Bayerisches Staatsorchester/ Kristjan Järvi – 12.1.2016

Ein paar waren schon daheim geblieben; und das vermutlich nicht des ungemütlichen Herbstwetters wegen… Jedenfalls war im ersten Akademiekonzert im neuen Jahr eine Reihe von Plätzen im teuren Preissegment unbesetzt, während das Haus ansonsten gut gefüllt war. Und wer sich durch Regen und Wind zum Max-Joseph-Platz vorgekämpft hatte, erlebte ein grandioses Konzert; originell, stimmungsvoll und musikalisch auf allerhöchstem Niveau. Kurz: das erste große Highlight des Musikjahres 2016.

Dafür sorgte das BSO-Debüt von Kristjan Järvi, seines Zeichens der jüngste aus der berühmten estnischen Dirigenten-Dynastie. Im Vergleich zu Papa Neeme und Bruder Paavo war der Junior schon immer etwas anders drauf und steht in erster Linie für musikalische Grenzgänge und Begegnungen. Auch nach München hatte er ein ungewöhnliches, Elemente aus Jazz, Swing und Romantik verquirlendes Programm mitgebracht und das Staatsorchester zur (very) Big Band umfunktioniert. Geht das? Und wie! Die Damen und Herren stürzten sich mit spürbarer Musizierlust in diese Herausforderung, so unverschämt lässig und präzise zugleich, mit solchem groove und funkelndem Witz hat man die Damen und Herren selten gehört; da ruft auch mal ein Musiker „Oh, yeah!“ in eine Generalpause und während der Zugabe – eine wunderbar abgefahrene Phantasie über Weills Moritat von Mackie Messer – eilt eine Geigerin zum Flügel und legt pianistisch los, dass man nur mit den Ohren schlackern kann… Und der Mann am Pult? Der hat seinen Spaß, wie alle Beteiligten auf beiden Seiten der Bühnenrampe. Järvi gibt entspannt den Irrwisch; klingt absurd, ist aber so. Er tanzt, er windet und dreht sich, er federt und feuert und ist vom ersten bis zum letzten Takt in Bewegung, ohne dass das je albern oder aufgesetzt wirken würde. Säße man nicht ganz oben in der ersten Reihe, man wollte es ihm gleichtun, denn diese Musik, so wie sie an diesem Abend erklingt, geht ohne Umwege über die Reflektion ins Blut und in die Nervenbahnen und macht glücklich. Ganz einfach so.

12540999_10153822258738794_2437821527443252644_nHoher Besuch aus der Welt des Jazz: Branford Marsalis auf der Probe mit Kristjan Järvi und dem Staatsorchester (Foto: Wilfried Hösl)

Für die beiden Mittelstücke des Programms hatte Järvi in Starsaxophonist Branford Marsalis einen Mitstreiter und -spieler der Extraklasse an seiner Seite. Für manch einen alteingesessenen Abonnenten vielleicht eine Begegnung der dritten Art, vor allem aber eine Lehrstunde in Sachen Klangschönheit und musikalische Hingabe. So warm und volltönend, so sinnlich und nuanciert hört man dieses Instrument selten, Marsalis’ Ton ist vollkommen frei von näselnden oder gepressten Klängen, die dem Saxophon, insbesondere in der hohen Lage, zuweilen anhaften. Eigentlich ist Marsalis hier, im Opernhaus, genau richtig, so kantabel fließend bringt er sein Instrument zum Singen. Vor der Pause greift er in Darius Milhauds dreisätziger Suite für Saxophon und Orchester Scaramouche richtig in die Kiste und gestaltet die unterschiedlichsten Affekte von grellem Witz, Ironie, Virtuosentum bis hin zu edelster Poesie auf engstem Raum, ein Mikrokosmos dessen, was das Saxophon an Klangfarben hergibt. Eine etwas komplexere Struktur besitzt das 2003 entstandene Tallahatchie Concerto des niederländischen Komponisten Jacob ter Veldhuis. Im Gesamt-Tableau des Abends fällt das zweisätzige Werk – die beiden Teile sind phantasievollerweise mit „Slow“ und „Fast“ überschrieben – an Originalität und Esprit vielleicht ein wenig ab, erst gegen Ende darf der Solist sich doch noch virtuos austoben und mit rasanten Tonkaskaden über die gesamte Tessitura des Instrumentes brillieren.

Begonnen hatte der Abend mit einer kleinen Hommage an den Universalmusiker Leonard „Lenny“ Bernstein, genauer gesagt mit dessen Candide-Ouvertüre und drei sinfonischen Stücken aus dem Musical On the town von 1944. Letzteres markierte seinerzeit am Broadway einen Meilenstein für die Karriere des Komponisten. Ist eine Weile her, aber dennoch klang nichts angestaubt oder altväterlich, Järvi und das Orchester lassen die Musik glitzern und funkeln, rhythmisch poliert und zugespitzt, ohne aufgesetzt knallig zu werden, ein Opener voller Esprit, Musizierlaune und tänzerischer Vitalität. Übrigens ließ Branford Marsalis es sich nicht nehmen, sich für den Bernstein mit ins Orchester zu setzen und den Saxophonpart zu spielen… Flotte Rhythmen, Eleganz und ein breites Farbspektrum prägten auch den „Rausschmeisser“ des Abends, die von Järvi selbst arrangierte Suite aus Tchaikovskijs Schauspielmusik Snegorochka. Das komplette Werk hat Järvi kürzlich mit dem MDR-Sinfonieorchester bei Sony Classical auf CD herausgebracht; dieses rein orchestrale Best of machte Appetit auf mehr davon. So temperamentvoll und beschwingt musiziert braucht sich das „Schneeflöckchen“ kaum hinter den berühmten Ballettmusiken Tchaikovskijs zu verstecken; und Järvi reizte zum Schluß nochmal alle Reserven aus, insbesondere der knallharte Kontrast zwischen den letzten beiden Sätzen setzte noch einen Knalleffekt. Am Ende hob Järvi dann fast so schön ab wie seinerzeit Lenny himself, bei der Landung empfangen von frenetischem Jubel. 2016 hat begonnen, freuen wir uns darauf!

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