Auf CD: “Treasures of Bel Canto” mit Rolando Villazón

Liebe Deutsche Grammophon, wir müssen mal reden… Ihr macht immer wieder richtig schöne CDs, kauft Euch nach und nach ein musikalisches Dreamteam an Exklusivkünstlern zusammen, das Beste ist gerade mal gut genug und von Verpackung versteht Ihr echt was. Jetzt etwa, da sitzt der Exklusiv-Tenor mit den grrroßen Augenbrauen ganz tiefenentspannt und in nostalgische Sepia-Töne gehüllt auf dem Cover-Foto und schaut in die Ferne über ganz viel Wasser hin. Ein echter Meilenstein der Design-Geschichte… Und dann prankt da in quietschgelb, Deutsche-Grammophon-Gelb, der Titel Treasures of Bel Canto. Und das für ein Programm mit Musik von Rossini, Bellini, Donizetti und Verdi. Italienische Früh- und Hochromantik, bis auf Rossini hatte leider keiner dieser Maestri mit der Bel Canto-Ära und ihren Schätzen irgendwas zu schaffen; wie der berühmte Musikwissenschaftler und Vokal-Guru Rodolfo Celletti schon sagte: Mit Rossinis Rückzug von der Opernbühne verschwand der Bel Canto und kehrte niemals wieder. Naja, bis auf solche kleinen Etikettenschwindel von Plattenfirmen und Konzertveranstaltern.

Villazon

Aber die Kundschaft interessiert vermutlich weniger, wie es heißt, sondern eher was er singt; und vor allem wie er singt. Und da gibt es durchaus Erfreuliches zu vermelden, dieses Album ist zweifellos das mit Abstand Beste, was man seit einiger Zeit von diesem so sympathischen wie krisengeschüttelten Künstler gehört hat; zumindest unter der Maßgabe, dass Rolando Villazón sich hier ein klug gewähltes Programm vorgenommen hat, das größere technische Herausforderungen meidet und sehr gut auf die verbliebenen vokalen Möglichkeiten des Sängers zugeschnitten ist. Geboten werden jeweils vier Lieder der oben genannten Komponisten, allesamt reizvolle Gelegenheitswerke von unwiderstehlich mediterranem Charme und einschmeichelnder Sinnlichkeit, die bei näherem Hinhören die Melodiesprache der jeweiligen Opern durchaus aufnehmen. Das Besondere an dieser Kompilation ist nicht nur die gelungene Mischung von populären Titeln wie Bellinis Vaga luna, Verdis Non t’accostare all’urna oder Rossinis La danza mit echten Raritäten, sondern vor allem, dass diese nicht in den originalen Fassungen für Stimme und Klavier daherkommen, sondern mit vollem Orchester. Die Orchestrierungen stammen von Robert Sadin, Daniel Barnidge und Efrain Oscher und bieten einen gefällig-sämigen, vornehmen Soundteppich von staatstragender Gediegenheit und kanonisierter Klangkultur; da hätte man sich schon etwas mehr Pep und Ideen vorstellen können. Das Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino unter der unaufgeregten Leitung von Marco Armiliato spielt diese Stücke ebenso kultiviert und etwas bräsig, wie sie auch arrangiert sind. So trägt das Orchesterspiel leider ebenso zu einer leichten Monotonie bei wie die Tatsache, dass Villazón hauptsächlich die elegisch-getragenen Lieder ausgewählt hat, die sich zum größten Teil in der Mittellage abspielen.

Dabei klingt die Stimme erfreulich ausgeruht und stabil, was Tongebung und Atemstütze betrifft, das nach wie vor schöne Timbre kann sich ohne Druck entfalten und sorgt für echte stimmliche Verwöhnmomente. Und auch die Spitzentöne kommen, wenn sie denn mal gefragt sind, verläßlich, wenn auch nicht so überwältigend strahlkräftig und leichtgängig wie in den besseren Tagen. Nur hin und wieder fallen leichte Schatten in Form von angestrengt klingenden, halsigen oder überhauchten Tönen auf Villazóns engagierten Vortrag, zudem lässt sich nicht überhören, dass das Material an Modulationsfähigkeit und Farben doch eingebüßt hat. Den Höhepunkt markiert ohne Zweifel das letzte Stück, das auch mir bis dato unbekannte Rossini-Duett Tirana pour deux voix, für das Cecilia Bartoli höchstpersönlich ans Mikrofon getreten ist und in gewohnter Manier und Rafinesse einen wahren Regen an Vokalperlen durch die Boxen jagt. Sensationell in Repertoirewert und Interpretation gleichermaßen, allein diese letzten viereinhalb Spielminuten lohnen eigentlich schon die Anschaffung. Man darf ruhig darauf wetten, hier das Zugabestück der in dieser Saison geplanten gemeinsamen Konzerttournee der beiden gehört zu haben…

Fazit: dies ist sicherlich keine sängerische Offenbarung, für Fans und Sammler des italienischen Romanticismo aber durchaus lohnend – und zudem als südländischer Seelenstreichler an kalten Herbst- und Winterabenden oder als Klangbeilage zu Adventskaffee und Plätzchen geeignet.

Deutsche Grammophon 479 4959

www.deutschegrammophon.com

www.rolandovillazon.com

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