Musiktheater im Revier Gelsenkirchen: “Tosca” – 27.12.2015

Puccini an der Ruhr zum Zweiten – gerade mal achtzehn Stunden nach dem letzten Ton der Turandot ging es auch schon in die Verlängerung. Schauplatz- und Programmwechsel, die Metropolregion mit ihrer weltweit einzigartigen Dichte an Musentempeln macht es möglich; von Duisburg nach Gelsenkirchen in die frühere Stadt der 1000 Feuer, von der Rheinoper ins Musiktheater im Revier. Von Turandot zu Tosca, von der verbotenen in die ewige Stadt, von Peking nach Rom und das ganz ohne Vielfliegerprogramm… Man durfte gespannt sein, was den Gelsenkirchnern eingefallen war, bzw. ob ihnen im Gegensatz zu den Duisburgern etwas eingefallen war.

Kann man wohl sagen! Eine andere Hausnummer, ja fast schon ein Klassenunterschied zum Vortag, zumindest was Orchester und Inszenierung angeht. Und das vom ersten Taktschlag an, GMD Rasmus Baumann und seine Neue Philharmonie Westfalen im Graben zeigten sich von der ersten bis zur letzten Note konzentriert, hellwach und kein bisschen feier(tags)müde, da wurde richtig schön geschwelgt und eben nicht geschluchzt, der Orchesterklang blieb stets flexibel, transparent und auf Linie. Das Drama fand auch im Orchester durchgehend statt, mit straffen Tempi und kluger Akzentuierung hält Baumann mit dem Orchester das Geschehen am Laufen und wird den Effekten wie den Affekten der Partitur gleichermaßen gerecht. Eine Puccini-Interpretation, die weit aus dem an unseren Theatern leider üblichen Einerlei heraussticht und eine tolle Basis für einen packenden Opernabend.

FOTOS: PEDRO MALINOWSKIToscaOper von Giacomo PucciniNach „La Tosca“ von Victorien SardouLibretto von Giuseppe Giacosa und Luigi IllicaPremiere 12. Dez. 2015, 19.30 UhrBesetzung:Cavaradossi: Derek TaylorTosca: Petra SchmidtScarpia: Aris Argiri

Scarpia (Aris Argiris) mit Phantasmagorie im Te Deum – Foto: Pedro Malinowski

Durchaus packend ist auch die originelle Inszenierung von Tobias Heyder, zumindest die ersten beiden Akte lang, im dritten ist dann leider ein wenig die Luft raus. Das liegt zumindest teilweise auch am Regiekonzept selbst, das die Figur des sadistischen Polizeichefs Scarpia in den Mittelpunkt der Handlung stellt. Ein Baron, wie im Libretto eigentlich vorgesehen, ist das wahrlich nicht, sondern ein physisch wie seelisch heruntergekommener Psycho, der in seiner ganz eigenen religiös-satanistisch-sexuellen Wahnwelt lebt; in Kombination mit politischer Macht und exekutiver Gewalt eine tödliche Mischung. Schulterlange fettige Haare, zerknautschter Anzug über Unterhemd und die meiste Zeit barfuß kommt dieser Scarpia eher wie Alberich daher; und doch versetzt er seine Umwelt in Schrecken, schon im ersten Akt drücken sich die Kirchgänger ängstlich und tuschelnd an ihm vorbei und auch, wie er Witterung aufnimmt, messerscharf kombiniert und seine Schergen in Marsch setzt, ist eindrucksvoll inszeniert. Der Wahn bricht sich dann erstmals im Te Deum Bahn, dem bühnenbeherrschenden Gemälde entsteigen apokalyptische Gestalten zu einer Art schwarzen Messe. Jenes Gemälde zeigt sechs nackte Frauen in religiösen Posen und taucht, etwas weniger logisch, im dritten Akt nochmals auf, wo es dann vom Mesner – der sich erst daran seifig delektiert hat – mit schwarzer Farbe übermalt wird. Die Bühne von Tilo Steffens zeigt überhaupt keine konkret zuzuordnenden Räumlichkeiten, sondern eher Assoziationsräume mit wenigen Requisiten und Versatzstücken; auch im zweiten Akt residiert Scarpia nicht im Büro, sondern in einem weitläufigen, atelierähnlichem Raum, vollgestellt mit gemalten Höllen- und Teufelsdarstellungen à la Hieronymus Bosch und bevölkert von den Phantasmagorien aus dem Te Deum. Darunter ist auch eine lebende Madonnenfigur, die in Scarpias überreiztem Kopfkino zeitweise mit Tosca verschmilzt. Dagegen sind die Kostüme von Verena Polkowski historisch durchaus konkret und modisch in den 1940er Jahren angesiedelt; jedoch ohne platte NS-Symbolik. So wie Scarpia sich in seine Wahnvorstellungen hineinsteigert und den Kontakt zur Realität verliert, wäre es sogar folgerichtig gewesen, wenn er durch Suizid oder einen Unfall umkommen würde, doch schlußendlich wird er auch bei Heyder ganz konventionell von Tosca erstochen. Relativ konventionell ist dann auch der dritte Akt geraten, der überflüssigerweise auch noch durch eine zweite Pause abgetrennt wird, die Geschichte wird noch routiniert zuende erzählt, aber die wirklich spannenden Theatermomente haben zuvor stattgefunden. Auch wenn vielleicht nicht jedes Detail stimmig ist, so hat hier doch eine fundierte gedankliche Auseinandersetzung mit einer scheinbar allbekannten Geschichte stattgefunden, deren Ergebnis auch sinnfällig umgesetzt ist.

FOTOS: PEDRO MALINOWSKIToscaOper von Giacomo PucciniNach „La Tosca“ von Victorien SardouLibretto von Giuseppe Giacosa und Luigi IllicaPremiere 12. Dez. 2015, 19.30 UhrBesetzung:Cavaradossi: Derek TaylorTosca: Petra SchmidtScarpia: Aris Argiri

 Scarpia (Aris Argiris) im Delirium (Foto: Pedro Malinowski)

Aufgehen kann ein solches Konzept natürlich nur mit einem kompromisslos intensiven, hart am Rande der Selbstverleugnung agierenden, Sängerdarsteller wie Aris Argiris. Dem Künstler gelingt es tatsächlich, sein großartiges Rigoletto-Gastspiel aus der Vorsaison noch zu toppen, soviel pure Angst hat schon lange kein Scarpia mehr verbreitet. Die Tatsache, dass er in dieser Produktion nur noch bedingt eine reale Figur darstellt, ändert nichts daran, zumal er ja zu jeder Grausamkeit fähig ist, der religiöse Wahn steigert das nur noch. Argiris läßt sich buchstäblich mit Haut und Haaren auf das Konzept ein und lebt es aus, schonungslos gegen sich und andere. Aber auch rein stimmlich muss er sich vor kaum einem prominenteren Kollegen verstecken, die Partie liegt ihm perfekt in der Stimme, mit seinem resonanzreichen Bariton kann er schneidend deklamieren und kantabel betören und spielt jederzeit virtuos auf der Skala der Brutalität, ohne zu outrieren oder zu außermusikalischen Mitteln greifen zu müssen. Ein Vollblutsänger und -darsteller auf dem Zenith seiner Möglichkeiten!

Daneben hatten es die anderen beiden Protagonisten naturgemäß schwer. Mit jugendlich-charmanter Ausstrahlung gibt Derek Taylor den Cavaradossi eher als unbekümmerten Schöngeist denn als Resistance-Kämpfer und wirkt im Spiel zuweilen etwas unbeholfen. Sein Tenor verfügt über ein metallisches Timbre von großer Eindringlichkeit und Strahlkraft, könnte gelegentlich aber noch etwas vokalen Feinschliff vertragen, vor allem in der Vollhöhe muss man als Zuhörer stets ein wenig bangen. Größere technische Defizite offenbarte Petra Schmidt in der Titelpartie, ihrem nicht immer gut fokussierten Sopran fehlt es oft an der nötigen Atemstütze und Stimmkontrolle, was die Gesangslinie empfindlich stört und Puccinis schwelgerisches Melos seiner Wirkung beraubt; ein sich Zurücklehnen und Genießen ist bei ihr kaum möglich, da es immer wieder zu Aussetzern und vokalen Engstellen kommt und auch konditionell baute sie im Laufe der Vorstellung stetig ab. Dass „Vissi d’arte“ trotz Offerte durch den Dirigenten keinerlei (!) Publikumsreaktion auslöst, habe ich so auch noch nicht erlebt; kein Applaus, kein Bravo, kein Buh, kein Kommentar. Gar nichts.

FOTOS: PEDRO MALINOWSKIToscaOper von Giacomo PucciniNach „La Tosca“ von Victorien SardouLibretto von Giuseppe Giacosa und Luigi IllicaPremiere 12. Dez. 2015, 19.30 UhrBesetzung:Cavaradossi: Derek TaylorTosca: Petra SchmidtScarpia: Aris Argiri Liebespaar im Schatten der Diktatur: Tosca (Petra Schmidt) und Cavaradossi (Derek Taylor) – Foto: Pedro Malinowski

Ein scharf gezeichnetes und durchaus differenziertes Rollenporträt – weder Kasperl noch Fascho – bietet MIR-Urgestein Joachim Gabriel Maaß als Mesner, Dong-Won Seo findet für den Angelotti pastellig-weiche Baßtöne. William Saetre (Spoletta), Peter Rembold (Sciarrone) und Jacub Eisa (Carceriere) bilden das unauffällig-präsente Trio von Scarpias Handlangern. Der von Christian Jeub einstudierte Chor erfüllt seine, hier ja nicht sonderlich exponierte, Aufgabe tadellos.

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes, ein zauberhaftes 2016 voller kultureller und musikalischer Sternstunden wünscht

Euer Fabius

Weitere Vorstellungen am 14./16. Januar, 5./21./27. Februar und 12./20./27. März 2016

Karten unter www.musiktheater-im-revier.de

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