Bayerische Staatsoper: “Norma” – 27.2.2016

Nein, viel Staat(soper) war noch nie zu machen mit dieser betulich-langweiligen Inszenierung, die Jürgen Rose, natürlich in Personalunion als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner, vor ziemlich genau zehn Jahren auf die Bühne gewuchtet hat; selbstverständlich für und mit Edita Gruberova. Nun hat jene sich bereits vor einigen Jahren wieder von dieser, wie man hören konnte, ohnehin eher ungeliebten Partie verabschiedet. Wider Erwarten verschwand die Produktion allerdings nicht zeitgleich, sondern erfuhr nun bereits den zweiten Wiederbelebungsversuch ohne die Primadonna. Kann das gutgehen? Wirtschaftlich offenbar schon, alle drei Aufführungen in dieser Woche sind ausverkauft. Künstlerisch blieb hingegen einiges im Argen, einer jener berüchtigten „Einer-besser-einer-schlechter“-Abende wie sie im Tagesgeschäft, auch demjenigen großer Opernhäuser, einfach stattfinden.

NormaSzenische Ödnis im Druidenhain: Jürgen Roses Bühnenbild zu “Norma” (Foto: Wilfried Hösl)

Der relativ kurzfristig eingesprungene Dirigent Antonello Allemandi tat, was er ohne längere Proben tun konnte und bot eine grundsolide performance. Allemandi gehört zu jener Sorte von gewieften italienischen Kapellmeistern der zweiten Reihe, die „ihren“ Bellini, Rossini oder Verdi einfach draufhaben, die man vermutlich auch nachts um Drei Uhr wecken und ans Pult stellen könnte und noch eine ordentliche Vorstellung bekäme. Zu jenen Dirigenten also, die vielleicht nicht unbedingt für die Sternstunden zuständig sind, ohne die der Opernbetrieb als solcher aber nicht auskommt. Allemandi wählte insgesamt eher flotte tempi und vertrat eine musikantisch-frische Klangvorstellung, trug und unterstützte die Sänger vorbildlich. Lediglich in den großen Chor- und Ensembleszenen hätte ich mir mehr Zug und dramatische Emphase gewünscht, vor allem in Finale, dessen grandiose Sogwirkung sich nur andeutungsweise einstellte.

Das lag allerdings auch an der Titelheldin: Carmen Giannattasio genießt den Ruf einer hochkompetenten Interpretin der dramatischeren Belcanto-Partien und des frühen Verdi. Rein gesanglich wurde sie dem auch in hohem Maße gerecht, ihr kraftvoller und gut fokussierter Sopran besitzt viel Volumen, metallischen Glanz, Beweglichkeit und eine sichere Höhe von bemerkenswerter Strahlkraft, auch die piani gehören für sie zum Programm; technisch ist sie der extrem anspruchsvollen Partie in jedem Moment beeindruckend gewachsen. Das ist eine Riesenleistung, um das ganz klar zu sagen. Dennoch blieb ihre Darbietung auf hohem Niveau zwiespältig, denn die stimmgestalterische Seite der Rolle fiel weitgehend aus, die seelische Zerrissenheit und die Bandbreite der Emotionen schöpft Giannattasio nicht einmal annähernd aus; ob politische Lenkerin und Chefideologin oder bedingungslos liebende Frau, ob Leidenschaft, Zorn, Häme oder Zärtlichkeit, bei ihr klingt das leider alles gleich, da fehlt es an Farben und Facetten, das ist für diese Partie einfach zu pauschal. Immer wieder ein Jammer, wenn Künstlerinnen und Künstler aus solchen vokalen Möglichkeiten so wenig machen… Über solche Möglichkeiten verfügt Aleksandrs Antonenko schon von Haus aus nicht, sein Pollione war der wohl peinlichste Fehlgriff der Castingabteilung in dieser Saison. Wie in nomine trium diabolorum kann man auf die Idee kommen, diesen Sänger ausgerechnet in einer BELCANTO-Oper zu besetzen??? Antonenko ist ein tenore di forza der ganz groben Sorte, der mit seinem baritonal-ausladenden und ausgesucht hässlich timbrierten Organ alles niederbrüllt, was ihm über den Weg läuft; null Schmelz, null Eleganz, null Italianità, null von nichts was die Rolle und der Stil Bellinis erfordern würde. Noch schlimmer allerdings klingen die wenigen Passagen, in denen er versucht, nicht zu brüllen, dann zeigt sich die fehlende Technik, die Stimme klingt heiser, bricht und rutscht in den Hals. Das Publikum empfing ihn beim Verbeugen mit betretenem Schweigen und mauem Höflichkeitsapplaus, man ist hier halt anderes gewohnt.

So gestaltete sich der Abend zu einer beeindruckenden Leistungsschau des Hausensembles, das regelrecht über die Gäste triumphierte und entsprechend gefeiert wurde; was hier in den letzten Jahren unter der Intendanz Bachler mit Kennerschaft und Herzblut aufgebaut worden ist, läßt sich gar nicht hoch genug würdigen! Kein Wunder etwa, dass der Mezzosopranistin Angela Brower mittlerweile zahlreiche große Fachpartien anvertraut werden, auch als Adalgisa überzeugt sie mit weich fließender Phonation, innigem Ausdruck und kultiviertem Vortrag; da gab es überhaupt nichts auszusetzen. Selbiges gilt für den untypisch jugendlich besetzten, kernig und differenziert singenden Oroveso von Goran Jurić. Regelrechter Besetzungsluxus waren Golda Schultz als Clotilde und Dean Power als Flavio. Da schöpft man am Max Joseph-Platz wahrlich aus dem Vollen und täte gut daran, solche Künstler langfristig zu binden.

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes – vielleicht eine tolle Norma-Aufnahme?-

Euer Fabius

 

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