Bayerische Staatsoper: “Così fan tutte” – 22.11.2015

Eigentlich war anno 2008 beim Beginn der neuen Intendanz ja mal was von einer Erneuerung des Mozart-Repertoires zu hören gewesen… Muss sich wohl um einen Hörfehler gehandelt haben. Von einer solchen ist jedenfalls weit und breit nichts zu sehen; einen neuen Don Giovanni hat es seitdem gegeben, der auch nicht besser ist als der alte, dazu einen komplett versenkten Titus, während die Leichen von Zauberflöte, Figaro und Così weiterhin zombiesk durch den Spielplan schwanken… Man weiß eigentlich gar nicht, ob man der unermüdlichen Spielleiterin Bettina Göschl dankbar oder gram sein soll; denn sie hat es tatsächlich geschafft, dass diese Produktion von Dieter Dorn und Jürgen Rose ebenso läppisch ist wie am Premierenabend, mit bewundernswerter Professionalität hat sie jeglichen szenischen Unfug über 22 Jahre Repertoirebetrieb und unzählige Besetzungen verschleißfrei hinüber“gerettet“. Das ist eine Leistung, ohne Frage. Ob man froh darüber ist, eine ganz andere.

Wenn einen diese Così also noch hinter dem Ofen vorlocken kann, zumal am Tag des ersten richtigen Wintereinbruchs, dann alleine der Abendbesetzung wegen. Und diese weckte und erfüllte nicht nur Erwartungen, sie übertraf sie in einigen Fällen sogar. Das gilt vor allem für das famose Damentrio, das – ganz nach dem Grundsatz „Wozu in die Ferne lauschen, die Guten sind doch nah“ – komplett aus dem Hausensemble besetzt war. Allen voran begeistert Golda Schultz als Fiordiligi mit wunderbar geschmeidigem, sinnlich schimmerndem Sopran und exquisiter Gesangskultur. Die gefürchtete „Come scoglio“-Arie meistert sie mit Bravour und dramatischem Ausdruck, dennoch schlägt ihre ganz große Stunde im zweiten Akt mit „Per pietà, ben mio, perdona“, vermutlich eine der ergreifendsten Mozart-Arien überhaupt. Mit ätherisch zarter und doch stets körperhaft getragener Tongebung und schmeichelzarten Legatobögen läßt sie für einige Minuten Raum und Zeit praktisch stehen und lenkt sämtliche Energieströme von Musikern und Publikum auf diese Arie als emotionale Brennkammer des Abends. Das können wirklich nur ganz wenige. Magische Momente, Opernglück. Dass Schultz auch noch über eine zauberhafte Bühnenerscheinung, jugendlichen Charme und eine natürliche Präsenz verfügt, rundet diese Glanzleistung aufs Schönste ab. Daneben hat es Schwesterherzchen Dorabella nicht leicht; Angela Brower konnte ihr in der Vorsaison wegen Unpäßlichkeit ausgefallenes Rollendebüt jetzt nachholen und ersang sich mit großem stimmlichen wie darstellerischen Einsatz einen verdienten Erfolg. Auch wenn das Material eine Spur weniger edel und individuell ist als das der Kollegin, so bot auch sie überaus gepflegten und nuancierten Mozart-Gesang und gestaltete den Part der übermütigen, experimentierfreudigen Schwester absolut überzeugend. Bereits letzte Saison als Despina im Einsatz, hat Tara Erraught ihre Interpretation weiter entwickelt, spielt und singt noch freier und differenzierter und vermag, zumindest im Ansatz, das starre Regiekorsett, in das Dieter Dorn die arme cameriera gepresst hatte, etwas zu lockern und mit Witz zu füllen… Na, wenn das der Herr Direktor wüßte!

BSO Cosi2 Im Wirbel der Gefühle (v.l.n.r.): Michael Nagy (Guglielmo), Angela Brower (Dorabella), Golda Schultz (Fiordiligi) und Paolo Fanale (Ferrando) – Foto: Wilfried Hösl

Auf männlicher Seite dominierte und triumphierte ausgerechnet der, der das sonst am Wenigsten tut: Don Alfonso nämlich, der notorische Zyniker und Quälgeist. Eine Partie ohne eine einzige richtige Arie, immer präsent und federführend und doch abgeschnitten von jener glühenden solistischen Entäußerung, die den beiden cavalieri so verschwenderisch zuteil wird. Aber das hätte auch nicht zum großen Rationalisten D.A. gepasst; soviel Dramaturgen waren Mozart und da Ponte denn doch. Dementsprechend wird die Rolle zumeist mit „verdienten Kräften“ besetzt; viel Routine und wenig Stimme lautet hier leider oft die Devise. Diesmal nicht, denn Christopher Maltman gibt mit prachtvollem und nuanciert geführtem Bariton einen geradezu diabolischen Drahtzieher, sein Alfonso ist nicht nur Spielleiter, sondern ein überzeugter Sadist, dem das Zertrümmern amouröser Träume und Befindlichkeiten so richtig Spaß macht. Nahezu unbegrenzt ist die Fülle der Farben, Schattierungen und Akzente, die er stimmlich aufruft; vom zarten Säuseln bis hin zur herrischen Attitüde, mit der er die Freunde zwingt, in sein illusionsloses Fazit einzustimmen. Da frierts einen. Natürlich lebt dieser grandiose Menschendarsteller, der „John Malkovich der Opernbühne“, die Figur bis in jede Faser, Stimme und Spiel bilden wie immer bei ihm eine perfekte Einheit. Als Don Giovanni, Simon Boccanegra, Oreste und nun als Don Alfonso habe ich ihn heuer erleben dürfen; vier faszinierende, individuelle und stilsichere Rollenporträts. Christopher Maltman ist für mich ganz klar der Sänger des Jahres 2015.

BSO Cosi1Die Strippenzieher: Tara Erraught (Despina) und Christopher Maltman (Don Alfonso) – Foto: Wilfried Hösl

Ein ausgezeichnetes BSO-Debüt gibt Paolo Fanale als Ferrando mit durchaus kraftvollem, aber stets die lyrische Linie wahrenden und hochsensibel geführtem Tenor, Klangschönheit und Phrasierungsgeschmack sind die reine Freude. Nicht ganz auf diesem Level agierte diesmal Michael Nagy als Guglielmo, dessen sonst so grundsolider Bariton ungewohnt schwerfällig und rhythmisch nicht immer sicher wirkte; man hatte den Eindruck, dass der Künstler diesem Fach mittlerweile entwachsen ist.

Alles wunderbar und wunderprächtig? Leider nicht ganz. Einen dicken Wermutstropfen, um nicht zu sagen, ein Stamperl davon, kredenzte diesmal das Staatsorchester. Unter dem sehr deutsch und zackig anmutenden und akademisch-trockenen Dirigat von Constantin Trinks lieferten die Damen und Herren ihre bisher schwächste Saisonleistung ab, vor allem vor der Pause trübten glanzlose Streicher, unkontrolliert hupende Hörner und eine kaum in den Gesamtklang integrierte Pauke das Hörvergnügen empfindlich. Erst im letzten Drittel fanden Orchester und Dirigent dann zu einem halbwegs genießbaren Zusammenspiel, zumal sich Trinks von den Sängern zumindest hin und wieder emotional etwas mitziehen ließ. Nun scheint man ja in der Chefetage einiges von ihm zu halten und vertraut ihm immer wieder auch prominentere Titel an. Warum, das erschloss sich mir zumindest an diesem Abend nicht.

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

der Fabius

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