Bayerische Staatsoper: “Arabella” – 6.7.2015

Auf und nieder, immer wieder…

Gibt es irgendwo in der Musikgeschichte eine Oper, die noch dümmer, noch reaktionärer und noch frauenfeindlicher ist als Arabella? Mal scharf nachdenken… Also, hmmm… Nein, eigentlich fällt mir gerade keine ein. Das ist schon ein übles Gebräu, was Strauss und vor allem sein Librettist Hugo von Hofmannsthal einem da vorsetzen. Das Stück geht nämlich so: ein verarmtes Adelspaar hat zwei Töchter, von denen eine aus Kostengründen als Junge gehalten wird und die andere gewinnbringend an einen solventen alten Bock verscherbelt werden soll. Da der dazu Ausersehene mittlerweile verblichen ist, steht plötzlich ein singender Karpatenbär im Reisepelz (!) auf der Matte; der Neffe und Erbe des alten Kommisskopfes nämlich und derzeit „der einzige Mandryka“. Der ist reich und von nicht nachzuahmender Männlichkeit, Glück gehabt! Zwischen Kolchosenmacho und kapriziöser Adelszicke funkt es sofort, sie säuselt, er solle ihr Gebieter sein und sie werde folgen wie ein Kind… Happy End, Vorhang und gut ist? Leider nicht. Hugo von musste sich nämlich noch einen dritten Akt aus den Rippen schneiden… Dafür setzt eine Operetten-Intrige à la bonheur ein, ein plattes Mißverständnis und ein Tenor, der am Morgen nach erfolgter Verrichtung nicht weiß, welche der beiden Damen er nächtens beglückt hat, sorgen für viel dramaturgischen Klimbim, bis sich in der Früh im Stiegenhaus alles in Wohlgefallen auflöst. Die Testosteronbombe Mandryka ist da längst explodiert, hat Arabella, ihre Familie und sich selbst blamiert bis auf die Knochen. Und? Ja, was schon? Sie kommt angeschlichen und serviert nach Altväter Sitte ein Glas Wasser als Zeichen hündischer, äh häuslicher, Devotion… Charakter? Kommt hier nicht vor. Diese Oper, und dieses Ende zumal, sind einfach abscheulich. Da kann mich jetzt von mir aus die Strauss-Anhängerschaft prügeln und verdammen, aber dieses Machwerk ist sowas von daneben, abgeschmackter geht es kaum. Das läßt sich auch mit Musik nicht retten.

Wie – und vor allem warum – bringt man so etwas im 21. Jahrhundert noch auf die Bühne? Am besten gar nicht, klar. Aber wenn schon… Dann eigentlich nur, weil man für die Titelrolle eine Sängerin hat, die solches Dilemma auflöst und sublimiert, vor deren Vokalreichtum und Ausdrucksstärke der größte Arabella-Verächter am Ende des Tages die Waffen streckt und phasenweise so etwas wie Sympathie für das Frauenzimmer empfindet. Oder einen Regisseur, der sich das Teil mal ganz gepflegt vornimmt, auseinanderhaut und schaut, was man aus den Teilen machen könnte. Erstere ist in dieser Festspiel-Produktion der BSO vorhanden, letzterer nicht.

Arabella_Harteros_Müller c) W Hösl 5M1A4285“Wir Schwestern zwei, wir Schönen…”: Anja Harteros (Arabella) und Hanna-Elisabeth Müller (Zdenka) – Foto: Wilfried Hösl

So, das musste jetzt einfach mal gesagt werden. Davon abgesehen gestaltete sich die Premiere zu einem rauschenden Sänger- und Orchesterfest, wie man es nur an den ersten Adressen der Musikwelt erleben kann, ein vielköpfiges Ensemble ohne jedwede Schwachstelle, getragen und animiert von einem Staatsorchester in Hochform. Dafür sorgte am Pult Philippe Jordan, der hier genau die richtige Balance zwischen Sentiment und Würze findet; mit voller orchestraler Süffigkeit, aber erfrischend unschwülstig, fein auf Linie gespielt und doch mit körperhafter Fülle und Gewicht. Mehr Qualität und Originalität als drin ist kann auch er der Partitur naturgemäß nicht entlocken, aber der schöne Schein ist wenigstens wirklich ein solcher und das Orchester kann unter seiner straffen, aber doch flexiblen Führung zeigen, was es drauf hat. Das kann dann auch schonmal klanglich massiv und dominant werden, der sensibelste Sänger-Dirigent ist er nicht unbedingt. Mit einiger Dankbarkeit nahm man den Einsatz des Rotstiftes zur Kenntnis, vor allem im zweiten und dritten Akt hatte Jordan einige beherzte Striche vorgenommen.

In der Arabella-Partie ist viel die Rede vom „Richtigen“, heute im Sex and the City-Zeitalter täte man sagen „Mr. Right“, der irgendwie und plötzlich dann dasteht und alles wird gut. Sieht jedenfalls Madame Arabella so; für uns andere ist es wohl eher „die Richtige“ auf die wir gewartet haben und die plötzlich auf der Bühne steht und nichts weniger als ein Gesangswunder vollbringt. Und das kann niemand anderes sein als die wunderbare Anja Harteros, diese Sopran-Magierin verwandelt nicht nur den infamsten Librettoschmus in pures Klanggold, sie gibt der Figur sogar ein menschlich berührendes Gesicht; gerade indem sie die Zickigkeit, den Standesdünkel und die mangelnde Selbstsicherheit Arabellas nicht mit meterdickem vokalen Zuckerguss zukleistert, sondern ungeniert stattfinden läßt, formt sie diesen für uns heute kaum noch nachvollziehbaren Charakter zu einer blutvollen Theaterfigur. Dies weiß sie im präzise artikulierten Parlando ebenso prägnant in Töne zu bannen wie in den berühmten Strauss-Kantilenen, die bei ihr zu Exzessen gesanglicher Leuchtkraft und Intensität werden und immer wieder eine Ahnung davon vermitteln, was Musik über Worte und gesellschaftlichen Kontext hinaus ausdrücken kann. Hier erleben wir den Triumph einer Sängerin über die Rolle, eine Transformation durch die Meisterschaft der menschlichen Stimme. Mehr kann Oper, kann Interpretation eigentlich nicht leisten!

Arabella_Harteros c) W. Hösl 5M1A5848Der Magierin zu Füßen: Anja Harteros in der Titelrolle (Foto: Wilfried Hösl)

Dass der Rest des hier versammelten Sängerhimmels neben diesem Zentralgestirn nicht vollends verblasst, zeigt schon, wie gut und kennerhaft auch diese Premierenbesetzung wieder zusammengestellt ist; die zumeist wahl- und lieblos zusammengestopselten Besetzungslisten früherer Zeiten gehören am Max Joseph-Platz zum Glück der Vergangenheit an. Merke: das ist keine Allerweltsbesetzung, auch wenn Mayer, Müller und Kaiser mitwirken…! Schon optisch bietet der großgewachsene Thomas J. Mayer ein überzeugendes Gegenstück zu Harteros und punktet mit gewohnt prägender Bühnenpräsenz, obwohl die Kostümbildnerin Sabine Greunig ihn in eine eher an den fliegenden Holländer erinnernde schwarze Schlabberkluft gesteckt hat. Mit kultivierter Linienführung, sicherer Höhe und schöner großbogiger Phrasierung kann dieser Mandryka relativ lange verbergen, dass er „ein halber Bauer“ sein möchte, da wäre ab und an vielleicht sogar ein wenig mehr vokales Taiga-Feeling vorstellbar gewesen. Die große Sympathieträgerin in den meisten Arabella-Aufführungen ist die kleine Schwester Zdenka, die keine Schwester sein darf, die Hosenrolle wider Willen. Das war hier nicht anders, Hanna-Elisabeth Müller macht daraus ein – soweit überhaupt möglich – stimmiges Rollenporträt und eine faszinierend androgyne Bühnengestalt. Zugleich verströmt sie soviel an lyrischer Emphase und vokalem Glanz, dass ein paar wenige, möglicherweise hitzebedingt, etwas unstete Spitzentöne nicht ins Gewicht fallen. Tenöre waren bekanntlich nicht gerade die Freunde des Komponisten und kaum ein Tonsetzer hat die Herren vom hohen C mit ähnlich nickligen und zudem noch äußerst undankbaren Partien gepiesackt wie der Garmischer. In Arabella gibt es gleich zwei davon, beide hochtönig angelegt und vergeblich schmachtend hinter der Protagonistin her, für den einen, Matteo, gibt’s am Ende immerhin noch das Schwesterchen zu erben, das nun endlich eines sein darf… Joseph Kaiser müht sich wacker mit der fiesen Tessitura und erreicht immerhin ein gutes Unentschieden; man sollte tunlichst vergessen, dass der Matteo in der Vor-Vorgängerinszenierung mal Peter Seiffert hieß… Der andere, Graf Elemer, ist Bestandteil einer operettenhaften Freier-Trias von unstrittigem Trashpotenzial und Dean Power, in dieser Saison als tenorale Allzweckwaffe im Dauereinsatz, singt ihn so fulminant, dass das Wort „Rollentausch“ am Bühnenportal aufzuleuchten scheint. Die beiden Mitbewerber, Andrea Borghini (Dominik) und Steven Humes (Lamoral) agieren deutlich unauffälliger. Heike Grötzinger als etwas grell tönende Kartenaufschlägerin hatte den Abend eröffnet und Eir Inderhaug nutzte ihren Episodenauftritt als etwas aufgesetzt zeitgeistig zur Leder-Domina gemachte Fiakermilli, um eine Extraportion koloraturenseligen Frohsinns zu verbreiten.

Zwei besondere Besetzungsschmankerl waren für das Elternpaar reserviert, mit Doris Soffel als Gräfin Adelaide und Kurt Rydl als Waldner waren diese beiden relativ kleinen, aber nicht unwichtigen Partien geradezu luxuriös besetzt. Während sich Rydl in breitestem „Weanerisch“ und zuweilen arg polternder Attitüde an einigen Stellen schon hart an der Geschmacksgrenze, wenn auch noch nicht darüber hinaus, bewegt, ist der Auftritt von Doris Soffel die Schau an sich. Insbesondere im ersten Akt fegt sie durch die Zimmerfluchten wie eine Lady Macbeth im Nachtpolter und versteht es dazu noch, ihren hochdramatischen Gestus mit feiner Selbstironie abzuschmecken. Die Stimme des langjährigen Münchner Publikumslieblings ist vollkommen intakt und substanzreich wie eh und je, der frenetische Applaus sicherlich auch eine Aufforderung, bald in einer größeren Partie wiederzukommen.

Arabella c) W. Hösl5M1A5794Treiben im Treppenhaus… Vorne rechts Thomas J. Mayer als Mandryka (Foto: Wilfried Hösl)

War noch was? Ach ja, inszeniert war der Abend – angeblich – auch noch. Das freilich muss sich um einen Irrtum gehandelt haben, denn was der in seinem Metier durchaus geschätzte Filmregisseur Andreas Dresen hier arrangiert hat, ist allenfalls harmlose Konventionalität. Wenn man etwas Positives darüber sagen kann, dann nur, dass diese Visualisierung nicht weiter stört. Und das ist, ich sagte es eingangs, gerade für ein so problematisches Stück einfach nicht genug. Von der Kostümierung her versetzt Dresen die Handlung ohne semantischen Mehrwert in die Entstehungszeit der Oper, das Bühnenbild von Matthias Fischer-Dieskau – der neben Jordan und Dresen das Trio der Söhne namhafter Väter komplett macht – besteht aus vier sternförmig ineinander gesteckten drehbaren Treppen. Diese werden, vor allem im zweiten Akt, von Personal in elegantem Schwarz-Weiß mit einigen roten Farbtupfern bespielt, Gestalten gehen von unten nach oben und vice versa, auf und nieder, immer wieder… Soll ja so aussehen, als sei hier etwas inszeniert. Eine kleine Orgie wird angedeutet und irgendwo im Hintergrund flanieren ein paar NS-Uniformen vorbei; vielleicht hat Dresen sich erzählen lassen, man sei ohne kein richtiger Opernregisseur? Den einzigen echten Regieeinfall hat er sich bis zum Schluß aufgespart, wenn nämlich Arabella dem Grobian das ominöse Glas Wasser nicht serviert, sondern es ihm mit Aplomb in die Goaschn kippt, woraufhin beide sich einen drolligen Treppen-Wettlauf in Richtung Schlafgemach liefern. Wirklich was aussagen tut das eigentlich auch nicht, aber man wird irgendwann selbst für so etwas dankbar.

Nennenswerte Opposition gegen das Gebotene artikulierte sich nicht; das Konzept, die Kundschaft durch musikalische Großtaten in Feierlaune zu singen und zu spielen, war offenbar aufgegangen. Für die kommende Saison ist im Bereich Regie allerdings sehr viel Luft nach oben und eine sorgfältigere Auswahl der Regieteams dringend geboten. Denn vier (!) von sechs Premieren szenisch so zu vergeigen wie in dieser Saison geschehen, das läßt sich mit dem Anspruch des Hauses wohl kaum vereinbaren…!

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