Prinzregententheater München: Liederabend Pavol Breslik – 30.6.2015

„Heiß hier!“ – Mit diesem Stoßseufzer wandte sich Pavol Breslik halb entschuldigend ans Publikum, nachdem er nach einer außerplanmäßigen (Trink?)pause im ersten Teil wieder aufs Podium zurückgekommen war. Und auch vor der letzten Zugabe meinte er „Einen gibt’s noch, dann gehen wir ein Eis essen!“. In der Tat war der Sommereinbruch in der Landeshauptstadt mit Temperaturen um die dreißig Grad auch bei diesem ersten Festspiel-Liederabend im gut besuchten Prinzregententheater ein Thema; da ist kein Sänger zu beneiden, der in diesem stickig-heiß aufgeladenen Saal performen muss. Doch Publikumsliebling Breslik zeigte sich den ganzen Abend nicht nur sympathisch menschelnd, sondern auch bestens bei Stimme und als seriöser, ausdrucksstarker Liedinterpret. Dabei hielt der Sänger sich nicht mit Abseitigem auf, sondern feuerte eine volle Breitseite populäres Liedgut in zwei Sprachen ab. Der erste Teil war zur Gänze Franz Schubert gewidmet, vom Musensohn bis zum Erlkönig, da wurde Silvia ebenso besungen wie die Nachtviolen und der „alliebende Vater“Ganymed, ein Klassiker nach dem anderen. Bresliks Vortrag verschmilzt jugendlichen, zuweilen fast burschikosen, Charme mit schwebenden romantischen Sehnsuchtstönen, immer poetisch und nie in der Gefahr die Kitschgrenze zu touchieren. Das kam vor allem den ausgesprochenen Nachtstücken wie Nacht und Träume, Im Abendrot oder Ständchen zugute, wo Breslik mit exzellenter Technik, stupender messa di voce und farbenreichem Vortrag wunderschöne musikalische Miniaturen kreiierte. Opernhafte Attitüde und Pathos versagt sich der Künstler fast durchweg, lediglich im Erlkönig zeichnet er die dialogische Struktur mit gesteigerter Espressivität nach; ohne jedoch so ins Extrem zu gehen wie manche anderen Kollegen und wirklich mit vier Stimmen zu singen. Nach dem letzten, fast nur noch in den Saal gesprochenen, „das Kind… war tot“ war erstmal Durchschnaufen und dann Pause angesagt. Breslik LiederabendFoto: Wilfried Hösl Der zweite Teil begann mit der Ankündigung, die Liedgruppen umzustellen, „wenn das für Sie in Ordnung ist“. War es, null Problemo. Wie ausgedruckt begann es mit einer kleinen Auswahl von Tchaikovskij-Liedern, natürlich angeführt von der Serenade des Don Juan; ein Bravourstück sämtlicher russischen bzw. slawischen Bässe und Baritone, hier in der ungleich selteneren Tenorfassung und mit verführerischem Schmelz serviert. Auch die anderen Titel gehörten wiederum zu den bekannteren des Komponisten, ebenso wie im darauffolgenden Strauss-Block die notorischen Dauerbrenner wie die Heimliche Aufforderung, Zueignung und Morgen nicht fehlen durften. So angenehm unpretenziös, schlank und viril gesungen entfalteten auch diese einen unbezwingbaren Reiz, zumal hier auch die große Stunde des Pianisten Amir Katz schlug; kein Lied“begleiter“ im eigentlichen Sinne, sondern ein wunderbar suggestiver Musiker, der hörbar von der großen Solo-Literatur herkommt und dieses pianistisch anspruchsvolle Programm traumwandlerisch sicher und mit großer stilistischer Bandbreite meisterte. Das gilt auch für die abschließenden drei Romanzen von Sergej Rachmaninov, in den Breslik und Katz trotz der überwiegend elegisch breiten Tempi keinen Moment der Monotonie aufkommen ließen und für eine perfekte Klang-Wort-Balance sorgten. Mit drei Zugaben – einem Lied von Dvořák, Strauss‘ Ich trage meine Minne und einer hinreißenden Widmung von Schumann – wurde man am Ende eines wunderbaren Konzertes schließlich in den Sommerabend entlassen, sei es zum Konsum von Eis oder hopfenhaltigen Erfrischungsgetränken… Auf weitere Liederabende mit Pavol Breslik und Amir Katz darf man sich freuen. Nur eine kleine Bitte, wenn das in Ordnung ist, hätte ich doch: vielleicht ein wenig mehr Mut in der Programmgestaltung und gerne ein paar uns noch unbekannte Lieder aus Bresliks Heimat?

Dieser Beitrag sowie derjenige zu “Pelléas et Mélisande” sind auch bei den geschätzten Kollegen von http://www.operalounge.de verfügbar.

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