Philharmonie im Gasteig: Verdis “Messa da Requiem” – 8.11.2015

Der November. Eine unfrohe, kalte und neblige Zeit des Jahres, stimmungsmäßig schon nahe am Nullpunkt und auf den Programmen der Konzerthäuser ein Requiem nach dem anderen, Mozart, Faurè, Berlioz und natürlich immer wieder und besonders gerne Verdi. Und diesmal? Requien en masse, aber draußen Sonne, blauer Himmel, Biergartenwetter bei zwanzig Grad; falls die Thermometer nicht zufällig von VW eingebaut wurden…

Selbstverständlich funktioniert große Kunst immer und bei jeder Witterung, das ist bei Verdis Messa da Requiem nicht anders. Die Diskussion, ob es sich dabei wirklich um eine Messe oder nicht doch um eine verkappte Oper handelt, eine Sakraloper oderirgendetwas dazwischen, ist exakt so alt wie das Werk selbst, auch der Maestro hat sich seinerzeit von der Dogmatikerfraktion schon so einiges anhören dürfen. Die Glaubensfrage ist geblieben und muss stets aufs Neue beantwortet werden, von jedem Interpreten und in jedem Konzert.

An diesem Abend allerdings waren beide Auffassungen vertreten; und zwar auf ein und demselben Podium und zu ein und derselben Zeit. Oder anders ausgedrückt: dass Dirigent und Solisten auf so unterschiedlichen künstlerischen Umlaufbahnen unterwegs sind, erlebt man wirklich selten. Auf der einen Seite stand am Pult mit Hansjörg Albrecht ein ausgewiesener Alte Musik-Fachmann, von dem wir hier schon großartige Bach- und Händelabende mit seinem Münchner Bach-Chor gehört haben. Verdi dagegen ist, die obige Diskussion hin oder her, aber nunmal eine andere Hausnummer. Dies ist nicht das Werk eines treuen Kirchengängers und Sakralkomponisten, sondern das eines Theatermenschen, der zudem mit seinem Glauben zeitlebens heftig gerungen hat und dessen Verhältnis zur Amtskirche, vorsichtig ausgedrückt, ambivalent war. Diese Zweifel, Brüche und seelischen Verwerfungen finden sich in Albrechts Interpretation nicht wieder. Durch seine äußerst langsamen Tempi und den betont sachlich-kühlem Zugriff verpasst Albrecht der Partitur eine protestantische Strenge, die der Partitur und ihrem Affektausdruck einfach nicht gerecht wird, da fehlte einfach die Italianità. Das gilt vor allem für die Chöre und die dramatisch ausbrechenden Passagen, deren Wildheit hier komplett geglättet und eingekocht wird, alles hineingepresst in das Korsett einer befremdlich emotionsreduzierten Lesart. Auch die Phrasierung, sowohl der Instrumente wie auch der Chorstimmen, wirkt sehr deutsch und wenig idiomatisch, blühende Kantilene und gestalterische Freiheiten sucht man vergebens. Die Kollektive folgen ihm dabei mit großer Geschlossenheit, sowohl der Bach-Chor als auch der als Verstärkung verpflichtete Tschechische Philharmonische Chor Brünn in der Einstudierung von Petr Fiala machen ihre Sache sehr seriös und mit homogenem Gesamtklang, der allerdings noch mehr Kontur und eine pointiertere Diktion vertragen hätte („Quan-tus tre-mor est ven-tu-rus“). Ein solides, wenn auch nicht sonderlich profiliertes Orchesterspiel steuerte die PKF Prague Philharmonia bei.

Dem stand ein rein italienisch besetztes Solistenquartett gegenüber, das mit Albrechts Interpretation hörbar so gar nichts anfangen konnte und, soweit möglich, ungeniert einem üppig sinnlichen und authentischen Verdi-Sound frönte. Dabei ist an erster Stelle Carlo Colombara zu nennen, dessen rabenschwarzer und zugleich samtig abgerundeter Baß eine Demonstration in italienischer Gesangskultur und Phrasierung bot. Die Stimme des Künstlers klingt in allen Lagen technisch suberb geführt und klanglich wunderbar abgerundet, ohne in bedeutungslosen Schöngesang zu verfallen; er beschwört mit autoritärem Donnerhall das jüngste Gericht, vermag aber ebenso suggestiv Trost und Hoffnung auszudrücken. Herausragend auch der Tenor Mario Zeffiri, dessen stilistische Wurzeln hörbar im Belcanto-Repertoire liegen. Das sehr helle und metallische Timbre mag zunächst gewöhnungsbedürftig sein, mit atemberaubender Pianokultur bis hinauf in die Höhe macht er aber Momente wie „Inter oves locum“ oder „Hostias et preces“ zu Höhepunkten an stimmgestalterischer Präsenz. Rossana Rinaldi trumpfte in der Altpartie mit opulentem Material und sicherer Höhe effektvoll auf, könnte der Stimme allerdings noch ein paar mehr Zwischentöne entlocken. Sängerinnen, welche die äußerst anspruchsvolle Sopranpartie mühelos bewältigen, waren schon immer dünn gesäht und sind es noch heute; Daria Masiero schlug sich zumindest sehr achtbar. Die nicht immer gänzlich vibratofreie, aber sehr schön timbrierte Stimme öffnet sich in der Höhe schön und sorgt für manchen berührenden Moment, stößt allerdings, wie so viele, im mittleren und tiefen Register etwas an die Grenzen.

Das Publikum in der nicht ausverkauften Philharmonie schwieg nach dem letzten Takt einen langen Moment (Danke!) und dankte dann allen Beteiligten sehr herzlich.

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

der Fabius

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