Bayerische Staatsoper: “Tristan und Isolde” – 8./12.7.2015

“Mild und leise”, zum letzten Mal…

Da stand sie nun. Alleine vor einer gigantischen Menge schweren rot-goldenen Stoffes, vor dem Vorhang, umtost vom schier grenzenlosen Jubel des bis unters Dach ausverkauften Nationaltheaters. Hier wurde nicht einfach eine Sängerin gefeiert für die Leistung der vorangegangenen fünf Stunden, hier verabschiedete sich eine Hohepriesterin von ihrer Gemeinde. So jedenfalls der Eindruck; ganz verabschiedet hat sich Waltraud Meier zum Glück noch nicht, aber es waren, seit Monaten angekündigt, ihre letzten beiden Isolden. Große Emotionen, Bravi, Blumen und frenetischen Jubel, das ist man alles gewohnt, wenn Wagners Tristan und Isolde auf dem Spielplan steht, doch an diesen beiden Abenden gab es noch einen Gefühlszuschlag oben drauf. Denn Waltraud Meier ist schließlich nicht irgendeine Isolden-Interpretin, sie hat die Wahrnehmung dieser Rolle in den 22 Jahren seit ihrem Bayreuther Rollendebüt 1993 in einer Weise künstlerisch geprägt wie keine andere lebende Kollegin. Dass Meier als genuiner Mezzosopran nie über die stählerne Sopran-Power und den klassischen Heroinenton einer Varnay, einer Nilsson oder zuletzt einer Schnaut oder Herlitzius verfügt hat, versteht sich eigentlich von selbst und wurde dennoch über die Jahre immer wieder kontrovers diskutiert. Meiers Isolde war anders als die meisten Vorgängerinnen und Weggefährtinnen; hatte rotglühendes Mezzofeuer, eine geradezu unverschämt sinnlich-erotische Stimmfarbe und vor allem eine ungemein wandelbare, in jedem Augenblick betörend menschliche Aura. Furie, stolze Prinzessin, der Weltenwonne Walterin; aber auch bis zur Raserei liebende Frau und schließlich Seelenextase, losgelöst von irdischen Zwängen und Affekten, die Auflösung der eigenen Existenz im Kosmos. Um nichts anderes geht es im Tristan, das ist eine larger-than-life-Vergegenwärtigung, die hier gefragt ist und die mich, wie viele Opernfreunde meiner und der folgenden Generation immer wieder künstlerisch wie emotional geprägt hat.

Meier IsoldeFoto: Wilfried Hösl

Bekanntlich soll man ja aufhören, wenn es am Schönsten ist und auch Staatsintendant Nikolaus Bachler benannte in seiner wie immer sehr charmanten und beziehungsreichen Ansprache nach der letzten Vorstellung die Fähigkeit, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, wann man sich einer Rolle nähern und wann man sie wieder verlassen sollte, als das Signum der großen Künstlerpersönlichkeiten. Und, nimmt man diese beiden Abende zum Maßstab, so hat Waltraud Meier „ihre“ Isolde im Zenith abgelegt; so fulminant gesungen, so deutlich, so stimmstark und so fokussiert hat man sie in dieser Rolle seit einiger Zeit nicht mehr hören dürfen, aber hier stimmte wieder alles, die Stimme blühte in der Mittellage wunderbar, saß perfekt auf dem Atem und schien fast die Zeit anzuhalten. Da erklang keine beiläufige Phrase, die gesamte Partie war durchgestaltet und vokal erfasst bis ins Letzte, “süß in Düften sich verhauchend”. „Mild und leise…“, ein letztes Mal. Da blieb kaum ein Auge trocken.

Aber auch die anderen Sänger, bzw. die allermeisten davon, hatten großen Anteil daran, dass sich zwei denkwürdige Wagner-Abende ereignen konnte. So war etwa René Pape, wie schon so oft in all den Jahren, Meiers König Marke; gekriegt hat er sie natürlich auch zum Abschied nicht. Da hatte der Komponist was dagegen und ließ den hintergangenen König am Schluß des zweiten Aktes umso ergreifender und wehmütiger klagen. Eine Szene, die nicht umsonst zu den Höhepunkten dieser Oper, wenn nicht des Wagner-Repertoires überhaupt, gehört und die in zwanzig Minuten ein Schicksal resümmieren kann. Zumindest dann, wenn ein so ausdrucksstark und balsamisch schön singender Interpret wie Pape auf der Bühne steht, vor dieser Demonstration von Bassfülle, Gesangskultur und Intensität kann man sich nur verneigen.

Was die männliche Titelrolle und deren Besetzungsproblem angeht, sind schon Bände geschrieben worden. Wohl dem Opernhaus, das nach der Absage von Peter Seiffert in kürzester Zeit einen Tristan wie Robert Dean Smith präsentieren kann! Mit Partnern und Inszenierung bereits von früheren Gastspielen vertraut, fügte er sich völlig reibungslos ins Geschehen ein und zog seine gesammelten stimmlichen Trumpfkarten. Das sind nun nicht wenige, eine kluge Einteilung der sängerischen Kräfte und Stehvermögen gehören ebenso dazu wie die präzise Intonation und technische Sicherheit, die gute Textverständlichkeit und der elegante, kultivierte Vortrag. Dieser Tristan beherrscht seine Partie anstatt, wie leider viele Kollegen, von ihr beherrscht zu werden. Wenn ich dennoch nicht restlos glücklich bin mit seinem Tristan – und man geniert sich heutzutage ja beinahe, das zugeben zu müssen – so liegt das an einer gewissen Blässe, die der Künstler ausstrahlt, einer latenten Monotonie, einem nicht eben ausgeprägten Spektrum an Farben und Affekten. Smith‘ Tristan kommt stets sehr kontrolliert und korrekt rüber, die Extase blieb allerdings seiner Partnerin und dem Orchester vorbehalten.

Meier Smith“O sink hernieder, Nacht der Liebe…”: Waltraud Meier und Robert Dean Smith im 2.Akt (Foto: Wilfried Hösl)

Als Brangäne und Kurwenal haben wir in München sicherlich schon überzeugendere Besetzungen erlebt als diese hier. Das große Bedauern über den Bühnenabschied von Elisabeth Kulman bekam hier nochmal einen Schub; allerdings hätte man an der BSO, Festspielsommer hin oder her, eine bessere Sängerin als Michelle Breedt finden müssen, da war kaum eine wirklich sauber gesungene Phrase ohne brüchige, gestemmte oder unschön in den Hals gesungene Töne dabei und auch darstellerisch bot sie kaum mehr als Klischees. Nicht in Bestform zeigte sich, vor allemin der ersten Vorstellung, auch Alan Held, der hörbar um Stimmkontrolle und präzise Tongebung zu kämpfen hatte. Dringend neu besetzt werden sollte der Melot, den jetzt wieder Francesco Petrozzi in seiner bekannten Art und Weise gab, während Dean Power als junger Seemann sehr positiv auf sich aufmerksam machte und Kevin Conners als Hirte und Christian Rieger als Steuermann das Ensemble ergänzten.

Einen großen Aktivposten und musikalischen Brennpunkt bildete das famos spielende Staatsorchester unter der Leitung von Philippe Jordan. Nun hat ja die kürzlich erfolgte und mittelfristig zu vollziehende Ernennung Petrenkos beim Hauptstadtorchester bereits zu wüsten Spekulationen über die Nachfolge geführt und jeder halbwegs namhafte Dirigent, der in diesen Wochen und Monaten am Pult der BSO aufkreuzt, sieht sich verschärfter Beobachtung ausgesetzt, ob er womöglich zu den „Papabili“, den aussichtsreichen Kandidaten, gehören könnte… Zunächst konnte man sich aber mal über ein Tristan-Dirigat freuen, das sich stilistisch vollkommen von den bisherigen Interpretationen von Mehta und Nagano unterscheidet. Zwischen dem nicht immer präzisen Bauchmusiker Mehta und dem glasharten Analytiker Nagano findet Jordan einen sehr persönlichen und durchaus überzeugenden eigenen Weg, den man vielleicht mit „traditionell, aber aufgeklärt“ beschreiben könnte. Der Orchesterklang ist schwerer und dunkler als zuletzt gewohnt, durch konsequente Farbenmischung kompakt und eher theatral denn kontemplativ. Für Jordan ist der Tristan eine Oper, ein musikalisch erzähltes Drama, das aber zuweilen über die erzählte Geschichte hinausweist. Gerade im Vorspiel und über weite Strecken des zweiten Aktes erzielt der Dirigent eine große innere Ruhe der Musik, ein Klangkontinuum von großer Sogwirkung. Die starke emotionale Wirkung des Dirigates ging nie auf Kosten der Genauigkeit, die erzählerischen Höhepunkte der Partitur waren mustergültig in den orchestralen Fluß eingebunden, so dass die Interpretation bei aller Differenzierung sehr homogen und in sich geschlossen wirkt. Ganz unabhängig von der Nachfolgefrage würde man diesen Musiker in Zukunft gerne öfter hier am Pult sehen.

Diese beiden Tristane waren wahrlich unvergessliche Opernabende und Festspielhöhepunkte. Glücklich, wer dabei sein durfte! Der Abschied von Peter Konwitschnys Inszenierung ist das angeblich noch nicht gewesen, dem Vernehmen nach soll sie, mit neuer Isolde am Start, in der übernächsten Saison in den Spielplan zurückkehren.

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