Münchner Philharmoniker: Valéry Gergiev dirigiert die 2. Sinfonie von Gustav Mahler – 17.9.2015

Fast könnte man meinen, sie machen das mit Absicht… Die Münchner Philharmoniker nämlich, die sich ziemlich verläßlich und gezielt diejenigen Maestri als Chefdirigent aussuchen, die am Stärksten polarisieren und das maximale Konfliktpotenzial versprechen. Das war schon bei Celibidache so, von Christian Thielemann mal ganz zu schweigen. Und nun ist das Zepter, bzw. der Chef-Taktstock, weitergereicht worden an Valéry Gergiev, der mit diesem Konzert seinen GMD-Einstand im Ziegelklotz am Isar-Hochufer gab. Auch Gergievs Status in der Musikwelt ist mit „umstritten“ eher untertrieben, der großrussische Staatskünstler zeigt sich auch in der Öffentlichkeit gerne stramm auf Kreml-Linie gebürstet; egal ob Krim, Ukraine-Krise oder Schwulenhetze, der Dirigent steht in Treue fest zu Putin. Lupenreine Demokraten, wohin man schaut…! Auch vor seinem Antrittskonzert machte er wieder mit, freundlich ausgedrückt, unglücklichen Äußerungen zu Fluchtbewegungen und christlichem Abendland von sich reden. Wie immer natürlich ein Missverständnis von uns bösen Journalisten, die ihn einfach nicht begreifen wollen… Eigentlich mag er doch nur über Musik reden. Dann tu das doch einfach!

Oder noch besser: lass die Musik für sich sprechen! Denn dafür ist er schließlich engagiert. Und da zeigte Gergiev, das muss man ihm lassen, in der Programmwahl durchaus cojones: die gewaltige zweite Sinfonie von Mahler gehört zu den dicksten Brettern, die es im Repertoire zu bohren gibt, nicht nur wegen der schieren Länge und der hochkomplexen Struktur mit fünf relativ disparat angelegten Sätzen, Gesangssoli, Fernorchester und Chor, sondern auch des emotionalen Kosmos wegen, den Mahler hier durchschreitet. Da gibt es großes welterschütterndes Pathos, bukolisch-utopische Visionen, extreme Dramen und extreme Gefühligkeit, mystisches Raunen im berühmten „Urlicht“ ebenso wie affektgesättigte Erinnerungsmotivik und schließlich eine unglaublich bombastisch überhöhte Schlußapotheose, eine Klangentladung, bei der schlicht alles zu spät ist.

MPO GergievFull House im Gasteig (Foto: Münchner Philharmoniker)

Und geknallt hat es in der Tat ordentlich, nicht nur in der großen Finalsteigerung gab es richtig was auf die Ohren, da ließ Gergiev die jetzt seinigen Philharmoniker von der Kette und entfesselte ein Orchester-Furioso von fast paramilitärischer Präzision und raumsprengender Wucht. Eine Attitüde, die seine Sicht auf das Werk vom ersten Takt an prägt; schon das atemlos und ruppig herausgeschleuderte Motivfragment der tiefen Streicher zu Beginn machte klar, was die nächsten 85 Minuten auf uns zukommt: eine orchestrale Machtdemonstration, ein musikalisches Schlachtengemälde, schwer und düster in Dynamik und Farbgebung. In den beiden riesigen Ecksätzen funktioniert diese Sichtweise noch relativ gut, auch wenn sich mit der Zeit eine gewisse Ermüdung einstellt. Nun ist Pathos zwar ein bei Mahler zentrales Thema, allerdings hat der Komponist dazu deutlich mehr zu sagen, als Gergiev uns glauben machen will. Denn Mahlers Musik ist nunmal keine in sich ruhende Verlautbarungssinfonik, sondern durchzogen von offenen Brüchen und Kanten, einer permanenten Suche nach einer Synthese zwischen ihren widerstreitenden Affekten. Das gilt ganz besondere für die ironisch, ja sarkastisch, eingefärbte Idylle der Binnensätze. Bei Gergiev ist hiervon nahezu nichts zu spüren, so 1:1 genommen wirken diese Passagen spannungsarm, beinahe banal. Auch der Dialog des Haupt- mit dem Fernorchester im letzten Satz ist hier nicht, wie eigentlich intendiert, ein melancholisches Innehalten oder ein Befragen der Vergangenheit, sondern lediglich ein Klangeffekt. Stark unterbelichtet blieben auch die Gesangssoli, da beide Sängerinnen, die nebulös artikulierende Olga Borodina und die unsauber intonierende Anne Schwanewilms, eher stimmliche Resteverwertung denn adäquate Gestaltung betrieben.

Die Münchner Philharmoniker geben zu diesem Einstandskonzert alles, der Sound ist klangsatt, homogen und, von kleineren, vermutlich nervositätsbedingten, Wacklern abgesehen, präzise. Das Blech gibt Stoff und gesunde Härte, die Streicher düsteren Glanz, die Holzbläser weiche Farbtupfer und das Schlagwerk zeigt Präsenz. Selbiges gilt auch für den Philharmonischen Chor in der Einstudierung von Andreas Herrmann, der vom feinsten pianissimo bis hin zur hymnischen Extase des Finales jede Nuance abrufen konnte. Das Dilemma des Abends war ein ganz anderes: wenn ich in fast anderthalb Stunden Mahler kein einziges Mal Gänsehaut habe, keine wohligen Schauer oder innere Aufgewühltheit, dann fehlt was, dann ist was falsch gelaufen. Denn wirklich emotional berührt hat mich diese Aufführung in keinem Moment, an keiner Stelle hatte ich das Gefühl, als würden die Musiker wie um ihr Leben spielen oder uns einen Blick über die Kante gewähren.

In seiner enthusiastischen Begrüßungsansprache hatte Kulturreferent Hans-Georg Küppers den Dirigenten naturgemäß über den Schellenkönig gefeiert und ihn als „Glücksfall für das Orchester, für das Publikum, für das Musikleben unserer Stadt“ bezeichnet. Das bleibt abzuwarten, da kann noch deutlich mehr kommen. Da muss noch deutlich mehr kommen.

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