BR-Symphonieorchester/ Yannick Nézet-Séguin – 25.6.2015

„Aimez-vous Brahms?“ – Ach, immer diese Gewissensfragen…! So heißt bekanntlich auch ein französischer Film aus den Sechziger Jahren; und ich für meinen Teil – regelmäßigen Lesern dieser meiner Betrachtungen wird das nicht entgangen sein – kann dazu nur sagen: Nein, ich liebe ihn ganz und gar nicht. Einige seiner Werke mögen durch besondere Interpretationskunst und in besonnener Dosierung zuweilen noch erträglich sein, die große Masse der Brahms-Konzerte hingegen ist schlicht deprimierend, tranig und liegt im musikalischen Magen wie ein doppelstöckiger Granit-Burger. Mit einem Wort: schlechte-Laune-Musik pur. Und dann gibt es noch Ein deutsches Requiem op.45… Das ist sozusagen Hardcore-Brahms, einer der größten Mürbemacher des Repertoires, eineinviertel einstündiges Waten im knietiefen Betroffenheitsmatsch, schwarzbrotgenährter und zwischen Taktstriche gepresster protestantischer Kaltkaffee. Klar, es ist ein Requiem. Dass es da von Haus aus unlustig und latent pathetisch zugeht, versteht sich von selbst. Trotzdem: der Requien sind viele in der Musikgeschichte und wie ein Mozart, ein Berlioz, ein Britten und natürlich vor allem Giuseppe Verdi diese Auseinandersetzung mit Tod, Vergänglichkeit, Hoffnung und Auferstehung gestaltet haben, mit welch titanisch ringender Emotionalität… Davon ist der Vollbart-Musiker von der Waterkant weiter entfernt als die Erde vom Jupiter. Die Texte, ein selbst zusammengestelltes Best-of aus Luthers Bibelübersetzung, sind mit ermüdender Monotonie und staatstragender Schwere in Musik gesetzt. Niemand, der das Deutsche Requiem nicht kennt, macht sich eine Vorstellung davon, wie lang sich 75 Minuten anfühlen können.

Warum ich mir das – einigermaßen – freiwillig angetan habe? Die naheliegende Antwort lautet: Abonnement. Mattes Argument, ich weiß. Hätte die Karte ja weiterverticken können. Zweiter Versuch: YNS, Yannick Nézet-Séguin am Pult des BR-Symphonieorchesters und Chores. Daher wehte natürlich der Wind. Einer der von mir derzeit am meisten geschätzten Maestri der jungen Generation, vielleicht würde er es ja schaffen, das Deutsche Requiem zu knacken, ihm un-erhörte Offenbarungen musikalischer wie geistiger Natur zu entlocken? „Lasst, die Ihr eintretet, alle Hoffnung fahren“, um es mit Papà Dante zu sagen. Dirigent, Orchester und Chor konnten nichts dafür, im Gegenteil, sie bemühten sich mit aller vorstellbaren Seriosität und Musizierlust um das Werk.

BRSO YNS 2015Entspannte Stimmung trotz Brahms: Christiane Karg und Yannick Nézet-Séguin bei der Probe (Foto: Bayerischer Rundfunk)

Es war absolut beeindruckend zu erleben wie Nézet-Séguin mit den Seinen die Musik entfettet und entschlackt, einen schlanken und dennoch weichen, jederzeit faszinierend transparenten Klang produziert. Jegliche instrumentale Rafinesse, jeder thematische Einfall, jede satztechnische Feinheit und jeder Klangzauber hätte sich wunderbar übersetzt; wenn es all das in dieser Partitur gäbe. Das Orchester und der wie immer fantastische Chor des Bayerischen Rundfunks in der Einstudierung von Michael Gläser gaben wirklich alles und ließen auch den Schluß in einem schier unglaublichen, geradezu transzendenten pianissimo verklingen. Eine ganz lange Pause, über die der Dirigent den Saal ruhig zu halten vermochte, dann langsam aufkommender Beifall. Brahms hatte sie alle geschafft.

Verglichen mit anderen Requiem-Vertonungen sind die Solopartien hier eher stiefmütterlich abgehandelt und bieten auch sängerisch wenig „Futter“. So hat der Sopran leider nur einen einzigen Auftritt; den aber nutzte Christiane Karg, um die Düsternis zumindest momentweise mit ihren silbrig schimmernden Herzenstönen aufzuhellen. Der einzige Moment des Abends, wo sich bei mir, zumindest im Ansatz, emotionale Anteilnahme einstellte. Sogar noch eine Spur undankbarer sind die beiden Bariton-Soli. Das ist allerdings keine Entschuldigung für den lustlosen Auftritt von Matthias Goerne, der sich während der langen Chorsätze mit sichtlich genervtem Gesichtsausdruck auf seinem Stuhl herumlümmelte; als er dann endlich dran war, irritierte er mit mulmiger Diktion und maniriertem Vortrag, einzelne längere Noten brachen weg. Einsingen? Wozu denn?

Nicht verschwiegen sei noch, dass es an diesem Abend nicht nur Brahms zu hören gab, sondern im ersten Teil auch Haydn, genauer gesagt dessen Symphonie e-moll Hob.I:44. Mit dem Beinamen Trauersymphonie schien das Stück bestens in den emotionalen Kontext des Abends zu passen, allerdings entschließt sich dieser beim Hören nicht und in der Tat wurde er auch lange nach der Uraufführung posthum übergestülpt. Vielmehr wird das klassisch viersätzige Werk von einer gewissen feierlichen Bewegtheit beherrscht, die vielen Temporückungen und –kontraste sowie die liebevoll ausgearbeiteten Instrumentalsoli kosteten Nézet-Séguin und die Musiker wunderbar aus und brachen die formale Strenge der Komposition immer wieder dialektisch auf; ein Hörgenuß!

In der kommenden Saison werden wir wieder mit YNS das Vergnügen haben, dann mit Wagner-Szenen und Bruckners 7. Symphonie… Da sind wir dabei!

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