Bayerische Staatsoper: “Eugen Onegin” – 26.7.2015

Ein grandioser PR-Coup, das muß man schon sagen. Geradezu aus dem Lehrbuch, dieser Ringtausch, den Anna Netrebko und ihr Management hier durchgezogen haben… Wir erinnern uns? Aber sicher, ist ja gerade ein dreiviertel Jahr her, dass die Primadonna kurzerhand aus den Proben zur Manon Lescaut ausgestiegen ist; warum und weshalb auch immer. So kam es nun zu besagtem Tauschhandel, Manon gegen Tatjana, mit der Kollegin Kristine Opolais, die eigentlich auch in diesen beiden Onegin-Festspielaufführungen als die schwärmende Unschuld vom russischen Lande besetzt war und sich nun als Manon an der Seite von Jonas Kaufmann im Tal des Todes wiederfand; so schnell kann das gehen. Die beiden verwaisten Onegine waren nun frei für Netrebko, welche durch einen Auftritt in dieser speziellen Inszenierung nun den Nachweis führen konnte, doch eigentlich rein gar nichts gegen moderne Regie als solche zu haben… Soviel zur Vorgeschichte. Da die Chefetage darauf verzichtet hatte, für den Onegin nachträglich noch den bei Netrebko-Abenden üblichen Topzuschlag zu kassieren, konnte man Anna zu durchaus volkstümlichen Tarifen – ab zehn Euronen für einen Steher – genießen, das kommt so bald nicht wieder. Jedenfalls dann, wenn man eine Karte ergattert hatte; denn mit einem Mal wollten sie doch alle wieder rein, selbstverständlich auch diejenigen, die diese Produktion gar nie nicht mehr sehen wollten… Frau N. aus K. macht eben auch solche kleinen Wunder möglich.

Ausverkauftes Haus, festlich gestimmte Atmosphäre in Rang und Parkett, Sängerprominenz auf allen Positionen – es hätte ein wunderbarer Opernabend werden können! Leider hatte der Mann am Pult etwas dagegen: so hat man Tchaikovskij seit langem nicht mehr gehört und vor allem hatte man gehofft, ihn nie wieder so hören zu müssen. So verkitscht und klanglich verfettet, so entsetzlich zerdehnt und verhudelt nämlich, wie Leo Hussain das hier ablieferte: das war Larmoyanz statt Melancholie, Bräsigkeit statt Eleganz und Klischee statt Emotion. Ein wirklich fataler Fehlgriff, keinen Moment lang kam so etwas wie musikalischer Fluß oder erzählerische Stringenz auf, die sinnfreien Generalpausen hackten immer wieder kratertiefe Spannungslöcher in die orchestrale Faktur. Als ob es einen Mariss Jansons oder einen Kirill Petrenko mit ihren fantastischen Tchaikovskij-Dirigaten gar nicht geben täte auf dieser Erde…! Vermutlich hat ihn nur die allgemeine Hochstimmung des Auditoriums vor einem zünftigen Einlauf bewahrt.

BSO Onegin1Schwesterchen, komm, tanz mit mir… Anna Netrebko (Tatjana) und Alisa Kolosova (Olga), beäugt von den Cavalieri (Foto: Wilfried Hösl)

Diese Hochstimmung entlud sich vielmehr in Jubelstürmen für die Sänger, wobei sich allerdings die Interpreten der mittleren Partien den Spaß erlaubten, dem Protagonistenpaar ganz gepflegt die Schau zu stehlen. Allen voran Pavol Breslik als Lenski, der ja stets in dieser Inszenierung aufgeht wie kein anderer Kollege, mit seinem natürlichen und ungemein präsenten Spiel und seinem geschmeidig lyrischen Tenor setzte er sich einmal mehr an die Spitze des Ensembles, die berühmte Arie sang er mit solch bewegender Innenschau und Leuchtkraft, dass man sogar die tranige Orchesterbegleitung für ein paar Minuten vergessen konnte. Sein Pendant im Baßschlüssel, Fürst Gremin, tat es ihm gleich, auch Günter Groissböcks Interpretation dieses Wunschkonzert-Klassikers hat Referenzcharakter, wunderbar kultiviert im Vortrag und bei aller vokalen Cremigkeit exzellent fokussiert und mit festem Stimmkern gesungen. Auch Alisa Kolosova war als quirlige Olga wieder die reine Freude, ihre sinnlich glühende Stimmfarbe und die hochmusikalische Gestaltung ergänzten sich wunderbar mit Bresliks Lenski. Die ältere Generation war durch Heike Grötzinger (Larina) und Elena Zilio (Filipjevna) vertreten, ein Ohrenschmaus klingt allerdings in beiden Fällen anders, insbesondere für die Rolle der Amme sollte man sich wirklich nach einer anderen Besetzung umschauen. Sehr präsent und ulkig zeigte sich dagegen Ulrich Reß als Monsieur Triquet, der Unterschied zwischen russischen und französischen Textpassagen blieb weitgehend außen vor.

BSO ONegin2Ende Gelände! Gut, dass wir geredet haben… Mariusz Kwiecien (Onegin) und Anna Netrebko (Tatjana) im Schlußduett – Foto: Wilfried Hösl

Und das verhinderte Liebespaar, das von Liebe und Zweisamkeit so tragisch wenig versteht? Diese beiden lieferten sich im Schlußduett einen Geschlechterkampf auf Biegen und Brechen, hier prallten die konträren Lebensentwürfe mit Karacho aufeinander und setzten – nun endlich – auch musikalisch die entsprechende emotionale Reibungsenergie frei. Denn, das muss gesagt werden, sowohl Mariusz Kwiecien als Onegin als auch Anna Netrebko als Tatjana taten sich vor der Pause unerwartet schwer, wirklich in ihre Rollen und ins Bühnengeschehen zu finden. Kwiecien bringt mit seiner attraktiven Erscheinung und seinem voluminösen, herbdunkel timbrierten Bariton eigentlich die besten Voraussetzungen für die Titelrolle mit, sang und spielte aber über weite Strecken enttäuschend eindimensional und wirkte zunächst eher mürrisch als dekadent; allerdings gelang ihm nach der Pause eine erhebliche Steigerung, in seinem Monolog zu Beginn des Ballbildes und in der Finalszene entwickelte er das Ausdrucksspektrum, das man von einem Sänger seiner Klasse gewohnt ist und erwartet. Auch Anna Netrebko liegt die herrschaftliche Attitüde der selbstbewußten Fürstin im letzten Akt wesentlich mehr als das naive Mädchen vom Lande, gerade in der Zerrissenheit zwischen Standesbewußtsein und ehelicher Treue einerseits und aufbrechender amour fou anderseits gewann ihre Tatjana am Ende doch noch echte dramatische Größe, hier ist auch die bedeutend größer und schwerer gewordene Stimme der Künstlerin in ihrem Element. Für die junge Tatjana des Beginns dagegen wirkt sie mittlerweile doch in Stimme und Ausstrahlung grenzwertig reif und erwachsen, um jetzt mal das Wort „divenhaft“ zu vermeiden, die Schüchternheit und naive Schwärmerei nimmt man ihr nicht mehr wirklich ab. Nun ist Netrebko in der Branche als Musterprofi bekannt und als solcher war sie sehr bemüht, die Vorgaben der Inszenierung umzusetzen und mit Leben zu erfüllen; was mit nur wenigen Proben und ohne Mitwirkung des Regisseurs natürlich schwierig ist und in diesem Fall auch weniger überzeugend gelang als im Vorjahr bei der Lady Macbeth.

BSO Onegin3

Onegin und die Jungs, mit besten Grüßen an alle… Ja, genau. (Foto: Wilfried Hösl)

Die berühmte, manch einer würde auch sagen berüchtigte, Inszenierung von Krzysztof Warlikowski in der Ausstattung von Malgorzata Szczesniak ist mittlerweile hinlänglich bekannt und gehört noch immer zu den rar gesähten Regie-Highlights im aktuellen Repertoire. Sie funktioniert noch immer hervorragend, fast hat man den Eindruck, dass sie sich durch die mittlerweile doch zahlreichen Umbesetzungen nicht nur nicht abgenutzt, sondern sogar neue Dynamik hinzugewonnen hat; auch wenn es diesmal einige Holzköpfe im Publikum wieder nicht lassen konnten, das „Cowboy-Ballett“ im zweiten Teil mit Buhs und homophoben Parolen zu quittieren… Leider hat der Dirigent sie durch die unsinnige Generalpause nach der Polonaise auch noch nachdrücklich dazu eingeladen. Ansonsten tosender Jubel. Münchner Opernfestspiele!

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