CD: Carlo Colombara mit “Great Opera Scenes” bei Decca

Kann man das Wort „Bass“ noch steigern? „Bassissimo“ vielleicht? Über diverse „Tenorissimi“ jedenfalls haben sich manche Kollegen immer wieder wortreich ausgelassen und mit keinem Geringeren als August Everding sind einmal derart die rhetorischen Pferde durchgegangen, dass er Herbert von Karajan gar als „Maestrissimo“ titulierte… Sinn machen solche koste-es-was-es-wolle-Superlative natürlich nicht, sie deuten aber zumindest eine erhöhte Wertschätzung des so Genannten an. Eine solche hat sich der aus Bologna stammende Bassist Carlo Colombara allemal verdient, für seine künstlerische Performance ebenso wie für eine nun auch schon bemerkenswert lange andauernde Karriere auf hohem Niveau; als stilsicherer und nobler Verdi-Bass ist er eine feste Größe in der Opernwelt und auch seine Interpretationen der Teufelsrollen von Gounod und Boito gehören zum Feinsten.

greatopera

Nun legt Colombara bei Decca sein erstes Solo-Album auf einem der major labels vor; eine in verschiedener Hinsicht bemerkenswerte Einspielung. Bemerkenswert ist nicht nur der Umstand an sich angesichts einer verschärften personellen und künstlerischen Planung der Plattenfirmen, sondern auch die Programmgestaltung und die sängerische Qualität der Aufnahme. Um mit letzterer zu beginnen: dass und warum der Künstler seit etlichen Jahren zu den absoluten Branchenführern im Bass-Fach zählt, wird vom ersten bis zum letzten Ton deutlich, die Stimme besitzt eine natürliche Schwärze des Timbres, wird flexibel und leichtgängig geführt und klingt auch im saftigsten Forte nie dröhnend und im piano stets körperhaft und abgerundet. Wunderbar versteht er es, vokale Linien und Bögen zu setzen und wahre klangliche Schaumbäder einzulassen, das Material wird technisch in jedem Moment beherrscht und zugleich stets effektvoll, aber ohne aufgesetztes Protzen, eingesetzt; ein Hochgenuß!

Dabei wird die Programmfolge dem Titel Great Opera Scenes durchaus gerecht, denn anstatt hier nur den sängerischen Musterkoffer von Basilio bis Mefistofele auszupacken, konzentriert sich Colombara auf einige ausgewählte Rollencharaktere und präsentiert diese in längeren, inhaltlich geschlossenen Szenen. Dies gilt für Assur aus Rossinis Semiramide – Colombara singt dessen Rezitativ, Arie und Cabaletta – ebenso wie für Massenets Don Quichotte und dessen Finalszene inklusive des Orchestervorspiels. Neben einem Gastauftritt der Mezzosopranistin Katarina Hal´ková als Dulcinée ist Colombara hier als Don Q und auch als Knappe Sancho zu hören; vielleicht wäre allerdings der Einsatz eines zweiten Sängers sinnvoller gewesen, da sich die beiden Figuren ohne Textbuch klanglich kaum auseinanderhalten lassen. Verdi kann und darf natürlich nicht fehlen und ist mit den großen Arien des Filippo II. aus Don Carlos und Procida aus Les Vêspres Siciliennes vertreten, beides im französischen Original gesungen. Die größte Überraschung gelingt dem Künstler allerdings am Ende des Programms mit Wotans Abschied aus der Walküre. Vielleicht hat man den Göttervater schon differenzierter, zerrissener, mit mehr tragischer Fallhöhe ausgestattet interpretiert gehört als hier; aber vermutlich selten mit solch verschwenderischer Klangpracht und kerniger Bassfülle. Auch die Höhenanforderungen bewältigt Colombara problemlos und ohne störende Vokalverfärbungen, auch wenn ihm die Fokussiertheit und Tongebung eines klassischen Bassbaritons natürlich abgeht… Aussprache und Phrasierung sind sehr sorgfältig erarbeitet und durchaus stilsicher, der Vortrag wie in allen Stücken von großer Noblesse und Ausgewogenheit. Colombaras Wagner ist auf jeden Fall weit mehr als ein Zugaben-Gag; es müssen vielleicht nicht gleich alle drei Wotane am Stück sein, aber in Sachen Fasolt, Pogner oder König Marke könnte man als Castingdirektor durchaus mal anfragen.

Das Grazer Philharmonische Orchester unter der routinierten Leitung von Marco Boemi liefert eine solide instrumentale Grundlage und arbeitet zumeist eher mit dem breiteren Pinsel; große stilistische Differenzierung zwischen den einzelnen Komponisten läßt sich in einer solchen Produktion und ihrem eng getakteten Zeitplan vermutlich nicht erwarten.

Decca 481 1888

http://www.carlocolombara.com

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