Bayreuther Festspiele: “Tristan und Isolde” – 18.8.2015

Man kennt das Phänomen aus der Bundesliga: noch hat die Saison nicht begonnen, aber irgendwas muss ja geschrieben und gesendet werden… So werden mal eben Nebenschauplätze en masse aufgemacht, geredet, phantasiert und spekuliert, dass die Schwarte kracht; wenn dann endlich der Ball, rollt, kehrt man zum Wesentlichen zurück und es regiert wieder die Aktualität. Ähnliches war heuer am Hügel zu beobachten, wo in den Wochen vor dem Festspiel-Start viel zu lesen war von Krächen, Umbesetzungen, angeblichen oder tatsächlichen Animositäten und Hausverboten und kindischen Parkplatz-Affären. Im Zentrum der Hysterie: die diesjährige Neuinszenierung von Tristan und Isolde, medial hochgejazzt zur subjektiv-ultimativen Bewährungsprobe, ja zur Schicksalspremiere, der regieführenden Festspielchefin und des musikalischen Lordsiegelbewahrers.

Um es gleich vorweg zu sagen: sie haben sich nicht leicht getan und die Aufführung ist am Ende des Tages sicherlich kein Triumph, sie haben es aber auch nicht vermasselt. Der größte Jubel schlug dabei Christian Thielemann entgegen, als er, sichtlich geschafft von fünf Stunden Schwerst-Partitur-Arbeit wieder dem „mystischen Abgrund“ entstiegen war und sich dem Publikum zeigte. Das berühmte Vorspiel mit dem Tristan-Akkord ließ er betont transparent und fast schwerelos musizieren und auch in der Folge waren die Durchhörbarkeit des Orchestersatzes und ein schlankes, aufgefächertes Klangbild oberstes Gebot. Das Festspielorchester ließ sich denn auch nicht lumpen und zeigte in allen Gruppen, was es drauf hat; das ist bei weitem mehr als die Summe der, ohnehin hochklassigen, Mitglieder, diese verschmelzen vielmehr zu einem Gesamtklang von sagenhafter Weichheit und Luzidität. Dass Thielemann mit der Akustik des Festspielhauses vertraut ist wie nur wenige Kollegen und ihre Besonderheiten auszuspielen vermag, wurde in jedem Moment deutlich. Was die Tempi betrifft, so schien die Operation Brautwerbung im ersten Akt eher mit dem Speedboat unterwegs zu sein als mit der Gorch Fock, vor allem die letzten gut siebzig Takte bis zum Aktschluß rasten förmlich dem letzten Doppelstrich entgegen. Eine Konsequenz, die sich im weiteren Verlauf dann allerdings nicht mehr so gegeben war, bis hin zu einem betont langsam ausgebreiteten dritten Akt. Bei aller Klangschönheit wirkte das nicht immer organisch aus dem „Flow“ der Musik entwickelt, wie es etwa vor gut einem Monat dem Bayerischen Staatsorchester im Nationaltheater so nachdrücklich gelungen war. Dieser Tristan präsentierte sich vielmehr betont rational, beinahe nüchtern, bei allem wunderschön ausgespielten Melos fehlten mir persönlich die Exzentrik, der Rausch, das wahnhaft Revolutionäre, das diese Musik verkörpert wie kaum eine andere Oper (nicht nur) des Meisters. Dass ein so ausgewiesener Wagner-Fachmann und Partiturkenner an einigen Punkten, etwa den großen Crescendi im Liebesduett des – hier selbstverständich ohne Strich gespielten – zweiten Aktes, sich offenbar scheut, wirklich aufs Ganze zu gehen, erstaunt dann doch. Insgesamt ein Tristan-Dirigat für gehobene, allerdings nicht für höchste Ansprüche.

20150721_100925Weg das Zeug! – Isolde (Evelyn Herlitzius) und Tristan (Stephen Gould) verzichten auf Doping – Foto: Enrico Nawrath

Einen eher unentschlossenen Eindruck hinterließ auch die Inszenierung von Katharina Wagner, zumindest die ersten beiden Akte lang. Hier beschlich einen das Gefühl, als wolle die Urenkelin in erster Linie nichts falsch machen und einen Kompromiß zwischen Aufführungstradition und dezenter Modernisierung suchen. Das kann eigentlich nicht gut gehen und tat es auch nicht, zwei Akte lang laviert die Regie hilflos zwischen Leerlauf und einigen aufgesetzten Einfällen, die Charaktere bleiben blass und es kommt wenig Atmosphäre auf. Die Bühnenbilder von Frank Philipp Schlößmann und Matthias Lippert zeigen eine abweisende, technisierte Umgebung ohne örtliche oder historische Konkretisierung: im ersten Akt ein Labyrinth von stählernen Podesten, Türmen, Treppen und fahrbaren Brücken, das könnte das Innenleben eines Kreuzfahrtschiffes sein oder auch eine Industrieanlage, und im zweiten Akt einen von mattschwarzen Metallwänden eingefassten und von Suchscheinwerfern ausgeleuchteten Innenhof, der wohl ein Gefängnis meint. Inmitten dieses Hofes befindet sich ein Objekt, das stark an einen Design-Handtuchhalter oder an die verchromten Gestelle, in denen in britischen Landhotels der Frühstückstoast serviert wird, erinnert. Im Laufe des Geschehens fährt dieses, nennen wir es der Einfachheit halber mal „das Ding“, wie von Geisterhand auseinander und in die Vertikale und dient dann als eine Art Käfig und, an den scharfen Enden, als Klinge für einen hilflosen Suizidversuch. Während sich die Personenregie im ersten Akt auf ein absolutes Minimum beschränkt und Bewegung eigentlich nur durch das wiederholte Rauf- und Runterfahren der mittleren Brücke entsteht, findet im zweiten zumindest hin und wieder Aktion statt: die Beteiligten werden von Markes knallgelb gewandeter Privatarmee (Kostüme: Thomas Kaiser) in Fesseln an den Schauplatz geschleppt, zum Tages-und-Nachtgespräch bauen sich die Liebenden mit einer Decke einen Unterschlupf und schmücken diesen mit Leuchtsternen, zum Liebesduett erscheinen zwei projezierte Figuren an der Rückwand und Marke entpuppt sich als rabiates Ekelpaket in ebenfalls gelbem Pelzmantel und Hut, der Isolde grob durch die Gegend zerrt und Tristan kaum eines Blickes würdigt. Gerade dieser letzte Einfall erweist sich als immens störend, zumal sich eine solche Sicht auf den Charakter m.E. weder aus der Musik noch aus dem Text wirklich begründen lässt. Auf diese Art und Weise schleppt sich die Aufführung bis zum Ende des zweiten Aktes mehr schlecht als recht über die Runden; bezeichnenderweise nutzten meine beiden Sitznachbarn die Gelegenheit, um ein Nickerchen zu machen, der linker Hand im ersten, der rechter Hand im zweiten Akt. Auf den bekanntlich äußerst unbequemen Sitzen wahrlich keine geringe Leistung!

20150721_101823(1)We are not amused! Marke (Georg Zeppenfeld) und Tristan (Stephen Gould) vor dem DING – Foto: Enrico Nawrath

Doch dann, man hatte schon gar nicht mehr daran geglaubt, kommt die Regie im dritten Akt doch noch auf den Punkt und liefert eine echte Neu- und Umdeutung der Fabel. Tristan ist bei Katharina Wagner nämlich bereits tot. Am Ende des zweiten Aktes von Melot mit einem gezielten Stich in den Rücken gemeuchelt, liegt er nun, umgeben von roten Grablichtern, im rechten Bühneneck, bewacht und betrauert von Kurwenal, dem Hirten und dem Steuermann. Und doch, musikalisch muss es ja noch weitergehen, Tristan kann also noch nicht tot sein?! Kann er doch, Schrödingers Katze läßt grüßen. So wandelt der Held während seiner Monologe sozusagen durch ein Zwischenreich oder eine Parallelexistenz, The sixth Sense auf der Opernbühne. Dieser wandelnde Tote philosophiert, klagt und sehnt sich hinein in ein Nirvana aus verschwiemelten Nebelschwaden; Kurwenal singt seinen Text wie gehabt, doch findet keinen Adressaten mehr. Isolde wiederum erscheint ihm fortwährend, als blaubemantelte Vision in lichtgrauem Dreieck, vier davon real im Raum verteilt, die anderen als Projektionen. Das ist mit Abstand das stärkste Bild des Abends, die Erscheinungen leuchten plötzlich auf, verharren und verlöschen wieder in der Gräue. Realfilm ist erst wieder ganz am Ende geboten, wenn die bekannten gelben Männchen zum Endkampf aufmarschieren, es gibt noch ein Gemetzel in Zeitlupe und einen Schlußgesang, der eben kein Liebestod sein darf, nach erfolgter Arie wird Isolde von Marke wieder davongeschleift, nur Brangäne bleibt einsam zurück. Ob das alles wirklich im Sinne des Erfinders ist, kann man diskutieren; aber hier bekennt die Regisseurin Farbe und auch die Umsetzung ist gelungen. Dennoch gibt es für die Wiederaufnahme im kommenden Jahr noch einiges nachzubessern und zu überarbeiten, vor allem am Lichtdesign von Reinhard Traub; eine so schlecht ausgeleuchtete Neuinszenierung habe ich seit Jahren an keiner namhaften Bühne mehr erlebt. Auch in der vielzitierten „Werkstatt Bayreuth“ arbeiten offensichtlich nicht nur Meister…

20150721_100814Sie ist nicht echt… Isolde erscheint Tristan im Zwischenreich (Foto: Enrico Nawrath)

Der große Trumpf des Abends war die Sängerbesetzung, die fast durchgehend auf überragendem Niveau agierte. Allen voran Stephen Gould, dessen Tristan mittlerweile an den von ihm selbst aufgestellten Maßstäben gemessen werden darf. Der amerikanische Tenor beweist eindrucksvoll, warum er derzeit Branchenführer im Heldenfach ist: er verfügt über voluminöses Material von dunkler Bronzetönung, große Musikalität und Stilgefühl sowie über schier unerschöpfliche Kraftreserven; auch in den großen Ausbrüchen im dritten Akt klingt die Stimme frisch und flexibel, man hat beinahe den Eindruck, als könne er eine solche Monster-Partie auch zweimal hinternander singen… Dazu kommt ein erstaunliches messa di voce, auch mit seiner Riesenstimme versteht es Gould, wunderbar fein und nuanciert auf Linie zu singen. Habemus Tristan! Und Isolde? Aber ja. Und das hatte sich im Vorfeld schon schwieriger gestaltet, nach der Absage von Eva-Maria Westbroek und dem Rauswurf, bzw. Trennung von Anja Kampe – kommt ganz drauf an, wen man frägt – wurde schließlich Evelyn Herlitzius aus dem Hut gezogen. Mithin eine Sängerin, die zu den faszinierendsten Stimmgestalterinnen der heutigen Opernwelt zählt, die mit ihrem individuellen Stil und Timbre aber nicht nur glühende Anhänger hat. An diesem Abend präsentierte sich Herlitzius in hervorragender Verfassung, strahlend und durchschlagskräftig in der Höhe, sauber und abgerundet in der Mittellage, sicher in Intonation und Phrasierung, lediglich im Schlußgesang schlichen sich einige Wackler ein. Das fiel angesichts der Intensität des Vortrages allerdings nicht ins Gewicht, diese Isolde ist ein Bühnentier, eine Königin, eine Kämpferin. Hier wird auch stimmlich nicht geschmust und geschmeichelt, hier geht’s zur Sache, heroisch und ohne Rücksicht auf Verluste. Solche Persönlichkeiten braucht die Kunstform Oper. Die vermutlich dankbarste Partie im Tristan-Kosmos ist sicherlich König Marke, dessen Darsteller zum Schluß des zweiten Aktes in dramaturgisch wunderbar komprimierter Form sein Können zeigen und mit seinem Monolog richtig „abräumen“ kann, zudem darf er sich gegen Ende noch mit salbungsvollen Phrasen aus der Vorstellung verabschieden. Generationen großer Bässe haben dies auf dem Hügel mustergültig vorgeführt; und der aktuelle Marke Georg Zeppenfeld zeigt sich als deren würdiger Erbe. Und das, obwohl die eigenwillige Charakterzeichnung durch die Regie es dem Sänger nicht unbedingt erleichtert, den Monolog als Ruhepol und Kraftfeld zu gestalten, doch Zeppenfelds markantes, schlank und doch kernig geführtes Material übersteht sogar dies und vermag es, immer noch eine ganze Menge an Emotion zu vermitteln und auszustrahlen; hier jammert kein sentimentaler Alter, hier singt ein Mann in den besten Jahren, der zu verstehen versucht.

Absolut stimmig und auf hohem Niveau besetzt sind auch die Brangäne mit Christa Mayer und der Kurwenal mit Iain Paterson, die gesanglich nichts schuldig bleiben. Leider sind beide szenisch kaum sinnvoll ins Geschehen eingebunden und zu Randfiguren degradiert; in einem Pausengespräch wurde gar gemutmaßt, die Regisseurin habe zu beiden kaum mehr als „Guten Morgen“ gesagt… Auch die Kleinpartien sind mit Raimund Nolte (Melot), Kay Stiefermann (Steuermann) und Tansel Akzeybek (Seemann und Hirte) tadellos besetzt, letzterer hätte vielleicht eine Spur mehr an tenoralem Schmelz vertragen.

Advertisements
This entry was posted in Oper. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s