Auf CD: Christiane Karg “Scene!”

Wenn Frauen eine Szene machen, ist das für den Betroffenen ja im Normalfall eher humorbefreit… Und dann auch noch im Sixpack? Da muß man sich ganz warm anziehen, „der alte Sturm, die alte Müh“ wie Walvater im zweiten Walküre-Akt so weltweise kommentiert. In diesem Fall ist allerdings schnell Entwarnung angesagt, denn wir haben es mit dem neuen Solo-Album der Sopranistin Christiane Karg zu tun und da läßt man sich natürlich gerne ein paar Szenen machen, bzw. vorsingen.

CD Karg scene

„Scene!“, Szenen, heißt nämlich die gerade eben bei ihrem Hauslabel Berlin Classics erschienene CD. Mit Ausrufezeichen! Das Programm unfasst sechs Konzertarien von Mozart, Haydn, Beethoven und Mendelssohn-Bartoldy, entstanden zwischen 1796 und 1834. Der fast lapidar anmutende Titel erweist sich als treffend; wir haben es hier mit großer Oper im Miniaturformat zu tun, zwar ohne Inszenierung, aber mit den entsprechenden opernhaften Affekten, dramatischen Augenblicken und menschlichen Ausnahmezuständen zwischen Zorn, Verzweiflung, Bangen, Hoffen, Lieben und Jubeln. Arien, die ohne weiteres in einer zeitgenössischen Oper dieser Komponisten stehen könnten, und die doch hörbar einem anderen Genre angehören. In ihnen erscheinen die jeweils verhandelten Emotionen und Stimmungswechsel nicht nur äußerst verknappt – diese Stücke dauern im Schnitt jeweils zehn Minuten – sondern in ihrer Ausgestaltung auch sehr stilisiert und holzschnitthaft. Was Wunder, schließlich stammen fünf der sechs Textvorlagen von Pietro Metastasio und eine vom Idomeneo-Librettisten Gianbattista Varesco… Pietros Metastasen überschwemmten zur Zeit der Wiener Klassik und Vorklassik bekanntlich die gesamte Opernwelt, sprachgewandte, elegant klingende poetische Massenware, in denen keines der besungenen Gefühle jemals ernst genommen zu werden brauchte, alles eine Frage der Rationalität und des klassischen Ebenmaßes. Ein Glück, dass die Komponisten diese Wortkorsette immer wieder aufgebrochen und überlistet haben, so dass in den Vertonungen immer wieder aufrichtige und glaubhafte Emotionen über Metastasios Kunstsprache triumphieren. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist das letzte und wohl unbekannteste Stück auf der CD, Mendelssohns Infelice pensier – Ah, ritorna, età d’oro von 1834.

Dass Christiane Karg es wunderbar versteht, auch fragwürdige Textvorlagen vokal zu veredeln, hat sie schon letztes Jahr mit ihrer Strauss-CD (ebenfalls bei Berlin Classics, siehe Archiv März 2014) bewiesen. Hier besteht die Herausforderung in erster Linie darin, eine Syntese herzustellen zwischen opernhaftem Pathos und großer Geste einerseits und der individuellen Innenschau andererseits. Insbesondere bei letzterer begeistert die Sängerin einmal mehr mit wunderbar schimmerndem, fast elfenhaftem Glanz, schwebenden und doch körperhaft gestützten piani und kultivierter Linienführung. Aussprache und Wort-Ton-Relation sind auch im Italienischen ausgezeichnet, gerade die ruhigen, kontemplativen und flehenden Mittelabschnitte der Szenen sind sehr berührend und lohnen alleine schon die Anschaffung der CD. Etwas schwerer tut sich Karg mit den pathetischen Rezitativen und großen Schlußsteigerungen, hier könnte man sich sicherlich ein wenig mehr Vokaldramatik und ein größeres Auftrumpfen vorstellen, etwa im einleitenden Ah perfido op.65 von Beethoven, hier hat man, ob man will oder nicht, halt Maria Callas‘ geballte Norma-Power im Ohr… Aber Christiane Karg ist viel zu schlau, um hier zu forcieren oder um etwas vorzutäuschen, was sie nicht ist. Sie konzentriert sich auf das enorme lyrische Potenzial des Programms und bietet einen sehr individuellen, künstlerisch absolut überzeugenden Zugang.

Zum sehr positiven Gesamteindruck der Einspielung trägt auch das Kammerorchester Arcangelo unter der Leitung von Jonathan Cohen seinen guten Teil bei; das Orchesterspiel ist durchgehend kompakt und musikantisch direkt, dabei aber flexibel und transparent, der Dialog zwischen Singstimme und Instrumenten teilt sich auf sehr natürliche Weise mit. Wie schon bei Strauss mit Felix Klieser hat sich Christiane Karg auch diesmal wieder namhafte Gastsolisten ins Boot geholt: Malcolm Martineau spielt bravourös den Klavierpart in Mozarts Ch’io mi scordi di te und die Geigerin Alina Pogostkina gibt dem großen Solo in der Mendelssohn-Arie den Charakter einer zweiten Singstimme.

Dennoch empfielt es sich, diese CD portionsweise zu genießen, immer mal eine oder zwei Arien, statt das gesamte Angebot auf einmal. So fallen gewisse Redundanzen der Komposition nicht ganz so als solche auf.

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