Bayerische Staatsoper: “Der feurige Engel” – 29.11./3.12.2015

Rocky Angel Picture Show

„In der Kindheit frühen Tagen hört ich oft von Engeln sagen…“ So beginnt das erste von Wagners Wesendonck-Liedern und ganz ähnlich, nur viel krasser, ergeht es auch Renata, der Protagonistin von Sergej Prokofjevs Oper Ogennij Angel, der feurige Engel, nach dem gleichnamigen Roman von Valery Brjussov, den die meisten sicher kennen… Öh, doch nicht? Ist ja bald Weihnachten und er ist sogar beim großen Versandhändler mit den sechs Buchstaben erhältlich. Nur mal so als Geschenktipp. Madiel heißt der flammenumschlungene geflügelte Geselle, dem sich die Primadonna seit jeher traumatisch verbunden fühlt und der sich nach absolvierter Pubertät praktischerweise als der ominöse Graf Heinrich auch in einer männlich-fleischlichen Ausprägung manifestiert… Dies ist die vermutlich einzige Oper des Repertoires, in der die Titelfigur nicht auftritt; ansonsten wird hier allerdings nichts ausgelassen und von Dämonen, Besessenheit, Beschwörungen, Exorzismus und erotischen Psychosen erzählt, alles Dinge, mit denen man schonmal einen gepflegten Abend verbringen kann. Serviert noch dazu in einer, auch musikalischen, Direktheit, die auch dem heutigen Zuhörer durchaus den Schalter raushauen kann. Also das perfekte Vor-Weihnachtsstück für die ganze Familie.

Durchaus schlüssig, dass der Engel pünktlich zum ersten Advent zum ersten Mal überhaupt in der Landeshauptstadt erscheint, schließlich sind jahreszeitlich bedingt die Engel – oder „Jahresendflügelfiguren“ wie sie angeblich oder tatsächlich in der ehemaligen genannt wurden – gerade schwarmweise unterwegs und Madiel, Renata und ihr mehr oder weniger freiwilliger Lebensabschnittspartner Ruprecht haben den Weg ins Nationaltheater gefunden. Endlich, muss man schon sagen, schließlich haben wir es mit einer der aufregendsten Opernpartituren des frühen 20. Jahrhunderts zu tun und diese erklang tatsächlich zum allerersten Mal überhaupt in der Landeshauptstadt. Prokofjev, na klar, der hat auch Peter und der Wolf und die Symphonie Classique geschrieben, der hatte aber noch ganz anderes auf Lager und fand hier eine Klangsprache der Verstörung und Zerrissenheit, die ins Apokalyptische weist und einige Male schon an die Grenze des sag- und singbaren führt.

BSO Engel2Psycho-Krimi im Nobelhotel: Evgenij Nikitin (Ruprecht) und Svetlana Sozdateleva (Renata) – Foto: Wilfried Hösl

Ein Stück also, bei dem sich auch Orchester und Dirigent richtig austoben dürfen – und zugleich höchst präzise und diszipliniert agieren müssen; andernfalls droht die Sache leicht in eine unreflektierte Lärm-Orgie und zu einem shabby little shocker abzugleiten. Nicht so am Max Joseph-Platz, in dieser auf den Punkt perfekt erarbeiteten Produktion hielt Vladimir Jurowski die Zügel fest in der Hand und bot mit dem großartig disponierten Staatsorchester geradezu eine Sternstunde, bzw. gut zwei davon. Bereits vor einem Monat hatte Jurowski am Pult des Staatsorchesters mit einem klug programmierten Akademiekonzert debütiert; mit dabei die dritte Sinfonie von Prokofjev, in welcher der klanglich-motivische und emotionale Kosmos der Oper zusammengefasst ist. Das war schon vielversprechend gewesen, doch nun starteten Jurowski und das Orchester richtig durch und setzten noch einen drauf. Die dynamische Skala reizt der Dirigent voll aus, bis hin zu wilden, orgiastischen Ballungen des gesamten Orchesters, ein wahrer Hexensabbat, eine körperlich spürbare Entfesselung orchestraler Urgewalt, die alles ausräumt. Dabei bleibt der Klang auch an den lautesten Stellen transparent, glashart und abgerundet, von schneidender Unerbittlichkeit und Kraft. Aber auch die weichen, sehnsuchtsvollen und die irrlichternd-grellen Momente werden wunderbar herausgearbeitet, alle Instrumentengruppen steuern fein austrarierte Farben und individuelle Nuancen hinzu, zugleich verschmilzt alles zu einem ungemein homogenen Gesamtklang. Gefangene werden hier nicht gemacht, vor allem in den zupackenden Zwischenspielen und im nervenaufreibenden Finale ist das geradezu Punk; eine Rocky Angel Picture Show sozusagen.

BSO Engel1“Du machst mich fertig!” – Renata und Ruprecht im Dauerclinch (Foto: Wilfried Hösl)

Deren zweite Zutat, die Bilder nämlich, liefert Regisseur Barrie Kosky mit seinem Team; und auch das rockt richtig die Bude. Manche Kritiker sagen Kosky, nicht immer vollkommen zu Unrecht, gerne eine gewisse Neigung zu szenischer Schauturnerei und sinnfreiem Spektakel nach. Er kann aber auch anders und hat das hier eindrucksvoll demonstriert. Soviel Personenführung war schon lange nicht mehr auf dieser Bühne, das Spiel der beiden Hauptdarsteller von so knisternder Intensität und Konzentriertheit als seien hier Hollywood-Stars am Werk. Hier wurde richtig gearbeitet, die Charaktere sind plastisch, suggestiv und in jedem Moment präsent, da passiert nichts einfach so, das ist wirklich mal Regie. Rebecca Ringst – an der BSO bereits durch ihre Bühnenbilder zu den Bieto-Inszenierungen von Fidelio und Boris Godunov bekannt – hat als Einheitsraum eine luxuriös verspielte Hotelsuite gebaut, mit viel Stuck, Spiegeln, Flügel und Louis Quatorze-Interieur. Auf den ersten Blick wirkt das wesentlich weniger spektakulär als die beiden genannten Arbeiten, allerdings entfaltet der Raum im Laufe der Aufführung autonome wirkungsästhetische Qualität, kann sich ausweiten oder verengen, und zwar sowohl in die Tiefe wie auch in die Höhe, plötzlich wirkt die Szenerie anders, die Möbel sehen mit einem Mal durchaus bedrohlich aus und bei den Visionen der Protagonisten treten aus den Tiefen und Untiefen des Raumes seltsame, schrill gewandete Gestalten auf, großflächig tätowierte junge Männer in Frauenkleidern oder Strapsen (Kostüme: Klaus Bruns). Eigentlich wartet man nur darauf, dass sich der ob seiner eigenen Körperkunst auch als „Runen-Russe“ aktenkundige Ruprecht-Darsteller endlich das Hemd vom Leib reisst und seine gesammelten Tattoos offenlegt; aber mehr als einen baritonalen Arm und eine Wade gibt’s dann nicht zu sehen… Inwieweit man die revuehafte Schrillheit dieser Visualisierung als angemessen für die Visionen der Figuren ansieht, ist Geschmackssache, als szenische Kontrastwirkung zum realistisch psychologisierenden Spiel der Hauptdarsteller funktioniert es aber; auch wenn das eine oder andere Detail vielleicht nicht ganz klischeefrei geraten ist – Dass sich kollektive Besessenheit vorzugsweise in heftigen Zuckungen und manischem Kratzen am ganzen Körper zeigt, wissen wir etwa schon seit „Bill“ Friedkins Der Exorzist. Also seit 1973. Besonders eindrucksvoll gerät Kosky allerdings das Klosterbild, in dem die Nonnen, die Äbtissin und der Inquisitor in Renatas wirrem Gemüt die Gestalt hünenhafter und blutverschmierter Christus-Figuren mit Zottelbart und Dornenkrone annehmen. Ruprecht, der sich im Libretto eigentlich am Ende des vierten Aktes plötzlich aus der Handlung verabschiedet, verfolgt das gruselige Geschehen vom Souffleurkasten aus, um sich am Ende ebenfalls in den Sog der Massenhysterie hineinziehen zu lassen. Kurz vor Schluß entfliehen alle Erscheinungen nach hinten, das Urteil des Inquisitors erklingt über Lautsprecher und Renata und Ruprecht stehen alleine im nun leeren Bühnenkasten. Game over? Aus der Traum? Alles nur eine wüste Phantasie? Der Regisseur läßt es offen. Darf er.

Einen Rüffel allerdings gibt es doch zu verteilen: das Ganze ist extrem für die Zuschauer im Parkett und Balkon inszeniert, während die zumeist sehr tief gefahrene Raumdecke die Sicht von den oberen Rängen stark einschränkt. Wenn die Sänger ein paar Meter nach hinten gehen, sind sie für einen Großteil des Publikums weg. Lieber Barrie Kosky – auch im mondänen München gibt es Leute, die keine 193 Euronen für eine Parkettkarte berappen können und die trotzdem Ihre Regiekunst vollumfänglich geniessen möchten… Für Sie als „arm, aber sexy“-Berliner klingt das vielleicht komisch, ist aber so!

BSO Engel3House-Party mit Tattoo-Dämonen (Foto: Wilfried Hösl)

Mitgebracht aus Berlin hat Kosky seine Hauptdarstellerin Svetlana Sozdateleva. Ihren dem Vernehmen nach gefeierten Auftritten in dieser Partie in Brüssel, Berlin und Düsseldorf konnte sie nun ein triumphales BSO-Debüt hinzufügen. Ganz klar: dies war eines der besten und fulminantesten Hausdebüts der letzten Spielzeiten und die Künstlerin konnte auch beim Schlußapplaus nach gut zwei pausenlosen Stunden Psycho-Krimi richtig abräumen. Stilistisch repräsentiert Sozdateleva mit metallischem Timbre, relativ breitem Tonansatz und kontrolliertem Vibrato die alte russische Sopranschule in der Galina Vishnevskaya-Tradition, entlockt ihrem flamboyanten Material aber auch zahlreiche Zwischentöne und ist auch im Leisen stets eindringlich präsent. Dazu kommt ein Höchstmaß an Rollenidentifikation und Stilkompetenz; eine Glanzleistung und sicherlich eine der Entdeckungen des Opernjahres 2015. Ein alter Bekannter ist dagegen Evgenij Nikitin, der die dramaturgisch eher etwas unglücklich und passiv angelegte Partie des Ruprecht mit seiner Bühnenpräsenz und Gestaltung aufwertet. Mit spürbarer Freude gibt Nikitin einerseits den neureichen russischen Proleten mit omnipräsenter Wodkapulle und speckiger Vokuhila-Frisur, dringt aber zugleich tief in den Charakter der Figur ein und gestaltet deren psychisch-emotionale Hörigkeit ebenso suggestiv wie das gelegentliche Aufbegehren; ein Erzmacho im letzten Gefecht um sein Selbstbild. Das setzt der Künstler mit seinem markantem und äußerst viril timbrierten Bariton auch musikalisch großartig in Töne; ein grandioses Protagonistenpaar, das keine Wünsche offen läßt!

BSO Engel4Renata (Svetlana Sozdateleva) mischt das Kloster auf – Foto: Wilfried Hösl

Die durchaus zahlreichen weiteren Partien sind vom Komponisten wesentlich weniger exponiert gestaltet und treten zumeist nur in einer einzelnen Szene hervor; ein dankbares Feld für ein gutes und homogenes Hausensemble wie das der BSO, das nur durch zwei Gäste ergänzt wurde: zum einen Elena Manistina als sinistre, etwas flächig singende Wahrsagerin und zum anderen Vladimir Galouzine, der frühere Otello vom Dienst, der mit ungebrochener vokaler Stamina den Agrippa von Nettesheim in den Saal schmettert. Großartig sind die sehr präzise auf den Punkt gespielten und gesungenen Rollenporträts von Okka von der Damerau als Äbtissin und Goran Jurić als Inquisitor. Herzlich skurril verkörpert der unverwüstliche Ulrich Reß den Buchhändler Jakob Glock, während sein Fachkollege Kevin Conners als Mephisto mit Wonne eine aufgedreht-schweinigelnde Persiflage im Drag Queen-Modus hinlegt; dagegen wirkt Igor Tsarkov als Faust eher, als habe man ihn unter Androhung roher Gewalt in das Kostüm zwingen müssen… Die weiteren, sehr kleinen Rollen waren mit Heike Grötzinger (Wirtin), Christian Rieger (Knecht), Tim Kuypers (Wissmann), Matthew Grills (Doktor) und Andrea Borghini (Schankwirt) besetzt.

Ein großes Lob verdienen sich auch die Damen des Staatsopernchors in der Einstudierung von Stellario Fagone für ihre atemberaubende Performance in der Klosterszene.

Buhs oder sonstige Protestformen waren in der Premiere nicht zu beobachten, der Ansturm auf die Restkarten für die Folgeaufführungen war dagegen gewaltig; Prokofjev und sein Engel sind in der Landeshauptstadt angekommen. Wurde auch Zeit.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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