Bayerische Staatsoper: “Gurre-Lieder” – 15./17.2.2016

Ein Österreicher namens Arnold Sch.? Und wie weiter? Naja, da gibt es zumindest zwei naheliegende Optionen, wobei den meisten, die an diesem – selbstredend ausverkauften – Abend ins Nationaltheater strömten, tendenziell eher der „önberg“ denn der „warzenegger“ eingefallen sein dürfte. Ob das im gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt ebenso ist, sei mal dahingestellt und zumindest latent bezweifelt. Wer sich eine Karte für die Gurre-Lieder kauft, der weiss im Regelfall, was er tut und was ihn erwartet: eine der gewaltigsten Partituren des 20. Jahrhunderts nämlich, für die das Attribut „monumental“ eher untertrieben erscheint und die sich den üblichen Gattungsbezeichnungen und Typologien mit Aplomb widersetzt. Was sind diese Gurre-Lieder denn nun? Ein Oratorium, eine Vokal-Symphonie, eine ins XXL-Format aufgeblasene weltliche Kantate? Von allem etwas? Auf jeden Fall ein Riesenbatzen Spätestromantik, affektgesättigt, leidenschaftsschwer und pompös mit Tendenz zum Schwülstigen. Kein anderes klassisches Werk, Mahlers Achte vielleicht noch ausgenommen, erfordert eine solch gigantische Orchesterbesetzung, dazu noch drei vierstimmige Männerchöre und ein achtstimmiger gemischter Chor sowie sechs zum Großteil äußerst anspruchsvolle Solopartien. Klotzen ist also angesagt, nicht kleckern; laut der BSO-Website waren an diesen Abenden 310 Mitwirkende auf der Bühne.

Das Ergebnis war entsprechend bombastisch, ein Klangvollbad à la bonheur. Den Riesenapparat zusammenzuhalten ist für den Dirigenten alleine schon eine Aufgabe, darüber hinaus stellt der Komponist aber auch bis ins Letzte gesteigerte Ansprüche an Ausdruck und emotionale Vergegenwärtigung des Geschehens. Der Text des dänischen Symbolisten Jens Peter Jacobsen, ins Deutsche übersetzt von Robert Franz Arnold, erzählt in poetischen Wechselgesängen und Soli die traditionelle nordische Volkssage von König Waldemar und seiner Geliebten Tove; nach deren Ermordung durch die eifersüchtige Königin verwandelt sich der verzeifelte Herrscher in eine Art Wiedergänger, der sich von Gott lossagt, eine Truppe Untoter um sich schart und eine wilde Jagd durch die Fjorde anzettelt, bevor ein mystisch-entrückter Schlußchor die aufgehende Sonne und die Transformation in einem gewaltigen Hymnus feiert; da haben sämtliche Nackenhaare Stehplatz und Gänsehaut ist garantiert.

12734103_10153909569168794_3798074043751148524_nFull House im Nationaltheater (Foto: Wilfried Hösl)

Für diese besondere Aufgabe hatte man Zubin Mehta ans Pult gebeten und da kam einem doch das Faust-Zitat aus dem Prolog im Himmel in den Sinn: „Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern“… Das gilt bekanntlich für das Staatsorchester und das Münchner Publikum gleichermaßen und auch Intendant Nikolaus Bachler hatte es sich nicht nehmen lassen, den früheren GMD im Programmheft mit einer warmherzigen und sehr persönlichen Hommage zu begrüßen. Auch künstlerisch erwies sich Mehta als eine ausgezeichnete Wahl für das gewaltige Werk, für die Klangwelt des Fin de siecle hat er von jeher große Affinität und Leidenschaft bewiesen. So auch diesmal, mit solcher orchestralen Prachtentfaltung und Emphase hat man die Gurre-Lieder lange nicht gehört, bereits das chromatisch flirrende Vorspiel entfaltete eine wahre Sogwirkung, die sich im Laufe der knapp zwei Stunden Spieldauer in einen regelrechten Klangrausch steigerte. Natürlich könnte man das Ganze anders anlegen, feingliedriger, transparenter, analytischer… So wie es Mariss Jansons mit seinem BR-Symphonieorchester 2009 vorgeführt hat. Mehtas Ansatz ist natürlich ein ganz anderer, setzt ungeniert und in der Rolle des Überzeugungstäters auf gefühlsprallen romantischen Mischklang und hemmungslose Überwältigung des Hörers. Das ist sogar für die hehre Halle des Nationaltheaters ein echter Härtetest. Mit bedingungsloser Hingabe kostet der Dirigent die in der Partitur verschwenderisch verstreute Tristan-Chromatik, den Wiener Schmäh und die zahlreichen Mahler-Reminiszenzen aus; und im Orchesterzwischenspiel vor dem Monolog der Waldtaube grüßt die Titelmusik von Game of Thrones herüber, sogar die hat Schönberg vorauskomponiert, wenn auch gewiss ohne sich dieser Ehre bewußt zu sein…! Das alles war schon im ersten Anlauf ungemein beeindruckend, steigerte sich aber zwei Tage später nochmal erheblich, denn der zweite Abend klang noch entspannter, aufmerksamer und vor allem differenzierter, die Lautstärke war etwas reduziert und die Tempi variabler; was den Sängern natürlich zugute kam. Ein großes Lob gebührt natürlich dem Chor und Extrachor der Staatsoper in der Einstudierung von Sören Eckhoff, deren versammelte Stimmgewalt beinahe den Plafond anhob, die subtileren Töne und die Pianokultur sieht die Partitur für die Damen und Herren halt nicht vor.

Die solistische Besetzung war, wie eigentlich nicht anders zu erwarten, prominent und wurde der Aufgabe in den meisten Fällen auch mit Bravour gerecht. So dürfte es momentan kaum einen Tenor geben, der den Waldemar so locker und souverän bewältigt wie Stephen Gould, der sich nach einer mehrmonatigen Auszeit nun eindrucksvoll zurückgemeldet hat. Goulds ausladendes Material verfügt über ein breites baritonales Fundament, maskulines Timbre und schier unerschöpfliche vokale Reserven, scheinbar mühelos überstrahlt er alle Orchesterwogen, ohne brüllen oder forcieren zu müssen. Dass am ersten Abend die beiden höchsten Töne etwas rauh klangen, fiel angesichts dieser imposanten Interpretation überhaupt nicht ins Gewicht. Auf demselben überragenden stimmlichen Niveau, und gestalterisch sogar noch suggestiver, sang Okka von der Damerau den Monolog der Waldtaube. Mit dieser famosen Sängerin hat die Staatsoper ein wahres Juwel von einem Mezzosopran in ihren Reihen, deren ungemein kultivierte, klangsatte und nahezu unbegrenzt modulationsfähige Stimme kaum Grenzen zu kennen scheint und in jeder Art von Repertoire zuhause ist; sei es Wagner, Verdi, Mahler, Barockmusik oder die klassische Moderne. Dazu kommt noch eine mustergültig klare und von tiefem interpretatorischen Verständnis getragene Textbehandlung. Völlig zu Recht erntete sie am Ende neben Zubin Mehta und dem Chor den stürmischsten Applaus des Abends. Sehr prägnante Auftritte in den beiden Episodenrollen des zweiten Teils boten Goran Jurić mit volltönendem Bass als Bauer und Gerhard Siegel mit scharf pointiertem Charaktertenor als Klaus Narr. Einziger sängerischer Schwachpunkt war Anne Schwanewilms als Tove, die es mittlerweile kaum noch schafft, die auseinander brechenden Register ihres früher einmal so schönen und sinnlich strahlenden Soprans unter Kontrolle zu behalten, die Höhe hat sich bereits komplett verabschiedet. Das anhören zu müssen, ist schlicht ein Jammer und man kann nur hoffen, dass die Künstlerin nochmal die Kurve kriegt.

Bleibt schließlich noch die heikle und ausgesprochen schwierig zu besetzende Partie des Sprechers, der kurz vor Schluß in einem vom Orchester unterlegten Monolog den Übergang vom Drama um Waldemar und Tove hin zur finalen Chor-Apotheose bewerkstelligen muss. Ein Schauspieler kommt naturbelassen kaum übers Orchester und muss daher zwangsläufig elektroakustisch verstärkt werden; besetzt man hingegen einen Sänger, besteht die Gefahr eines zu sehr gesungenen und unangemessen opernhaften Stils. Hier hatte man sich für die erste Option entschieden und mit Klaus Maria Brandauer zumindest einen klangvollen Namen aufgeboten… Wirklich überzeugen konnte seine Darbietung allerdings nicht; über seinen stark affektierten und gekünstelten Vortrag – der vermutlich eine „koboldhafte“ Natur suggerieren sollte – konnte man vielleicht noch geteilter Meinung sein, allerdings wurde sein Beitrag auch von der Tontechnik komplett sabotiert. Irgendetwas war richtig schief gelaufen, die Stimme schepperte, klang verzerrt und hallig, kaum zu verstehen. Zumindest am ersten Abend entzog sich das eigentlich der Bewertbarkeit; am zweiten hatte die Technik wenigstens die Lautstärke etwas runtergefahren, ohne das Problem wirklich zu lösen. So oder so war Brandauers Auftritt die Anti-Klimax des Abends und fand auch kaum mehr als Höflichkeitsapplaus.

Gehabt Euch für heute also wohl und hört was Schönes,

der Fabius

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