BR-Symphonieorchester/ John Eliot Gardiner – 22.5.2015

Nein, dieser Artikel soll jetzt nicht mit einem Bratscher-Witz beginnen… Obwohl, warum eigentlich nicht? Schließlich spielte die Solo-Bratsche im ersten Teil des Abends eine zentrale Rolle. Gespielt wurde nämlich Berlioz‘ Harold en Italie op.16, mithin eines der zentralen Werke der Bratschenliteratur und scheint der Komponist durchaus ernst gemeint zu haben. Eine Bratsche als Solo-Instrument? Als Gedankenstimme des Protagonisten auf einer imaginären Reise durch ein ebenso imaginäres Sehnsuchtsland namens Italien? Vermutlich muss man wirklich Héctor Berlioz heißen, um auf so eine Idee zu kommen. Schließlich sieht mindestens die Hälfte der Musikwelt in Bratschern höchstens instrumentale Randfiguren und Fülllstimmen, die „Tenöre des Orchesters“ und den Gegenstand jener in Orchesterkreisen so beliebten Witze („Was ist der Unterschied zwischen Robin Hood und einem Bratscher? – Robin konnte mit dem Bogen umgehen!“).

JEG und TamestitJohn Eliot Gardiner und Antoine Tamestit auf der Probe (Foto: Bayerischer Rundfunk)

Natürlich tut man den Kollegen bitteres Unrecht. So, jetzt ist das auch mal gesagt. Vor allem, wenn es sich um einen der momentan namhaftesten Vertreter seines Instrumentes handelt; denn Antoine Tamestit weiß sehr wohl mit dem Bogen umzugehen und seine Bratsche zum Singen und Klingen zu bringen, dass es die wahre Wonne ist. Für einen solchen Teufelsbratscher – analog zum Teufelsgeiger Niccolò Paganini – hat Berlioz seinen Harold komponiert. Ein Werk, das leider nur selten gespielt wird und auch Konzertsaal-Habituées eher vom Hörensagen denn vom selber schon gehört haben bekannt ist. Ein hybrid-genialisches Werk, durchaus charakteristisch für den Exzentriker Berlioz, eine Art Mittelding aus Symphonie und Solokonzert. Oder doch eher eine Symphonie mit integrierter Solostimme… So läßt es sich wohl am besten bezeichnen, sozusagen der kleinere Bruder der Symphonie Fantastique . Nun war Berlioz als Vermarkter seiner selbst ebenso genial wie als Komponist und es gilt heute als ziemlich sicher, dass er selbst einen Großteil der Mythen und kolportierten Geschichtchen rund um das Werk erdacht und verbreitet hat; etwa, dass jener Paganini selbst den Auftrag erteilt haben soll und sich den Spaß sogar einiges habe kosten lassen… Vermutlich alles Phantasie. Auch wenn man sich die Partitur noch um einiges exzentrischer dirigiert vorstellen könnte als John Eliot Gardiner das de facto machte, so war der erste Teil des Abends doch der bei Weitem spannendere. Das lag nicht nur an der Musik an sich und am wie immer herausragenden Spiel des BR-Symphonieorchesters, sondern natürlich in erster Linie an der Darbietung des Solisten. Tamestit spielt den Solopart mit aller erdenklichen Bravour und Hingabe, mal poetisch schmachtend, mal virtuos auftrumpfend, mit edlem Ton und musikantischem Temperament. Wessen Idee es war, ihn während des Konzertes tatsächlich auf Wanderschaft zu schicken, um auf dem Podium auch räumlich die Nähe des jeweiligen Dialogpartners im Orchester zu suchen, sei dahingestellt, Berlioz hätte das vermutlich gefallen. Auch mit seiner sympathisch verschmitzten Ausstrahlung vermag Tamestit Werbung für sein Instrument zu machen; in einem vom Bayerischen Rundfunk produzierten Internetclip plaudert er nicht nur charmant über das Werk und die Arbeit mit dem Orchester, sondern erzählt auch seinen Lieblings-Bratscherwitz…

Nach der Pause bewegte man sich mit Schuberts 8. Symphonie D.944, der sogenannten „Großen C-Dur-Symphonie“ dann wieder auf gewohntem Terrain. Im Entstehungsjahr 1826 scheiterte die Uraufführung noch an der Länge und dem Schwierigkeitsgrad der Partitur. Das ist heute natürlich kein Ding mehr und ein gutes Orchester spielt das praktisch auf Autopilot. Leider klang es allerdings tatsächlich danach: Fuß am Gaspedal festgebunden und los. In zügigem, fast rasantem Tempo und knackiger Lautstärke lief die Musik ab. Überraschungsmomente, Differenzierung, Rafinesse, emotionaler Ausdruck? Leider viel zu wenig von alldem. Dieser zweite Konzertteil hat stattgefunden und viel mehr gibt es von meiner Seite dazu auch nicht zu sagen.

Dann doch noch lieber einen: Was haben Bratsche und Bahnstreik gemeinsam? – Sie setzten meistens im falschen Moment ein!

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1 Response to BR-Symphonieorchester/ John Eliot Gardiner – 22.5.2015

  1. Reingold says:

    Hallo Fabian,

    Du solltest diesen Post vielleicht noch mal überarbeiten in Hinblick darauf, dass Hector (sic!) Berlioz den Harold 4 Jahre nach (!) der Symphonie fantastique geschrieben hat.

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