Deutsche Oper am Rhein Duisburg: “Turandot” – 26.12.2015

Kinderoper mit Kopf ab

Puccinis letzte und unvollendet verbliebene Oper Turandot ist nichts für schwache Nerven, sie erzählt von Macht und Gewalt, todbringenden Rätseln, gefährlichen Psychosen und einer geknechteten Volksseele. Ein wunderbares Kontrastprogramm zur allgemeinen Besinnlichkeitsstimmung, die sich in unserem Kulturkreis gemeinhin um diese Jahreszeit auszubreiten pflegt… Nach Gelsenkirchen 2002 und Essen 2007 servierte nun auch die Rheinoper den Kopf -ab-Klassiker als Weihnachtsoper.

Leider hat man dabei so einiges gründlich mißverstanden und aus dem kruden Musikdrama Puccinis eine Art Sandmännchen-Nummer aus dem Kinderprogramm gemacht, so zahnlos und verniedlicht hat man dieses Stück kaum je erlebt. Nichts, aber auch gar nichts, von dem, was Turandot ausmacht, ist in dieser Produktion zu erleben, weder szenisch noch musikalisch. Man kann diese Oper auf verschiedene Weise erzählen; als böse archetypische Sage aus archaischer Zeit, als suspense-geladenen „Eastern“, als psychologisches Kammerspiel oder, wie zuletzt Tilman Knabe am Essener Aalto-Theater, als modernen Politthriller in einer Feudaldiktatur. Wenn es unbedingt sein muss, sogar à la Zeffirelli als spektakuläre Bühnenshow mit Goldkante und besinnungslose Materialschlacht. Aber für irgendwas davon sollte man sich am Ende des Tages dann doch entscheiden… An der Rheinoper setzte man auf ein rein chinesisches Produktionsteam, vermutlich das erste große Mißverständnis dieser verkorksten Neuproduktion; denn Turandot hat substanziell mit China ungefähr soviel zu tun wie Verdis Aida mit Ägypten: Nichts. Nothing. Niente. Rien. Nada. Bitte kapiert es endlich! Bühnenbildner Jo-Shan Liang schwebte dabei offensichtlich etwas Zeffirelli für Arme vor, gereicht hat es allerdings nur zu einem atmosphärelosen Einheitsbühnenbild, eine Art Laubsägearbeit, die wohl eine asiatische Palastanlage, bzw. deren Silhouette, darstellen soll. Um die Dürftigkeit des Ambientes zu kaschieren, fahren gelegentlich transparente Stoffbahnen herunter, die als Leinwand für die sinnfreien Digital-Klecksereien des Videokünstlers Jun-Jieh Wang dienen. Etwas mehr austoben durfte sich Kostümbildner Hsuan-Wu Lai, der alle Mitwirkenden in pseudo-historisierende Gewänder gesteckt hat. Regisseur? Im Programm war mit dem Sportsfreund Huan-Hsiung Li tatsächlich einer angegeben. Irgendein Arbeitsnachweis seiner selbst war indes nirgends zu erblicken, über weite Strecken kam das einer konzertanten Aufführung in Kostüm und Maske gleich. Wer das Stück vorher nicht gelesen hatte, dürfte von der blutrünstigen Handlung kaum etwas mitbekommen haben, zu sehen war davon nämlich so rein gar nichts. Pu-Tin Pao, der Henker des Königshauses, ist hier arbeitslos, da alle schon vor Langeweile gestorben sind.

DOR Turandot2Erzmacho und Eisprinzessin: Zoran Todorovich (Calaf) und Linda Watson (Turandot) – Foto: Hans Jörg Michel

Aber auch Puccinis Musik war kaum wiederzuerkennen, so quälend verschleppt und überdehnt wurde sie von Wen-Pin Chien – im Gegensatz zu den genannten Landsleuten kein “Direktimport” aus dem Reich der Mitte, sondern seit vielen Jahren Kapellmeister am Haus – am Pult der Duisburger Philharmoniker. Was viele Turandot-Dirigenten gerne etwas überdosieren, fehlt bei ihm völlig: die Lust am orchestralen Showdown, die pompöse Kraftentfaltung, der “Wow!”-Moment, aber auch das oszilierende Farbenspiel und die klangsatte Kantilene, ohne die Puccini nicht funktioniert. Bei Chien klang das alles wie im Halbschlaf runtergespielt. Das Orchester an sich traf da wenig Schuld, die Damen und Herren ließen durchaus erahnen, dass mit ihnen viel mehr drin gewesen wäre… Den diszipliniert singenden Rheinopernchor (Einstudierung: Gerhard Michalski) hatte ich aus der letzten Neuinszenierung anno 1993 deutlich voluminöser und klangvoller in Erinnerung, damals waren sie allerdings auch noch mit deutlich mehr Planstellen unterwegs…

DOR Turandot1Kostümparty im Nirgendwo: Linda Watson (Turandot), Brigitta Kele (Liù), Bogdan Baciu (Ping), Cornel Frey (Pong), Florian Simson (Pang) – Foto: Hans Jörg Michel

So “unbelästigt” von jeglicher Regie konnten sich die Solisten gänzlich auf die Produktion ihrer Töne konzentrieren und waren insgesamt auch erfolgreich; Puccini zum Wiedererkennen war angesagt. Einen Calaf wie Zoran Todorovich hört man auch an prominenteren Adressen nicht oft, mit männlich-herbem Timbre, gut fokussierter Tongebung und phänomenaler Höhe machte er nicht nur den Smash-Hit “Nessun dorma” zum Erlebnis, sondern gab der Figur zumindest stimmlich durchgehend Profil. Den anfänglichen Versuch, den Dirigenten durch konsequente Tempoverschärfung etwas zu animieren, gab er allerdings bald auf, keine Chance. Eher dankbar für die epische Breite des Orchesters dürfte dagegen Linda Watson in der Titelpartie gewesen sein, die so genug Zeit hatte, ihr mittlerweile von Schärfen und Abnutzung nicht mehr ganz freies Material auf Linie zu trimmen und zu entfalten. Das funktioniert in der Mittellage noch sehr passabel, stößt in den großen Aufschwüngen wie “Gl’enigmi sono tre” oder im Schlußduett – man spielt die übliche gekürzte Version des Alfano-Finales – allerdings an Grenzen. Im Turandot-Kosmos von Eisprinzessin und Tenormacho ist Liù zumeist die große Sympathieträgerin. Das war hier nicht anders und Brigitta Kele nutzte ihre Chance auf der ganzen Linie; “Signore, ascolta” wirkte zwar noch etwas eingebremst und nicht ganz frei im Vortrag, sie gewann aber mit jedem Takt und begeisterte mit substanzreichem Sopran von großer Wärme, Klangkultur und metallischem Kern. Solide in jeder Hinsicht gestaltete Sami Luttinen den Timur, ein ausgesprochenes Glanzlicht setzten die drei Minister; der samtige Bariton von Bogdan Baciu (Ping) und die beiden scharf pointierten Tenöre Florian Simson (Pang) und Cornel Frey (Pong) ergänzten sich bestens zu einem virtuosen Trio. Den alten Kaiser Altoum – aus irgendeinem unerfindlichen Grund tritt er in Kostüm und Maske des Komponisten auf – sang Bruce Rankin alles andere als greisenhaft, mit so einer Stimme versucht manch einer sich auch als Calaf… Wenig glücklich dagegen der Auftritt von Daniel Djambazian als Mandarin.

Das Publikum im bis unters Dach gefüllten Duisburger Theater zeigte sich festlich gestimmt und überaus applausfreudig; nach der Pause stieg zwischenzeitlich der Geräuschpegel erheblich, man musste schließlich ausdiskutieren, ob jetzt endlich “Nessun dorma” kommt…

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

der Fabius

 

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