Auf CD: “Nessun dorma” – Jonas Kaufmann singt Puccini (Sony Classical)

Da ist er wieder! Ein Jahr nach seinem, sagen wir mal durchwachsenen, Ausflug in die Welt der Operette legt Tenor-Darling Jonas Kaufmann sein neues Solo-Album vor, große Erregung in der Fangemeinde und anschließende Konzerttournee natürlich eingeschlossen. Giacomo Puccini heißt der Widmungsträger und Lieferant des hier eingespielten Programms, somit überquert Kaufmann einmal mehr den Brenner, um nach seiner vielgerühmten Verdi-CD (siehe Archiv Oktober 2013) nun auch den zweiten Achttausender der italienischen Oper zu erklimmen. Als Basislager dient dabei Rom, die ewige Stadt, wo er sich die Dienste des Orchesters und Chores der Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter der Leitung ihres Chefdirigenten Antonio Pappano gesichert hat. Eine kluge Entscheidung, die gegenüber der mediokren Orchesterbegleitung in Sachen Verdi geradezu einen Quantensprung bedeutet; die Friends, Romans, Countrymen der Accademia spielen mit opulent-süffigem Klang und wohldosiertem Pathos, lassen die großen Bögen funkeln und geben auch den erzählerischen, kleinteilig angelegten Passagen Kontur; man ist mit diesem Repertoire hörbar bestens vertraut. Das gilt natürlich auch für den Dirigenten, nicht umsonst zählt Pappano zur nicht gerade üppig vertretenen Spezies der Puccinikenner und –aficionados. Hier stimmt die Balance zwischen zupackender Dramatik und lyrischer Süße, zwischen feinherbem Sentiment und düsterer Liebesglut. Genau auf diese kommt es bei Puccini an, gibt man zuviel, landet man im Kitsch, gibt man zu wenig, in der Banalität. Die Musik des toskanischen Meisters mag melodisch zuweilen etwas schlicht anmuten, ist aber in jedem Moment ungemein leidenschaftlich und musikdramatisch kompakt, sie erzählt in unzähligen Variationen von Liebe, Leidenschaft und Tod als den Bestimmungen menschlichen Lebens.

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Schon beim ersten – noch nicht so sehr auf Feinheiten, sondern eher auf den Gesamteindruck geeichten – Hören der CD ist eine gewisse Geistesverwandtschaft zwischen Komponist, Dirigent und Sänger spürbar. Denn Kaufmann zeigt sich in herausragender Verfassung und geht die besagte Gipfelbesteigung mit leichtem, doch unbeirrtem Schritt und ungekünsteltem Vortrag an. Die Stimme klingt durchgehend präsent und ausgeruht, fließt leicht und weitgehend ohne Druck aus der Kehle, in diesem Repertoire fühlt sich Kaufmann hörbar zuhause. Und das nicht nur rein gesangstechnisch, sondern auch gestalterisch; Puccinis Protagonisten sind schließlich keine Tenor-Strahlemänner, sondern in ihrer Mehrheit fatalistische, zuweilen gar nihilistisch angehauchte Gesellen, deren Befindlichkeiten das dunkel getönte, zuweilen beinahe baritonale, Timbre mit seiner feurigen Höheneruption wunderbar entgegen kommt. Ein weiterer Pluspunkt ist auch die Tatsache, dass der Sänger immerhin die Hälfte der hier versammelten Charaktere bereits auf der Bühne verkörpert hat – der Calaf wird vermutlich auch nicht mehr lange auf sich warten lassen – und daher nicht starr an den Noten klebt, sondern im Vortrag überaus souverän, frei und spontan rüberkommt.

Die Programmfolge schlägt, wenn auch nicht durchgehend chronologisch, einen Bogen über Puccinis sämtliche großen Tenorpartien, einschließlich der Semi-Operette La Rondine und der beiden kaum bekannten Frühwerke Le Villi und Edgar; letztere eine wüste Räuberpistole, über die der Komponist später selbstironisch urteilte, die Buchstaben stünden für „E Dio ti Guardi da quest’Opera“ (Möge Gott Dich vor dieser Oper behüten)… Kaufmann ficht das freilich nicht an und er serviert Edgars Arie „Orgia, chimera dall’occhio vitreo“ mit weich-kantabler Linienführung und innigem Sehnsuchtston. Das ist ohnehin das Stichwort, denn Kaufmann gelingt es, für jede der von ihm porträtierten Figuren nicht nur die richtigen Töne – im Sinne von Noten – zu finden, sondern auch den richtigen Ton, die individuelle Vergegenwärtigung. Das gilt für die leidenschaftlichen Draufgängertypen wie des Grieux, Cavaradossi, Pinkerton und Calaf ebenso wie für den romantischen Schwärmer Rodolfo, den jubilierenden Jungspund Rinuccio aus Gianni Schicchi, den edlen Banditen Johnson aus der Fanciulla oder den nonchalanten Lebemann Ruggero aus La Rondine; ihnen allen gibt Kaufmann ein faszinierend individuelles Profil. In den Ausschnitten aus Manon Lescaut, La Bohème und Turandot steht ihm überdies mit der gewohnt schonungslos gestaltenden Kristine Opolais eine seiner bevorzugten Bühnenpartnerinnen zur Seite.

Nichts zu meckern also? Nicht wirklich. Etwas befremdlich finden kann man vielleicht, dass die neben „Nessun dorma“ berühmtesten Puccini-Arien, nämlich Rodolfos „Che gelida manina“ und Cavaradossis „E lucevan le stelle“ auf diesem Album fehlen… Beide hat Kaufmann schon für frühere Recitals eingespielt, wohl wahr; aber man hätte sie doch gerne in seiner momentanen Form nochmal gehabt. Auch wenn die Puccini-Heroen früherer Tage, allen voran ein Pavarotti oder ein junger Domingo, hier nicht vom Thron gestossen werden, lautet das Fazit: Jonas und Giacomo, das passt einfach! Oder wie man in bella Italia sagt: Sui maccheroni il caccio è cascato.

Sony Classical 88875092482

Im Handel ab übermorgen, den 11. September 2015

http://www.sonymusic-klassik.de

http://www.jonaskaufmann.com

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3 Responses to Auf CD: “Nessun dorma” – Jonas Kaufmann singt Puccini (Sony Classical)

  1. Evi Nissen says:

    Hallo Fabian ! Danke für den wieder so gut geschriebenen Bericht !Du bist ein Meister des Wortes Ich habe die CD schon gehört Und kann Deiner Meinung nur zustimmen .LG . Evi

  2. Bin nun wirklich gespannt auf die CD….

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