Bayerische Staatsoper: “Lulu” – 25.5.2015

Hinter tausend Scheiben eine ganze Welt

Der Weg vom Abonnentenschreck zum Publikumsliebling ist ganz schön weit; und höchst beschwerlich noch dazu. Lulu ist eben nicht Wozzeck, während letzterer mit seinen geradlinigen Charakteren, seiner kompakten Dramaturgie und seiner „griffigen“ Handlung längst ein Klassiker der Moderne und vollkommen im Repertoire etabliert ist, tun sich viele mit Alban Bergs zweiter, 1935 unvollendet hinterlassener, Oper um die mondäne, zerstörerische Kindfrau namens Lulu, unvermindert schwer. Ich muss gleichmal eingestehen, dass es mir lange Zeit ebenso ging und teilweise bis heute geht. Bei aller Finesse, Komplexität und Doppel- bzw. Mehrfachbödigkeit der Partitur ist das Werk nicht frei von Längen und Sprödigkeit, die Geschichte wird zuweilen langatmig mäandernd erzählt, die Charaktere wirken teilweise holzschnittartig, Botschaft und semantischer Überbau haben in den achzig Jahren seit der Uraufführung doch einigen Staub angesetzt, die Schimäre der Kindfrau, der männermordenden Phantasie im Kleinmädchengewand wirkt gesellschaftlich überholt und irgendwie ausgelutscht. Dazu kommt noch der 1979 von Friedrich Cerha vervollständigte dritte Akt – Berg hatte diesen nur im Particell komponieren, aber nicht mehr instrumentieren können – der in nahezu allen Aufführungen wie ein Fremdkörper wirkt, den man aber auch nicht einfach weglassen kann, da sonst die Geschichte in der Luft hinge und der dramaturgische Kunstgriff mit den in anderer Gestalt wiederkehrenden Männern perdu wäre.

BSO Lulu3Im gläsernen Käfig – Das Bühnenbild von Dmitri Tcherniakov in vollem Licht (Foto: Wilfried Hösl)

Heißt im Klartext: Lulu ist für jedes Theater ein ganz dickes Brett, eine der am schwierigsten zu inszenierenden Opern überhaupt, noch dazu, statistisch gesehen, eine der beim Publikum am wenigsten beliebten. An diesem Premierenabend allerdings waren die Ränge im Nationaltheater erfreulich dicht besetzt, die Tageskasse konnte nur noch mit wenigen Restkarten aufwarten; selbst wenn man den Petrenko-Faktor (Was der Chef dirigiert, ist ausverkauft. Punkt.) mal rausrechnet, so bleibt immer noch eine große Neugier und ein nicht kleinerer Vertrauensvorschuss, den die künstlerische Führungsetage sich mittlerweile erarbeitet hat. Auch vorzeitige Aufbrüche waren – trotz zweier langer Pausen – nur ganz wenige zu verzeichnen und am Ende gingen die wenigen Buhs auditiv weitgehend in der fast allgemeinen Zustimmung unter… Da haben sich wohl gewisse Leute um den erhofften Lolita-Porno betrogen gefühlt.

Denn mit den gängigen Klischees haben Dmitri Tcherniakov und sein bewährtes Team, Kostümbildnerin Elena Zaytseva und Lichtdesigner Gleb Filshtinsky, so gar nichts am Hut. Vermutlich hat es noch keine Lulu-Inszenierung gegeben, die mit sowenig „action“ und szenischem Betrieb auskommt und die so tief in das Seelenleben der Protagonisten hineinleuchtet. Tcherniakov, von Daniel Barenboim im Interview unlängst auf eine Stufe mit Chéreau und Ponnelle gehievt, bedient keine Altherrenfantasien, moralisiert nicht und stolpert auch nicht mit Karacho über die Schwelle in die Praxis des Doktor Freud, sondern löst die Handlung komplett aus ihrem historischen Kontext und verlagert sie in die Psyche des handelnden Personals. Lulu ist hier nicht wie meist nur eine Projektionsfläche für sexuelle Herrschaftsfantasien der diversen Männer. Das auch, aber umgekehrt projeziert Lulu genauso, insbesondere ihre Beziehung zu Doktor Schön ist ein faszinierend dialektisches Spiel von Begierde und Abstoßung, Nähe und Entfremdung; Tcherniakov läßt keinen Zweifel daran, dass Lulu diesen Kerl wirklich und echt liebt, so radikal und bedingungslos, dass es in dieser Gesellschaft nur katastrophal enden kann. Dementsprechend tritt sie auch ihrem Mörder nicht als Opfer entgegen, sondern gestaltet ihr Schicksal, staffiert Jack the Ripper mit Schöns Klamotten aus und führt ihm zum Mord die Messerhand… Das auch diesmal von Tcherniakov selbst gestaltete Bühnenbild besteht aus einem diagonal leicht versetzten Labyrinth von Glaswaben oder –zellen, die je nach Lichtstimmung einen gänzlich anderen Charakter annehmen: von geheimnislos transparent über halbdunkel und schattenhaft bis hin zu undurchdinglicher Dunkelheit, gesprenkelt mit den Spiegelbildern der beleuchteten Orchesterpulte. Das eigentliche Geschehen spielt sich in den beiden vordersten Zellen ab, das ominöse Porträt Lulus zeichnet der Maler mit Fettstift als Tatort-Silouette an die Scheibe, dazu drei Stühle, fertig. Spiegelungen, Zerrbilder und Erscheinungen sorgen immer wieder für Meta-Ansichten, Kommen und Gehen wie von Geisterhand und während der Orchesterzwischenspiele übersetzt eine Gruppe Statisten zwischen den Glaswänden die von den Solisten gestalteten Affekte ins Allgemeine und Vergrößerte, Affirmation, Kommentar und Verdeutlichung in einem – Hinter tausend Scheiben eine ganze Welt, könnte man in Abwandlung Rilkes sagen. Das funktioniert hervorragend und eröffnet ständig neue Perspektiven und bricht Sehgewohnten völlig auf. Lediglich an einer Stelle stößt Tcherniakov mit seinem Konzept an Widerstände durch das Stück: zu Beginn des dritten Aktes mit dem ausgedehnten Geschwätz der Pariser Partygäste, wo sich Berg mit ellenlangen Dialogen über Banken, Aktienkurse und öffentliche Meinung etwas hilflos um einen kapitalismuskritischen Exkurs bemüht. Das ist schon in der Vorlage nicht wirklich gelungen und selbst Tcherniakov ist dazu nichts Überzeugendes eingefallen; das einzige Spannungsloch des langen Abends, vielleicht wäre hier doch der Griff zum Rotstift die bessere Lösung gewesen?

BSO Lulu1Eine, zwei, drei Lulus… Marlis Petersen im Spiegel (Foto: Wilfried Hösl)

Ob Kirill Petrenko das wohl mitgemacht hätte? Eher zweifelhaft, bekanntlich schätzt er Striche und Eingriffe gar nicht, der Chef läßt keinen Takt unters Pult fallen, ob da nun Lucia draufliegt oder Lulu. Mit besagter Szene tut zwar auch er sich schwer, ansonsten aber hält er ein Plädoyer für das Werk, einschließlich des dritten Aktes, wie man es sich überzeugender kaum denken kann. Berg ist kein Romantiker mehr, das macht Petrenko in jedem Moment deutlich, hier haben wir es mit einem Werk der Zeitenwende zu tun, inhaltlich wie kompositorisch. Unter Petrenkos sensibler und überaus differenzierter Stabführung klingt die zwölftönige Musik nie verkopft, abgehoben oder akademisch gekünstelt, sondern sehr klar und mit dosierter Emotion. Man ist einfach voll dabei, die technischen Schwierigkeiten nimmt man als solche eigentlich nicht war, das Staatsorchester spielt das so souverän, so sicher und unangestrengt als handle es sich hier um einen Strauss oder Puccini. Mit ähnlicher Akribie und Tiefenschärfe wie der Regisseur geht auch der Dirigent zu Werke, horcht hinein in die Musik und die Solopartien, gibt jeder dramatischen Situation und jedem Charakter seine unverwechselbare individuelle Klangfarbe und musikalische Textur. Spätromantische Klangräusche bleiben konsequent außen vor, sogar in den Orchesterzwischenspielen wird nicht ungeniert aufgedreht und geschwelgt, sondern reflektiert und vertieft. Gerade durch diesen Verzicht auf jegliche Effekthascherei gewinnt Petrenkos Dirigat seine Tiefe und entwickelt eine regelrechte Sogwirkung, die den Hörer in die Geschichte hineinzieht und dem Bühnendiskurs eine zusätzliche Ausdrucksdimension mitgibt. Auch diese Interpretation trägt wieder das Signum des Außergewöhnlichen, das man sich von diesem Ausnahmedirigenten erwartet.

BSO Lulu4Außer sich: Marlis Petersen (Lulu) und Bo Skovhus (Doktor Schön) – Foto: Wilfried Hösl

Natürlich steht und fällt jede Lulu-Aufführung mit der Besetzung der Titelrolle. Wenn man da keine stimmlich virtuose und darstellerisch glaubhafte Sängerin zur Verfügung hat, dann kann und sollte man es gleich bleiben lassen. In München konnte es nur eine geben: die famose Marlis Petersen. Die Künstlerin ist ja sozusagen die Lulu vom Dienst und absolviert hier bereits ihre neunte Neuinszenierung des Werkes, die zehnte steht im Herbst an der MET in New York auf dem Programm. Sicher kann man die Partie anders gestalten – aber besser? Wohl kaum. Petersen ist kein frühreifes Nymphchen mehr, sondern eine attraktive Frau und so singt sie die Partie auch: mit zwar schlank geführtem, aber eben doch fraulich-sinnlich timbrierten Sopran, brillanter Höhe und nuancierter Farbgebung, beziehungsreich und vom Wort her gestaltet. Petersen ist vollkommen in der Rolle und genießt spürbar die hier im Vergleich zu herkömmlichen Produktionen gesteigerte dialektische Sichtweise. Diese Frau ist nicht eine reine Männerfantasie und auch kein durch die Gegend irrlichterndes Etwas, sondern hat, allen Neurosen zum Trotz, ihr Zentrum. Dass die Männer damit nicht umgehen können und reihenweise an ihr zerbrechen… So what? Die Kühle und die Surrealität der Figur sind bei Petersen nicht Attitüde, sondern Charakter. Dabei könnte sie doch auch ganz anders! Und täte das vielleicht auch wollen, aber es kann in dieser Gesellschaft nicht sein. Die Sängerin geht in jedem Moment aufs Ganze, schont weder sich noch andere, zum ersten Mal überhaupt ist mir der tiefere Sinn von Bergs musikalischem Idiom, dem fast psychotischen Wechsel zwischen virtuosem Gesang, Sprechen und den diversen Mischformen davon, so unmittelbar deutlich geworden. Das Rätsel Lulu – Marlis Petersen löst es nicht auf, macht aber deutlich, worin es besteht. Ein fantastisches Rollenporträt! Da braucht es schon einen adäquaten Partner, um die verhänfgnisvolle amour fou zu Doktor Schön stattfinden zu lassen; einen so präzisen und persönlichkeitsstarken Menschendarsteller wie Bo Skovhus. Auch er gestaltet seine Partie äußerst differenziert und zeichnet den seelischen und psychischen Zerfall des Charakters bewegend anschaulich nach; von der selbstherrlichen Herrenmenschen-Pose zu Beginn schrittweise hin zum nervlichen Wrack. Kaum eine Nuance, kaum ein Affekt, den Skovhus seinem kernigen Bariton nicht entlocken könnte, auch er versteht sich virtuos auf die unterschiedlichen vokalen Stil- und Gestaltungsmittel, welche die Partitur erfordert. Da versteht dieser Dottore auch in der größten Seelenpein und Leidenschaft so herzerwärmend schön zu singen, dass alles zu spät ist… Ja, auch das geht bei Alban Berg.

BSO Lulu2Auflösungserscheinungen: Marlis Petersen (Lulu) und Daniela Sindram (Gräfin Geschwitz) – Foto: Wilfried Hösl

Der Rest des überaus langen Besetzungszettels besteht aus Episodenrollen und Comprimarii, viele davon als Doppel- und Dreifachbesetzungen konzipiert, als szenische Wiedergänger, die Kontinuität und Austauschbarkeit gleichermaßen suggerieren. Hier hat das Besetzungsbüro einmal mehr ganze Arbeit geleistet und ein auf hohem Niveau homogenes Team zusammengeholt, in dem keine Ausfälle oder Durchhänger zu beklagen sind: So steuert etwa Daniela Sindram eine visuell sehr androgyn gedeutete und wunderbar glutvoll gesungene Gräfin Geschwitz bei, äußerst bewegend ihre Klage um die tote Geliebte, mit der die Oper schließt; schon deswegen muss der dritte Akt sein. In der eher undankbaren Rolle des Alwa schlägt sich Matthias Klink wacker, die zuweilen etwas unfreie Tongebung passt durchaus zur Figur. Da hat Rainer Trost in den sehr unterschiedlichen Partien des Malers und des Negers sogar etwas mehr tenoralen Glanz zu bieten und der dritte im tenoralen Bunde, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Prinz, Kammerdiener und Marquis, ist sogar eine ausgesprochene Luxusbesetzung. Auch eine Oktave tiefer wird sehr ordentlich gesungen, etwa von Martin Winkler als Tierbändiger und Athlet und von Pavlo Hunka als verschlagenem Schigolch. Rachael Wilson ist gleich in drei Rollen zu sehen, als Gymnasiast, Garderobiere und Groom, ebenso wie Christian Rieger als Medizinalrat, Bankier und Professor. Christoph Stephinger (Theaterdirektor), Elsa Benoit (Fünfzehnjährige), Corneliua Wulkopf (Mutter), Heike Grötzinger (Kunstgewerblerin), John Carpenter (Journalist) und Leonard Bernad (Diener) komplettieren das umfangreiche Ensemble.

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