Bayerische Staatsoper: “South Pole” – 31.1./3.2.2016

Captain, oh my Captain!

Die BSO erobert mit Miroslav Srnka und Tom Holloway den Südpol

Nein, ein Eisbären-Ballett haben sie nicht aufmarschieren lassen auf dem Max-Joseph-Platz auf dem Weg zur Uraufführung… Sonst aber hat man seitens der BSO nur wenig unversucht gelassen, dem Publikum South Pole schmackhaft zu machen, die neue und erste große, abendfüllende Oper von Miroslav Srnka; außer den üblichen Interviews, Vorberichten und Matineen gab es ein riesiges Rahmenprogramm mit Themenkonzerten, Filmvorführungen, einer wochenlangen Klanginstallation unter dem Portikus des Nationaltheaters und schließlich sogar einen Themen-Blog auf der BSO-Website, auf dem man schon seit einem Jahr in aktuellen Texten und Bildern die Entstehung der neuen Oper verfolgen und miterleben konnte. Auch der Fanshop hat aufgerüstet und bietet zur Premierenserie Taschenwärmer (!) mit Werktitel und Hausemblem sowie T-Shirts mit dem Slogan „Keep calm and focuse on South Pole“ an… Dem Zufall hat man wirklich nichts überlassen und darüber hinaus mit Chefdirigent Kirill Petrenko, Regisseur Hans Neuenfels und den beiden Starsolisten Rolando Villazón und Thomas Hampson einige besonders prominente Expeditionsleiter verpflichtet. Eine Rechnung, die auch diesmal aufgegangen ist, die Opernkasse meldet „ausverkauft“ für die gesamte Serie, ARTE sendete die Premiere zeitversetzt am selben Abend.

Das ist alles wunderbar und wunderprächtig, aber entscheidend ist nunmal auf dem Eis, bzw. dem Platz. In diesem Fall: Bühne und Graben. Und auch da herrschten beste Bedingungen, es waren Profis am Werk und die Mission gelang auf der ganzen Linie – ungeteilter, begeisterter und anhaltender Applaus und Bravi für alle Beteiligten, der Komponist schlug sich angesichts des Empfangs in einer sympathisch spontanen Geste beide Hände vors Gesicht… Ein großer, und auch ein wichtiger Erfolg für die Intendanz; schließlich waren die ersten beiden Uraufführungen in dero Amtszeit, ungleich größeren Komponistennamen zum Trotz, fulminant gefloppt: Peter Eötvös’ Die Tragödie des Teufels 2010 und Jörg Widmanns Babylon 2012. Jetzt einem relativ jungen – Srnka ist Jahrgang 1975 – und noch nicht so etablierten Komponisten einen solchen Auftrag zu erteilen, war gewiss nicht ohne Risiko, aber das Ergebnis hat dieses Vertrauen absolut gerechtfertigt, trotz kleinerer Einwände im Detail.

South Pole C) W. Hösl

Weiße Wüste mit Entdeckern drin (Foto: Wilfried Hösl)

Überschrieben ist South Pole mit „Eine Doppeloper in zwei Teilen“. Wie jetzt? Kriegt man zwei Opern zum Preis von einer? Nicht ganz, eigentlich müsste man von zwei Handlungen sprechen, die sich aber musikdramaturgisch geschickt durchdringen und ein Ganzes ergeben, eine Art theatraler Doppelhelix. Wie der Titel nahelegt geht es um den berühmten Wettlauf zum Südpol, die beiden konkurrierenden Expeditionen der Briten unter Leitung von Robert F. Scott und der Norweger unter Roald Amundsen im Jahr 1910/11. Wissenschaftliche oder ökonomische Interessen waren eher nicht im Spiel, Eitelkeit, Machotum, Größenwahn und nationalistische Antriebe dafür umso mehr. Amundsen und sein Team erreichte dank effizienterer Planung das Ziel Wochen vor den Kollegen und war bereits wieder zurück, als Scott und die Seinen in Schneestürme gerieten und ihre mangelhafte Organisation mit dem Leben bezahlten. Das Libretto des australischen Dramatikers Tom Holloway folgt im Wesentlichen dieser Chronologie der Ereignisse und fasst den Ablauf der beiden Unternehmungen in ziemlich genau zwei Stunden Nettospielzeit zusammen, inklusive einiger kleiner Abweichungen von den historischen Fakten. Aber um diese geht es den Autoren auch nur peripher, im Mittelpunkt steht… Ja, was genau? Hier sind wir schon bei der Kernfrage angekommen, denn die Autoren setzen in erster Linie auf eine psychologisierende Darstellung, allerdings ohne eine eindeutig benennbare „Moral von der Geschicht“. Man könnte auch sagen: Form und Ästhetik dominieren in dieser Oper über den Inhalt. Dramaturgisch und auch sprachlich ist Holloways Textvorlage brillant, in seiner anschaulichen und variablen Sprache und präzisen Form vermutlich eines der besten neuen Opernlibretti der jüngeren Vergangenheit; vor allem aber auch ein originäres Drama ohne „abgesicherte“ literarische Vorlage, auch das erscheint bemerkenswert. „Doppeloper“ bezieht sich dabei vor allem auf die absolut symmetrische Erzählweise der Fabel, beide Expeditionen laufen parallel ab, überlagern sich, trennen sich und gehen wieder zusammen; schlaglichtartig treten die beiden Protagonisten und einzelne Mitglieder ihrer jeweiligen Teams in den Mittelpunkt, um sich anschließend wieder ins Kollektiv einzufügen. Dabei wird die Handlung einige Male von surrealen Momenten gebrochen, wenn etwa die Stimmen von Scott und Amundsen sich zu einer Art Doppelmonolog oder Uneigentlichkeitsdialog vereinen. Zusätzlich haben die Autoren, um nicht auf die weibliche Klangfarbe verzichten zu müssen, Scotts Ehefrau Kathleen und eine „Landlady“ als Verkörperung von Amundsens erotischen Sehnsüchten und Erlebnissen in die Handlung einbezogen; als sirenenhafte Imaginationen und Traumgestalten, die je nach dramaturgischer Situation auch kommentierende oder interpretierende Funktionen übernehmen und, praktisch als Gedankenstimmen der Eroberer, auch miteinander in Zwiegesang treten.

South Pole M. Erdmann Team Amudsen T. Hampson c) W. Hösl

Lichtgestalt mit Blecheimer: Mojca Erdmann (Landlady) mit Thomas Hampson (Amundsen, rechts) und seinen Jungs – Foto: Wilfried Hösl

Das kann man, wie einige Kritiker schrieben, für „Küchenpsychologie“ halten; aber ganz abgesehen von klanglichen Erwägungen erreicht die Musik in diesen Passagen ihre größte emotionale Verdichtung und poetische Qualität. Womit wir bei der Musik angekommen wären. Und da ist gleich mal festzuhalten, dass Srnka sein Handwerk versteht und eine wirkmächtige, durchaus farbenreiche, hochkomplexe und sehr originelle Partitur geschaffen hat; wenn mich meine Ohren nicht täuschen, hat der Komponist keinerlei wörtliche oder stilistische Zitate und Anleihen genommen und lediglich ein paar tradierte topoi zur akustischen Vergegenwärtigung von Kälte eingesetzt. In der Tat klingt die Eiswüste des Südpols hier auratisch, aber musikalisch belebt. Die symmetrische Struktur des Librettos prägt auch die Musik, angefangen bei der Besetzung der beiden Teams, fünf Tenöre auf britischer und fünf Baritone auf norwegischer Seite, über die Tonbandeinspielungen der von beiden mitgeführten Gramophone – Carusos Aufnahme der Blumenarie aus Carmen vs. Solveigs Lied von Grieg – bis hin zu den erwähnten Ensemble- und Simultanszenen unter Mitwirkung der beiden Frauengestalten. Der Orchesterapparat ist riesig besetzt und beinhaltet neben dem traditionellen Instrumentarium und einer großen Zahl von Schlagwerk, Xylo-, Marimba- und sonstigen -phonen auch „exotische“ Akzente wie Schmirgelpapier, Sprungfedern und einen Eierschneider… Eigentlich lässt sich höchstens erahnen, welche ungeheure Leistung Kirill Petrenko am Pult des einmal mehr grandiosen Staatsorchesters aufzurufen hat; denn die Musik nutzt vertikale und horizontale Klang- und Bedeutungsebenen gleichzeitig, untermalt suggestiv die Kälte und Gnadenlosigkeit des Ambientes, webt einen riesigen Klangteppich und setzt zugleich noch einige höchst naturalistische Akzente; etwa in der Szene, in der beide Expeditionen ihre Frachttiere, die Engländer ihre Ponies und die Norweger ihre Hunde, erschießen. Ein besonderer Clou sind der Beginn und der Schluß aus gesungenen Morsezeichen, aus denen der jeweils andere Protagonist allmählich Silben, Worte und Sätze formt; etwas Vergleichbares gibt es in der Operngeschichte sicher noch nicht. Allerdings tut Srnka zuweilen auch etwas zu viel des Guten, die Orchestrierung etwa ist fast durchgehend extrem dicht, was die Textverständlichkeit und die Durchhörbarkeit des Orchestersatzes beeinträchtigt und den auditiven Nachvollzug des Dramas nicht gerade erleichtert; so erschienen mir beim ersten Hören am Premierenabend die Hauptfiguren musikalisch nur bedingt individuell charakterisiert und sehr ähnlich in ihrem Idiom, erst bei wiederholtem Hören wurde mir die Zuordnung bestimmter Klangfarben und Harmonien zu den Charakteren bewußt. Zudem macht diese Dicke des Klangbildes in einigen Passagen eine elektroakustische Verstärkung der Solisten erforderlich… Die Singstimmen führt Srnka bewußt schlicht und in einer mittleren, gut singbaren Tessitura. Das klingt für sich genommen wenig spektakulär, eine Art zweistündiges Dauer-Rezitativ, wodurch sich auch die vokalen Anforderungen in eher überschaubarem Rahmen halten. Das eigentliche Drama findet eher im Orchester statt. Dass es dies schlußendlich tatsächlich auf nachvollziehbare Weise tut, ist mit Sicherheit der Verdienst Petrenkos und seiner Musiker, die zu Recht enthusiastisch gefeiert wurden.

South Pole Tara Erraught R. Villazon c) W. Hösl

Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein… Kathleen Scott (Tara Erraught) zu Besuch bei Captain Robert (Rolando Villazón) – Foto: Wilfried Hösl

Ein Coup ist natürlich die prominente Besetzung der Hauptpartien; eine Karte mit der man als Theaterleiter stets gewinnt und auch einer solchen Produktion gesteigertes überregionales und internationales Interesse sichert. Im Fall von Rolando Villazón als Robert Scott war dies sogar eine doppelte Premiere, da der tenorale Publikums- und Medienliebling hier erstmals in seiner Karriere eine Rolle in einer wirklich modernen Oper übernommen hat. Diese gestaltet der Künstler mit einer klugen Balance zwischen Disziplin und Emphase und zeigt sich in der für ihn eher ungewohnten Funktion des szenischen Teamplayers. Er zeichnet den britischen Captain als burschikosen Entdecker mit fast kindlicher Freude, der umso tiefer getroffen in sich zusammenfällt, als er merkt, dass der Wettlauf verloren ist und er durch Planungsfehler sich selbst und seine Mitstreiter in den Untergang geführt hat. Stimmlich kommt ihm die relativ tiefe Tessitura ebenso entgegen wie die stark am Sprachduktus orientierte Textur, in die für ihn mittlerweile problematischen Tenorhöhen muss er sich nicht begeben, sondern darf sich weitestgehend ungestört in der vokalen Komfortzone produzieren; eine gewisse Grundangestrengtheit der Stimme kann er dennoch nicht abschütteln. Sein Gegenspieler Thomas Hampson, mit wesentlich mehr Erfahrung in Sachen neue Musik ausgestattet, hat mit Amundsen die eigentlich weniger dankbare Partie. Zumindest auf den ersten Blick; schließlich vermag der straff organisierte, kaltherzige Kontrollfreak vom Fjord eher wenig Sympathie zu wecken. Dass Hampson es dennoch schafft, diesen zu einer blutvollen und durch Widersprüchlichkeit faszinierenden Bühnenfigur zu machen, zeigt erneut seine stimmgestalterische Klasse. Ob schneidende Härte und Unnachgibigkeit, zuweilen aufkeimende Selbstzweifel oder quälerische Erinnerungen an eine unerfüllte Liebe; Hampson zeigt ein breites Spektrum an Emotionen und viele Facettten des Charakters, sogar mehr davon, als sich aus dem Libretto herauslesen lassen. Auch stimmlich präsentiert er sich in bestechender Verfassung und setzt sein immer noch cremig weiches und flexibles Material effektvoll ein, wie er in einer Art Schlußmonolog aus den gesungenen Morsezeichen den Wortlaut des letzten Telegramms formt, ist ein echtes Kabinettstückchen.

Ebenso prägnant besetzt sind die beiden Frauenfiguren: Tara Erraught als Kathleen Scott gibt mit gehaltvollem und schön strömendem Mezzo die distinguierte englische Lady in der schwarzen Designer-Robe, upperclass durch und durch, während Mojca Erdmann als die ominöse Landlady mit offenem Blondhaar und im weißen Hemdchen als Kindfrau-Phantasie die Gedanken Amundsens beherrscht und dazu ihren kühl schillernden Sopran bruchlos in die höchsten Höhen steigen läßt, eine laszive Engelsvision im ewigen Eis. Toll ist auch, wenn die beiden Stimmen duettierend oder im Ensemblesatz zusammenfließen.

Sehr homogen und überzeugend sind auch die beiden Mannschaften, die Tenöre Dean Power (Lawrence Oates), Kevin Conners (Edward Wilson), Matthew Grills (Edgar Evans) und Joshua Owen Mills (Henry Bowers) für die Briten und die Baritone Tim Kuypers (Hjalmar Johansen), John Carpenter (Oscar Wisting), Christian Rieger (Helmer Hanssen) und Sean Michael Plumb (Olav Bjaaland) für die Norweger. Unter gesanglichen Aspekten stellt South Pole sicherlich keine übermäßigen Anforderungen und wäre daher auch für mittlere und kleinere Häuser zu realisieren; hinsichtlich des Orchesters dagegen schaut die Sache schon anders aus…

South Pole_Team Scott_Team Amudsen c) W. Hösl

Zwei Lager, ein Ziel: links die Briten mit Scott, rechts die Norweger mit Amundsen (Foto: Wilfried Hösl)

Vollendet wird das Opernereignis durch die bestechend „cleane“ und schnörkellos präzise Inszenierung von Hans Neuenfels. Gemeinsam mit Katrin Connan hat Neuenfels einen aseptisch weißen Bühnenraum mit nach hinten zeltartig spitz zulaufendem Hintergrund entworfen, ein schwarzes Kreuz am Fluchtpunkt markiert den Pol, eine Holzleiste in der Bühnenmitte trennt die beiden Handlungen. Diese wird in den Zwiegesängen Scotts und Amundsens zwar berührt, aber nie überschritten. Mit genauer Personenführung und einzelnen Versatzstücken versteht es der Regisseur, den Unterschied zwischen Scotts liebenswert spleeniger Chaotentruppe und Amundsens paramilitärisch organisierter Einheit unmittelbar deutlich zu machen und das Geschehen zu strukturieren. Die Sänger werden geführt, aber nicht eingeengt, die klare und sparsame Visualisierung unterstützt die Musik, ohne von ihr abzulenken oder sich in den Vordergrund zu drängen. Andrea Schmidt-Futterer hat beide Expeditionen individuell eingekleidet, die Briten in schwarze, gewachste Funktionsjacken, die auch aus der neuen Willy Bogner-Kollektion stammen könnten und die Norweger in fluffige Overalls im Robbenfell-Look; so weiss jeder, wo er hingehört. Im Vergleich zur letztjährigen Manon Lescaut wirkt diese Regiearbeit noch reduzierter und strenger, aber ebenso eindrucksvoll und auf den Punkt inszeniert.

Auch in der Rubrik „Uraufführung“ ist der BSO hier endlich mal wieder ein klarer Punktsieg gelungen, auf den man am Max Joseph-Platz stolz sein kann. Und auf die weitere Karriere von Miroslav Srnka im Opernbereich darf man gespannt sein.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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