Bayerische Staatsoper: “Aida” – 28.9./4.10.2015

Nein, Elefanten spielen nicht mit in dieser BSO-Aida. Und auch sonst eigentlich nichts, was man sich in traditionell gestrickten Publikumskreisen für eine zünftige Aida gemeinhin so wünscht… Vielmehr hat Regisseur Christof Nel das Kunststück fertiggebracht, eine Produktion aus dem Boden zu stampfen, die wirklich niemandem gefällt; für die Traditionalisten ist sie zu karg und steril, für die Anhänger des modernen Musiktheaters zu langweilig und nichtssagend. Theater im eigentlichen Sinne findet in diesem Machwerk nicht statt, die Sänger dürfen sich ein ihnen komodes Plätzchen irgendwo inmitten des Nirgendwo suchen, in das Bühnenbildner Jens Kilian die Sache verwandelt hat. Ein undefinierbarer, mit großformatigen Bauklötzen zugestellter Raum, der per Drehbühne munter durch den Abend rotiert; die größte Herausforderung für das darstellende Personal ist es, möglichst wenig im Weg zu stehen und nicht über irgendwelche Kanten und Stufen zu stolpern oder mit unvermittelt um die Ecke kommenden Statisten zu kollidieren. Das Ganze ist visuell von einer schwer nachzuahmenden Greislichkeit und Albernheit, an denen auch die Kostüme von Ilse Welter-Fuchs großen Anteil haben; das Lego-Land Ägypten wird bevölkert von lebensgroßen Playmobil-Männchen in Schwarz, Weiß und Gold. Sind wir hier in der Oper oder auf der Spielwarenmesse?

BSO Aida2

Traditore? – Kommt auf den Standpunkt an… Jonas Kaufmann als Radamès (Foto: Wilfried Hösl)

Da bedarf es schon einiger größerer Namen auf dem Besetzungszettel, um die Karten unters Volk zu bringen. Auf diesen Automatismus immerhin ist am Max-Joseph-Platz zumeist Verlass und auch diesmal war einiges aufgeboten, allen voran die Rollendebüts der Publikumslieblinge Jonas Kaufmann und Krassimira Stoyanova als das tragische Liebespaar. Da hätte man beiden ein inspirierenderes Umfeld gewünscht, zumal auch Dan Ettinger als musikalischer Leiter des Abends wenig Souveranität und Führungsstärke ausstrahlte und mehr damit beschäftigt schien, das Schiff einigermaßen auf Kurs zu halten. Eigentlich sollte es für eine prominent besetzte Wiederaufnahme zu Beginn der Saison doch einige Proben gegeben haben; dennoch klang (zu) vieles wacklig, ungenau und ins Blaue hinein gespielt. Auch die ständigen Temposchwankungen machten den Sängern immer wieder das Leben schwer, was Amonasro auch durch eine ziemlich eindeutige Geste Richtung Dirigentenpult kommunizierte… Am besten funktionierten die Massenszenen und Choraufmärsche, je mehr es „Rumms!“machte, desto sauberer wurde musiziert, während die Orchesterfarben in den leisen und intimen Momenten immer wieder zerflossen und zu unscharf blieben. Und diese sind in diesem Stück leider spielentscheidend.

BSO Aida1O terra, addio… Aida (Krassimira Stoyanova)  und Radamès (Jonas Kaufmann) nehmen Abschied von der Welt – Foto: Wilfried Hösl

Man kann sich also den nervlichen wie vokalen Kraftakt vorstellen, den diese Vorstellungsserie den Solisten abverlangt. Es spricht sehr für Stoyanova, Kaufmann und die Kollegen, dass sich ihre Musikalität, Professionalität und künstlerische Persönlichkeit im Laufe der Abende wie der Serie immer mehr durchsetzte und schließlich über den ernüchternden Rahmen siegte. Dabei verzauberte Krassimira Stoyanova vor allem durch ihre großartige Pianokultur und ihren lyrischen Schmelz, die Nilarie und das Schlußduett waren die Höhepunkte ihrer Interpretation. Je weiter die Aufführungen voranschritten, desto freier und ungezwungener wurde die Phrasierung bis hin zu einem wunderbaren klanglichen Verschmelzen mit Radamès am Ende. Am zweiten Abend gelangen auch die dramatischeren Passagen deutlich sicherer; trotzdem läßt sich nicht überhören, dass Stoyanova nicht über eine genuine Spinto-Stimme verfügt und sich manche Phrase erarbeiten muss; sie wäre sicher gut beraten, ihre Mozart- und Belcantopartien noch nicht komplett ad acta zu legen. Auch Jonas Kaufmann tat sich mit seinem ersten szenischen Radamès zunächst unerwartet schwer, irritierte in der „Celeste Aida“-Arie mit einigen eigenwilligen Phrasierungsdetails und Höhenpiani – am zweiten Abend ging der Schluß sogar richtig über die Wupper – und war auch im nachfolgenden Terzett mit den Damen nicht so präsent wie gewohnt. Aber auch er fand durch den Kampf zum Spiel, in der Triumphszene setzte er die ersten Glanzlichter und nach der Pause hatte er dann volle Betriebstemperatur erreicht. Im Nilakt ließ er die gesamte Palette zwischen samtstimmiger Verführung und heroischer Strahlkraft hören, in der Gerichtsszene lieferte er sich ein packendes Duell mit Amneris und das Finalduett geriet auch ihm zu einer Demonstration sinnlich-innigen Tenorgesanges, wie man ihn in dieser Qualität nun wirklich sehr selten zu hören bekommt. Hier galt tatsächlich der Grundsatz: Das Beste kommt zum Schluß. Dass beide eher nebeneinander als wirklich miteinander agierten, sei jetzt mal der Nicht-Regie zugeschrieben… Anna Smirnovas Amneris könnte man wohlwollend als „Old School“ bezeichnen; mit brustig geröhrter Tiefe und sehr offen angesetzter, zuweilen aufgestützter Höhe, sehr breit in der Tongebung und mit leichter Tendenz zum Wabern. Die voluminöse Fülle des Materials weiss die Sängerin aber stets effektvoll zu präsentieren, gerade im Verbund mit der knalligen Lesart des Dirigenten…

BSO Aida3Von Frau zu Frau… Amneris (Anna Smirnova) knöpft sich Aida (Krassimira Stoyanova) vor (Foto: Wilfried Hösl)

Mit mustergültigem und stilistisch grandiosem Verdi-Gesang wertet Franco Vassallo den Amonasro zu einer weiteren Hauptrolle auf, das ist schon beinahe eine Luxusbesetzung. Dagegen zeigte sich der eingesprungene Ain Anger als Ramfis nicht in Bestform, sein normalerweise so markanter Schwarzbaß klang diesmal rau und multschig im Vortrag, am zweiten Abend kamen noch mehrere Texthänger und Unkonzentriertheiten hinzu. Das hätte Marco Spotti, der einen kernig-markanten König sang, vermutlich besser hingekriegt. Das Staatsopernensemble war durch Dean Power als Bote und Anna Rajah als Solo-Priesterin gewohnt prägnant vertreten. Mit der ersten großen Aufgabe der noch jungen Saison zeigte sich der Staatsopernchor in der Einstudierung von Sören Eckhoff gut gerüstet, wenn die Damen und Herren diese Form konservieren können, darf man sich auf die Meistersinger freuen!

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