Philharmonie Essen: Liederabend mit Olga Peretyatko – 27.9.2015

Der Liederabend an sich hat es nicht leicht. Eine intime Kunstform, per se unkommerziell und ganz weit weg von der großen Oper. Statt spektakulärer Effekte, Ausstattungspomp und großem Kino gibt es hier nur zwei Menschen, einen Sänger oder Sängerin mit Klavierbegleitung, die so einen Abend tragen und dem Publikum möglichst viele Geschichten und Emotionen rüberbringen müssen. Dies ist bekanntlich nur den wenigsten gegeben, nicht umsonst ist der Liedgesang eine Königsdisziplin unter den Konzerten. Umso enttäuschender, dass sich an diesem Spätnachmittag der Zuspruch in sehr engen Grenzen hielt und trotz durchaus volkstümlich kalkulierter Tarife die philharmonischen Massen nicht den Weg in den Alfried Krupp-Saal der Essener Philharmonie gefunden hatten…

Wer daheim geblieben war, darf sich getrost einmal ganz gepflegt in den Allerwertesten beißen. Denn abgesehen von der Kulisse stimmte hier eigentlich alles: eine der herausragenden Sängerinnen der Jetztzeit mit einem ausgesprochen anspruchsvollen und interessant konzipierten Programm, das Werke von Richard Strauss mit drei russischen Kollegen in Dialog treten ließ. Ein schlauer Plan, denn die drei Herren sind allesamt als Liedkomponisten nur mäßig bekannt; von Rachmaninov kennt man in erster Linie die Klavierwerke, von Tchaikovskij Sinfonien, Opern und Ballette und von Rimskij-Korssakov… Ja, was eigentlich? Ein vierminütiges Orchesterintermezzo aus einer ansonsten weitgehend vergessenen Oper, den ominösen Hummelflug. Viel mehr wird da den wenigsten einfallen. Und jetzt schlug Olga Peretyatko das russische Liederbuch auf und präsentierte eine Sammlung ihrer persönlichen Lieblingsstücke; wie sie das Publikum gleich zu Beginn in einer charmanten Spontan-Ansage wissen ließ.

Olga Liederabend EssenGroße Liedkunst: Olga Peretyatko in Essen (Foto: Françoise Laugier-Morun)

Bei diesen Liedern handelt es sich mehrheitlich um lyrische Romanzen im ruralen Sehnsuchtston, geschmackvolle, fein ziselierte Miniaturen, deren Texte um Landschaftsbilder, Naturstimmungen und Idyllen, aber auch um Liebessehnsucht, Einsamkeit und süße Melancholie kreisen. Das Klischeebild von Bach und Birkenwald, von Matroshka und dem, was westliche Kulturkonsumenten so gerne als „russische Seele“ bezeichnen, liegt gefährlich nahe. Um dem zu entgehen, braucht es eine Künstlerin wie Olga Peretyatko, die den Unterschied zwischen Sentiment und Sentimentalität kennt und die mit ihrer faszinierend farbenreichen Stimme alle hier gestalteten Stimmungsbilder einfühlsam nachzeichnet. Peretyatkos Sopran ist von quellfrisch-jugendlichem Timbre und besitzt sowohl lyrischen Glanz und jubilierende Höhe, als auch ein organisch gewachsenes mittleres und tiefes Register, das leicht und ohne Druck anspricht, die Stimme wird in jedem Moment schlank und kantabel geführt, hat aber Fülle und Körper, um auch den stimmungsschwereren Liedern das nötige Gewicht zu geben. In punkto Technik, Stimmbeherrschung und Atemkontrolle dürfte sie unter den heutigen Sopranen ziemlich konkurrenzlos sein; das kann man durchaus mit der jungen Gruberova vergleichen. Vor allem aber begeistern die unmittelbare Natürlichkeit des Vortrags und die Fähigkeit, für jede dieser Miniaturgeschichten die richtige, unverwechselbare Farbe und Textur zu finden. Dazu gehörte auch das einfühlsame Zusammenspiel mit Matthias Samuil am Flügel, der die Sängerin mit viel Hingabe und einer Fülle von Akzenten durch den Abend trug und auch in zwei Solo-Nummern – Tchaikovskijs Intermezzo aus dem Nussknacker in der Klavierfassung von Mikhail Pletnev und Christian Sindings Frühlingsrauschen op.32 Nr.3 – hervortreten durfte. Insbesondere letztere erwies sich in ihrer auf den hymnischen Höhepunkt zusteuernden Melodik als perfekter Übergang zwischen Strauss und Rachmaninov.

Die ausgewählten „Sträusse“ bildeten sozusagen das Scharnier des Programms, mit einem Fünferblock aus den populärsten Liedern des Garmischers, darunter Zueignung, Morgen und Cäcilie, beendete die Künstlerin den ersten Teil, mit den Vier letzten Liedern begann sie den zweiten. Vor allem mit diesem vierteiligen Zyklus wagt sich Peretyatko auf ein Gebiet, wo große Vorgängerinnen und geradezu ikonengleich verehrte Gesangesheldinnen lauern, sei es della Casa, Janowitz, Tomowa-Sintow oder Harteros. Obwohl sie hier vorsichtshalber die Noten in Reichweite nahm, war keine Befangenheit zu spüren. Im Gegenteil, mit welcher Konsequenz Olga Peretyatko ihren ganz eigenen Zugang sucht und findet, ist beeindruckend. Statt opernhaftem Pathos setzt sie ganz auf den elegischen Zauber und das milde Leuchten ihrer auch in der Mittellage perfekt verblendeten Stimme und gestaltet eine Abfolge innig-melancholischer Gesänge. Die wehmütige Abschiedsstimmung gerade der letzten beiden Stücke, Beim Schlafengehen und Im Abendrot, gestaltet sie überaus bewegend, ohne sie zu sehr zu vertrauern, in Peretyatkos Stimme leuchtet immer auch ein Sonnenstrahl auf.

Als Rausschmeißer griff sie schließlich noch in die Opernkiste und verabschiedete sich vom Ruhrpott und dem begeisterten Publikum mit Adeles „Mein Herr Marquis“ und Juliettes „Je veux vivre“ aus Gounods Roméo et Juliette; beides hinreißend temperamentvoll und hochvirtuos gesungen. Wenn ein Wunsch offen geblieben war, dann nur der, dass dieKünstlerin dieses Programm möglichst bald auf CD aufnimmt…

Advertisements
This entry was posted in Konzert. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s