiserne Vorhang langsam gehoben hat, steht uns auf der karg ausgestatteten, fast leeren Bühne eine ernste, schweigsame Menschengruppe in mehrheitlich dunkler, unspezifisch heutiger Alltagskleidung gegenüber, stumm, unbeweglich, fast erstarrt. Das geht einige Minuten so, dann löst sich das Tableau langsam auf, immer mehr Menschen gehen nach verschiedenen Seiten von der Bühne ab und mit der ersten Bewegung setzt die Musik ein, unverkennbar Verdis Simon Boccanegra. Willkommen bei Christof Loy! Diese bereits acht Jahre alte Inszenierung wird gemeinhin zu den künstlerischen Großtaten des Regisseurs gezählt und markiert in der feuilletonistischen Zeitrechnung den Beginn seiner minimalistischen Phase. So kryptisch dieser Beginn zunächst anmutet, so offenbart er im Laufe des Abends seinen tieferen Sinn und ist ein hervorragender Einstieg in eine szenische Deutung, die fragwürdig, radikal und aufregend unkonventionell zugleich ist. Denn Loy erzählt uns keine Räuberpistole, das Melodramma über gekrönte Seeräuber, verschwundene und wiedergefundene Töchter und machtpolitische Allianzen und Gesellschaftsutopien interessiert den Regisseur überhaupt nicht. Stattdessen hat er, wie im Programmheft-Interview gewohnt eloquent dargelegt, in diesem ja eher etwas verquasten Libretto eine Passionsgeschichte entdeckt, eine Art musiktheatrales Mysterienspiel um Schuld, Martyrium und Vergebung, mit einer jesusähnlichen Titelfigur namens Boccanegra; also nix mit Pirat. Aus einigen in diese Richtung deutbaren Textstellen und den biblischen Protagonistennamen Maria, Paolo und Pietro ein solches Konzept zu basteln, ist schon kühn, darauf muß man erstmal kommen. Ob das wirklich aufgeht und schlußendlich Sinn macht, muß vermutlich jeder für sich entscheiden, ich verstehe das Stück grundlegend anders. Aber große Kunst zeichnet sich nunmal dadurch aus, dass sie mehrdeutig ist…

Paolo (Gianfranco Montresor) und Fiesco (Bálint Szabó) nach demn gescheiterten Putsch (Foto: Barbara Aumüller)

Und Loy realisiert sein Konzept so unglaublich konsequent, in sich schlüssig und packend umgesetzt, dass man zweieinhalb Stunden auf der Stuhlkante sitzt, um kein Detail zu verpassen; viel mehr kann Musiktheater kaum leisten. Die christlich-heilsgeschichtliche Konotation liegt zwar als ideelle Folie über dem Bühnengeschehen, beeinflußt dieses aber weit weniger als man meint. Was sich hier abspielt, ist ein, wenn man so will, minimalistisches Kammerspiel, eine radikal reduzierte Erzählung, die die Geschichte auf ihren innersten Kern zurückführt und jegliche opernhafte Äußerlichkeit ausklammert; das erinnert optisch tatsächlich an ein modernes Sprechstück als an eine pompöse ottocento-Oper. So hat Johannes Leiacker mit viel Aufwand kaum ein Bühnenbild gebaut: eine leicht ansteigende hölzerne Spielfläche, umgeben von schmucklosen Podesten und Treppen aus nacktem Stahl, beim Ausbruch des Aufstands fallen die vorgehängten Tücher krachend in die Tiefe; dazu kommt eine Art zweites Bühnenportal im Hintergrund mit einem rollbaren Prospekt, der eine Meeres-Himmel-Landschaft zeigt. Mehr ist nicht. Und auch Kostümdesignerin Bettina Walter ist anscheinend nur mal beim H & M durchgegangen, zumindest sollte der Eindruck erweckt werden. Umso wenig ins Schaufenster stellen zu können, muss man schon eine Menge im Laden haben! Und das Loy zweifellos, hat man sich auf diese äußerst reduzierte Ästhetik, die stilisierte Chorregie und die Holzschnittartigkeit des Geschehens einmal eingelassen, entfaltet dieses eine Sogwirkung und Konzentration, die man zu Beginn kaum für möglich gehalten hätte, das Ambiente einer szenischen Versuchsanordnung oder Probebühne verknüpft mit der Emotionalität eines modernen Kammerspiels. Auch ohne großen Aufwand gelingen immer wieder unglaublich starke Bilder und sinnstiftende Konstellationen, die tief in die Geschichte und ihre Charaktere hineinleuchten. Hier muss man natürlich nicht nur den Darstellern ein Kompliment machen, die dieses Konzept so uneitel und präzise mittragen, sondern auch der Spielleiterin dieser Wiederaufnahme, Caterina Panti Liberovici – nach so langer Zeit und mit einer praktisch ganz neuen Besetzung eine richtig toughe Aufgabe!

Der Doge allein auf weiter Flur: Christopher Maltman als Simone (Foto: Barbara Aumüller)

Dabei richtet Loy den Fokus sehr stark auf die Titelfigur, die das Konzept in wesentlichen Zügen tragen und verwirklichen muss. Und da ist Christopher Maltman ein besonderer Glücksfall; nicht umsonst gilt der 45jährige Brite aufgrund seiner Wandlungsfähigkeit, seines Charismas und nicht zuletzt einer gewissen optischen Ähnlichkeit mit dem Hollywood-Star als der John Malkovich der Oper. Maltmans kultivierter und viril timbrierter Bariton mag nicht die gewohnte, typisch erdige Verdi-Farbe besitzen, er begeistert aber durch die auch im Italienischen famose Textbehandlung, durch Stilgefühl und Ausdruck; hier wird Musik nicht nur gesungen, sondern auch gestaltet. So nahe, so unglaublich suggestiv ist einem als Zuschauer der Doge wohl selten gekommen. Mit solchen Künstlerpersönlichkeiten kann man eine Inszenierung wie diese wagen! Eine Entdeckung ist Guanqun Yu als Amelia Grimaldi. Die chinesische Sopranistin begeistert mit glockenhellen Piani und kraftvoll leuchtenden acuti, stilsicherer Phrasierung, genuiner Musikalität, sicherer Technik und einer resonanzreichen Mittellage. Vielleicht könnte die Stimme im Timbre eine Spur mehr Wärme und individuelle Prägung vertragen, aber Stimmen dieser Qualität sind in diesem Repertoire nun wirklich nicht überreich gesät und es bedarf sicher keiner prophetischen Gabe, ihr eine internationale Karriere vorauszusagen. Bei ihrem Tenorpartner, Wookyung Kim als Gabriele Adorno, ist diese ja bereits in vollem Gange. Wie schon zu Saisonbeginn in München feierte Kim auch hier einen großen persönlichen Erfolg, sein schlank geführtes Material verströmt bis in die Vollhöhe tenoralen Glanz und jugendlich-heroische Frische, auch die unter Fachkollegen gefürchtete Arie „Sento avvampar nell’anima“ bewältigt er schier mühelos. Nur darstellerisch tat er sich als einziger etwas schwer, sich in Loys streng regulierte Bewegungssprache einzufügen und leistete sich den einen oder anderen Ausrutscher in konventionelle Sänger-Gestik. Äußerst prägnant in Spiel und Gesang gaben Gianfranco Montresor und Magnús Baldvinsson das Intriganten-Duo Paolo und Pietro, zwei ölige Demagogen und Politschurken; vom Regisseur entsprechend mit der Judas-Rolle betraut. Bleibt schließlich mit Fiesco, der sinistre Gegenspieler Boccanegras; die beiden großen Konfrontationen der tiefen Herren bilden normalerweise die zentralen emotionalen Brennpunkte des Stücks. Hier allerdings blieb Fiesco in Gestalt von Bálint Szabó etwas blass. Dass ausgerechnet der einzige Verbliebene aus der Premiere über weite Strecken wie eine Randfigur wirkte, kaum in die Handlung integriert und seltsam teilnahmslos, erstaunte dann schon. Oder war das seinerzeit Absicht gewesen? Und auch stimmlich fiel er gegenüber den Kollegen etwas ab, sein sonorer Baß weist in den Randlagen einige Mürbstellen auf und verfügt in den dramatischen Ausbrüchen über wenig Durchschlagskraft. Als Hauptmann und Diener Amelias komplettierte Viktor Tsevelev das Ensemble; warum Loy aus der im Libretto vorgesehenen Dienerin einen Diener gemacht hat, erschloss sich mir nicht. Nicht, dass das irgendwie spielentscheidend gewesen wäre, aber in einer Inszenierung, in der keine Einzelheit zufällig ist, fragte man sich schon…

Glänzendes Liebespaar: Guanqun Yu (Amelia) und Wookyung  Kim (Adorno) – Foto: Barbara Aumüller

Über das Dirigat von Carlo Montanaro gibt es relativ wenig zu sagen; wenig dagegen, allerdings auch nicht wirklich viel dafür. Das war eine kapellmeisterlich solide geleitete Vorstellung, das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielte durchgehend sauber und lieferte die vielen Noten des Abends punktgenau ab. An einem normalen Repertoire-Abend wäre man damit sicherlich zufrieden gewesen, in Anbetracht dieser doch szenisch und darstellerisch so außerordentlichen Aufführung jedoch wirkte das Dirigat allerdings zu bieder und nur routiniert. Montanaro gehört, das war auch bei seinen bisherigen Gastspielen an der BSO nicht anders, zu den Dirigenten, die gerne hinter das Werk zurücktreten und das Orchester auf gediegene Sängerbegleitung reduzieren. Hier hätte ich mir, schon als Gegengewicht zur Szene, eine profiliertere Interpretation und tiefergehende Befragung der Partitur gewünscht. Ein großes Lob dagegen verdiente sich der Chor in der Einstudierung von Tilman Michael.

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