Auf CD: “Aida” bei Warner Classics

Schaut schon edel aus, diese neue Aida. Ganz in Schwarz mit Goldschrift, die drei Silberscheiben verpackt in ein üppiges Booklet mit komplettem Libretto und Fotomaterial; dass Warner Classics diese Einspielung als Premiumprodukt ins Rennen schickt, ist nicht zu übersehen. Wie denn auch nicht, schließlich ist das Erscheinen einer neuen, aufwändig im Studio produzierten Opern-Gesamtaufnahme heutzutage schon per se erwähnenswert. Und wenn man dann noch eines der populärsten Werke mit einem der derzeit besten Operndirigenten und großen Sängernamen kombiniert, dürfte diese Einspielung ein Selbstläufer sein.

Cover Aida

Und in der Tat hält die Aufnahme, was die Besetzung verspricht, auf der orchestralen wie auf der sängerischen Ebene. Ein Warnhinweis ist allerdings geboten: wer Aida als Materialschlacht, als blechschmetterndes Breitwand-Spektakel à la Arena di Verona versteht, ist hier an der falschen Adresse. Denn Antonio Pappano am Pult seines Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia legt den Schwerpunkt auf die Lyrismen und die klangliche Rafinesse der Partitur und spürt mit großer Sensibilität dem Gefühlshaushalt der Charaktere nach; in der gesamten Aida-Diskographie – und diese ist ja wahrlich nicht gerade kurz – fällt mir kaum eine andere Einspielung ein, die so konsequent auf Klischees und lärmende Posen verzichtet wie diese und die trotzdem jederzeit authentisch und stilsicher musiziert ist. Das gilt auch für den Chor der Accademia in der Einstudierung von Ciro Visco. Den Sängern ist Pappano wie gewohnt ein sensibler Partner, der die Stimmen wunderbar mit dem Orchester zu tragen, sie aber in Sachen Ausdruck, Präzision und Gestaltung auch zu fordern versteht. Die Zeit, die man sich hier ganz offenbar zur sorgfältigen Erarbeitung der Partien und des Dramas genommen hat, zahlt sich in jedem Takt aus, die Musik verströmt eine erfrischende Leichtigkeit und Unmittelbarkeit, die sich im Opernalltag halt nur schwer herstellen läßt.

Dazu gehört eine Besetzung, die momentan ihresgleichen höchstens mit der Lupe suchen dürfte, ein echtes Ensemble hochrangiger und hervorragend aufeinander abgestimmter Sängerpersönlichkeiten. Selbst die kleinen Partien fallen nicht ab, Marco Spotti (König), Paolo Fanale (Bote) und Eleonora Buratto (Priesterin) fügen sich klangschön und hochmusikalisch in das Ganze ein. Zentrum der Aufnahme allerdings ist die Titelfigur, die von Anja Harteros in der ihr eigenen, unverwechselbaren Kombination von betörend sinnlichem Schmelz und raumgreifender Spinto-Präsenz gestaltet wird. Den unzerstörbaren Stolz der Herrschertochter weiss sie ebenso suggestiv in Klang zu verwandeln wie die hingebungsvoll Liebende; berührend, aber nie rührselig. Dass dieses Rollenporträt auch stimmlich mühelos und unangefochten umgesetzt ist, versteht sich bei „Donna Anja“ eigentlich von selbst, das hohe C in der Nil-Arie singt sie ebenso traumhaft wie das schwebende „Numi, pietà“, da muss man in der besagten Aida-Diskographie schon weit zurückgehen, um etwas Vergleichbares zu finden. Es wäre zu wünschen, dass sie ihren Entschluss, die Partie nicht in ihr Bühnenrepertoire aufzunehmen, nochmal überdenken möge…! Ihre Rivalin Amneris findet in Ekaterina Sementchuk eine ebenso exzellente Verkörperung, die aus der schier unerschöpflichen Stimmen-Schmiede des Marinsky-Theaters stammende Mezzosopranistin besticht durch ihr dunkles, glutvolles Timbre, die schlanke Stimmführung und den kultivierten Vortrag. Bei soviel vokaler Frauen-Power kann man als Tenor leicht mal blass aussehen… Nicht so hier, denn dafür hat man ja Jonas Kaufmann und der macht sich nicht bang, weder vor den Rollenanforderungen des Radamès noch vor besagten Rivalinnen. Dazu bestünde auch gar kein Grund, Kaufmann legt die Partie hin, als sei das die leichteste Übung von Welt und meistert sämtliche vokalen Stresspunkte, sei es das ominöse pianissimo-B am Schluß der „Celeste Aida“, die Duett-Stretta oder das fanfarengleich geschmetterte „Sacerdote, io resto a te!“ mit bewundernswerter Leichtigkeit. Vor allem aber zeichnet er mit differenziertem Vortrag und klug gesetzten Akzenten ein erstaunlich variables Charakterbild dieser nicht immer ganz nachvollziehbaren Figur. Erwin Schrott mag als Ramfis vielleicht das letzte Quäntchen Schwärze eines echten basso profondo fehlen, aber die Verbindung von Fanatismus und vokaler Attraktivität trifft dennoch ins Schwarze. Mit kultiviertem Vortrag kann auch Ludovic Tézier als Amonasro aufwarten, allerdings hätte er im Duett mit Aida ruhig noch etwas mehr „hinlangen“ können.

Fazit: Auch wenn man die Klassiker der Diskographie schon im Regal hat, für diesen Neuling sollte man noch ein Plätzchen freiräumen…

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