BR-Symphonieorchester/ Mariss Jansons – 14.1.2016

So kann es gehen – der Maestro hat Geburtstag und wir werden beschenkt! Mit einen schmissig intonierten „Happy Birthday“ des Orchesters und stehenden Ovationen wurde Mariss Jansons an seinem 73. Geburtstag im Herkulessaal empfangen. Es folgten ein Walzer und eine charmante Ansprache von Konzertmeister Anton Barachovsky; man habe gerade einen eigenen Beitrag zur Rubrik „Überraschungsstück“ geleistet… Ein solches serviert Jansons in dieser Saison in jedem seiner BR-Konzertprogramme, manchmal am Anfang, manchmal am Ende oder auch in der Mitte. Dieses ist auch nicht im Programm ausgedruckt, sondern wird vom Maestro persönlich angesagt. Diesmal war es gleich nach der Pause eingeschoben; von Tchaikovskijs Die Nachtigall für Chor a capella auf eigenen Text hatten vermutlich auch die hartgesottenen Habitués noch nie etwas gehört. Jetzt schon, und besser als mit dem fantastischen Chor des Bayerischen Rundfunks (Einstudierung: Peter Dijkstra) hätte diese Premiere auch nicht klingen können. Überraschung(sstück) geglückt!

Die regulären und angekündigten glückten natürlich ebenfalls, wobei ich auf das Eröffnungsstück, John Coriglianos Fantasia on an Ostinato auch hätte verzichten können. Was uns der Komponist damit sagen will, dass er ein mehrfach wiederholtes Zitat aus Beethovens 7. Sinfonie mit anderen zusammengeklauten Klassikmomenten zu einem zähen Fünfzehnminüter verleimt hat? Bleibt unbeantwortet. Zeitgenössische Musik ja, der Komponist lebt noch, aber modern? Keineswegs.

Also gleich weiter im Programm mit Korngold. Erich Wolfgang Korngold. Als Opernkomponist gefeiert, vor den Nazis in die USA emigriert und in Hollywood wieder zum Star geworden und schließlich 1945 nach Europa und zu den klassischen Wurzeln zurückgekehrt. Aus dieser Spätphase seiner Karriere stammt das Violinkonzert op.35 in D-Dur, in dem Korngold einige seiner erfolgreichsten Film-Musiken als sinfonische Themen zu einem süffig-melodienseligen Schmachtfetzen recycelt hat. Das Orchester ließ sich denn auch nicht lumpen und spielte das Opus mit aller gebotenen Opulenz, Wärme und sinnlichem Schwelgen, dabei aber elegant auf Linie und stets geschmackvoll. Allerdings gab es – naturgemäß – auch noch einen Solisten; und Leonidas Kavakos war leider auf einem ganz anderen Trip unterwegs. Technisch gab es da wenig, bzw. nichts zu mäkeln, er spielt mit schlankem, intonationssicherem Ton bis in die höchste Lage und liefert alle Noten präzise ab. Allerdings habe ich schon lange nicht mehr Solist und Orchester so aneinander vorbeispielen hören wie hier, mit seinem steifen und emotionsarmen Vortrag bleibt Kavakos seinem Part jegliche sinnliche Verspieltheit und Finesse schuldig. Da passte die musikalische Performance leider bestens zu seiner fast schon desinteressierten Ausstrahlung; nun gehörte Kavakos noch nie zu meinen bevorzugten Geigern, wirklich Pluspunkte hat er auch diesmal nicht gesammelt.

Dafür geriet der zweite Teil des Abends umso bewegender; nach besagter Überraschung stand mit Sergej Rachmaninovs sinfonischem Poem Die Glocken op.35 ein ambitioniertes Stück russischer Spätromantik auf dem Programm. Der russisch-schottische Symbolist Konstantin Balmont hat den originalen Text von Edgar Allan Poe ins Russische übersetzt und dem Komponisten sozusagen eine Steilvorlage geliefert, schließlich spielen Glocken in ihrer Motivik und ihrem Symbolgehalt eine grundlegende Rolle in Rachmaninovs Oeuvre. Das Werk beschreibt in vier bewegten Sätzen den Zyklus des menschlichen Lebens, begleitet und versinnbildlicht vom Klang der jeweiligen Glocke: von den Schlittenglocken als Ausdruck unbeschwerter Jugend über die Hochzeitsglocken und die Sturm- bzw. Feuerglocke als Synonym für Kämpfe, Leid und Gefahr bis hin zum düsteren Grabgeläut des letzten Satzes. Ein monumentales Klanggemälde, das aber in Jansons’ suggestivem Dirigat ungemein plastisch und transparent klingt. Die satztechnische Struktur, in der Chor und die jeweilige Solo-Stimme rafiniert verwoben sind, kommt mit größtmöglicher Klarheit heraus, ohne akademisch oder glatt zu werden. Nur der dritte Satz wird ausschließlich vom Chor vorgetragen, der Kampf gegen Schicksal, Leid und Katastrophen ist Sache des Kollektivs und geht alle an; was die Damen und Herren des BR-Chors hier an vokaler Dramatik und Intensität auffahren, ist überwältigend. Von den drei Solisten ragte der Bariton von Alexey Markov heraus; der Sänger, der sich bei seinen bisherigen Auftritten in München eher als Mann fürs Grobe präsentiert hatte, entlockte seinem Material diesmal ungewohnt weiche und lyrische Akzente und sang eine tief empfindsame Klage. Daneben wirkten die Stimmen der Sopranistin Tatiana Pavlovskaya und des Tenors Oleg Dolgov eher ungeschliffen und arg pauschal im Ausdruck. Wieder einmal hatte sich gezeigt, dass die interessantesten Stücke von Rachmaninov nicht die Klavierkonzerte sind.

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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