Bayerische Staatsoper: “Un ballo in maschera” – 6./9./19.3.2016

Schwarz-Weiß geht die Welt zugrunde

Na also, es geht doch noch! Nach drei einhellig bejubelten Neuinszenierungen in Folge schlugen dem Regieteam diesmal wieder massive Buh-Salven entgegen, fast hatte man schon gedacht, dass dem Münchner Premierenpublikum seine heißgeliebten Rituale abhanden gekommen sein könnten.

Diesmal traf es nun Regisseur Johannes Erath und sein Team, und das unterm Strich völlig verdientermaßen. In einem Interview hatte jener bekannt, kein „Hardcore-Konzeptualist“ zu sein… Nein, das kann man wirklich nicht behaupten. Zwar läßt sich, mit viel gutem Willen, halbwegs erahnen, was er vielleicht erzählen wollte, nur leider wird der Gesamteindruck in erster Linie von konzeptioneller Unschärfe und etlichen handwerklichen Fehlern bestimmt, statt einer in sich geschlossenen Deutung liefert die Regie einen Haufen von mehr oder weniger originellen Einfällen, die aber größtenteils versanden und nicht ins Zentrum führen.

Un ballo in maschera ist ein Werk des Übergangs, das musikalisch gewisse Rückgriffe auf die italienische Frühromantik Donizettis mit einer, gerade im Orchestersatz, hochambitionierten und zukunftsweisenden Klangsprache verbindet. Dazu kommt eine Handlung, die einerseits vor logischen Ungereimtheiten strotzt, aber auch großes Emotionskino und faszinierend widersprüchliche Charaktere bietet. Ein Werk der Uneigentlichkeiten, doppelbödig und schillernd, konkret und abstrakt zugleich; die Metapher des Maskenballs, der Maskerade, der Verstellung und Täuschung ist hier musikdramatisches Programm. Wenig ist in dieser Oper so, wie es zunächst scheint. Diesen Zwiespalt und permanenten Schwebezustand szenisch wie musikalisch herzustellen und erfahrbar zu machen, ist der Gradmesser für den Erfolg jeder Ballo-Aufführung. Hier ist es in erster Linie schwarz-weiß. Davon lassen sich sehr dekorative Standfotos schießen… Was immerhin schon ein Fortschritt ist gegenüber der peinlichen Vorgängerinszenierung von Tom Cairns aus dem Jahr 1993, aber das sollte nun wirklich nicht der Maßstab sein.

Ballo 1“Un ballo in maschera splendidissimo”? – Foto: Wilfried Hösl

Mal wieder müssen die roaring twenties des letzten Jahrhunderts als Kulisse herhalten, Riccardo, eher Partylöwe als Herrscher, residiert in einem von Heike Scheele entworfenen elegant-praktischen Einheitsraum mit spiralförmigem Intarsien-Fußboden in schwarz-weiß und einer geschwungenen Treppe ins Nirgendwo, im Zentrum der Bühne steht ein Doppelbett, in, auf und um das sich das gesamte Geschehen abspielt. Zu Beginn liegt nämlicher Riccardo schlafend – oder bereits tot? – ebendort, melodramatisch umweht von wallenden Gazegardinen und beäugt von einer Film-Diva im Anita Ekberg-Look mit blonder Wallemähne und schulterfreier Luxusrobe… Das ist Ulrica, aber irgendwie auch Muse, Phantasmagorie, das ewig Weibliche oder was auch immer. Klar wird am Ende immerhin, dass die ganze Handlung eine Art Traum oder Rückblende war; wenn der singende Riccardo sich erhebt und seinem Double beim Sterben zuschaut. Als Quintessenz von zweieinhalb Stunden Oper ist das nun wirklich etwas dürftig, zumal der Zuschauer die ganze Zeit nur ein ein müdes Reader’s Digest des Regietheaters geboten bekommt: da wird mit Handpuppen agiert, es wuseln Doubles durch die Gegend nach dem Motto „Huch, in meinem Bett liegt schon einer, der aussieht wie ich!“, die Lampe wird zur Chaplinesken Weltkugel umfunktioniert und bei Anflügen der Leidenschaft wird ein Windstoß durch die Vorhänge gepustet. Das schaut immer irgendwie gut aus. Ebenso die konsequent schwarz-weißen Kostüme von Gesine Völlm – mit einem blauen und einem lilanen Morgenmantel als einzige Farbtupfer. Zudem hat man den Eindruck, das alles schon mal irgendwo gesehen zu haben, (zu) viele Ideen erweisen sich als alte Hüte, bzw. als fremde Federn am eigenen Hut… Das Bühnenbild etwa gleich aufs Haar demjenigen von Claus Guths Bayreuther Holländer-Inszenierung, anderes ist ohne weiteres als nachgemachter Herheim oder Warlikowski zu identifizieren. Das ist alles schön und nett, Spannung kommt jedoch viel zu selten auf. Die Verschwörer fallen übrigens dadurch auf, dass sie rückwärts gehen… Eigentlich wäre es viel interessanter gewesen, zu erfahren, warum es sie überhaupt gibt und wo Regierende und Opponenten politisch zu verorten sind. Doch auch dazu verweigert die Regie die Aussage. Wieder einmal eine dekorativ-banale „Kann-man-mal-anschauen“-Inszenierung, die nicht wehtut und nichts zu sagen hat, in schwarz-weiß geht hier die Welt zugrunde und keiner weiß, warum.

Ballo 3Unbedingt gewaltbereit: George Petean (Renato), Scott Conner (Tom), Anatoly Sivko (Samuel) – Foto: Wilfried Hösl

Gewisse Längen hatte der Abend leider auch im orchestralen Bereich. Man kann angesichts seiner phantastischen Karriere kaum glauben, dass Zubin Mehta das Werk hier zum ersten Mal überhaupt im Theater dirigiert hat – Das Ergebnis blieb allerdings etwas zwiespältig. Das Staatsorchester trumpft erwartungsgemäß mit einem breiten, ausladenden Verdi-Sound auf, die große imperiale Operngeste hat der Maestro immer noch drauf und auch beim Orchester erstaunt es einen immer wieder, wie reibungslos die Damen und Herren, jahrelanger Prägung durch Nagano und Petrenko zum Trotz, dann wieder umschalten können, wenn Mehta zu Besuch ist. Da ist manche feine Detailarbeit zu hören und Momente wie die Auslosung des Attentäters oder auch der Beginn der Ulrica-Szene entfalten durchaus Spannung. Trotzdem gebricht es dem Orchesterspiel an den entscheidenden Stellen leider an Feinschliff und Differenzierung; statt der geforderten inneren Dynamik herrscht über weite Strecken epische Breite und Bräsigkeit, insgesamt wirkt Mehtas Zugriff zu statisch und zu holzschnittartig, da fehlt der große Bogen, den Verdi nunmal braucht.

Auch der Staatsopernchor in der Einstudierung von Sören Eckhoff setzt primär auf Phonstärke und Kompaktheit, kriegt allerdings auch die staccato-Girlanden der Verschwörerchöre effektvoll hin.

Ballo 4Ob Arabella oder Amelia – Hauptsache Treppe! Anja Harteros mit deja-vu-Erlebnis (Foto: Wilfried Hösl)

Und damit ist – versprochen!- genug gemeckert, denn glanzvoll gerettet wird der Abend durch ein Sängerensemble, das derzeit seinesgleichen vergeblich suchen dürfte, sämtliche Protagonisten verfügen über nahezu unbegrenzte stimmliche Möglichkeiten. Eine künstlerische Sensation ist praktisch garantiert, wenn Anja Harteros eine neue Rolle in ihr Repertoire nimmt; mit der Amelia hat sie sich Zeit gelassen und singt sie jetzt zum perfekten Zeitpunkt ihrer stimmlichen Entwicklung. Natürlich bringt „Donna Anja“ auch hier das gesamte Spektrum ihrer Gesangskunst ein, bezaubert, berückt und begeistert mit strahlender Höhe, samtweich-sinnlicher Klanggebung und schier unglaublicher Pianokultur; zusätzlich präsentiert sich die Künstlerin aber auch im tiefen Register noch ausgereifter, sicherer und homogener als noch vor wenigen Jahren, auch die tiefsten Noten sind bruchlos in die vokale Linienführung eingebunden, der Vortrag bildet über die gesamte Tessitura eine Einheit. Ihre beiden Arien und das fulminante Liebesduett im zweiten Akt bilden selbst an diesen an gesanglichen Spitzenleistungen reichen Abenden besondere gesanglich-emotionale Brennpunkte. Piotr Beczala, optisch als Mischung aus Fitzgeralds Great Gatsby und dem österreichischen Zwanziger Jahre-Filmstar Adolf Wohlbrück ausstaffiert, zeichnet den Riccardo als schöngeistigen Träumer hart an der Dekadenzgrenze und verströmt pure Eleganz und Noblesse. Bei allem Spinto-Strahl, den Beczala abfeuern kann, hat seine Stimme doch ihren lyrischen Kern bewahrt und entfaltet in den ausschweifenden Vokalbögen der Partie sehrend glühenden Schmelz und poetischen Zauber, dass einem vor lauer Schönheit manchmal schier der Atem stockt. Zugleich aber hat er auch noch die vokale Leichtigkeit und Flexibilität für die belcantesk verspielten Nummern wie die Romanze „Di tu se fedele“; ein Muster an Stimmkontrolle und vokaler Nonchalance, serviert mit einem verschmitzten Lächeln. Für jeden Moment und jede Stimmung dieser so schillernden Partie verfügt Beczala über die adäquate Farbe und Ausdruck. Vielleicht kann man diese Rolle anders singen; besser derzeit sicher nicht, einen solchen Riccardo habe ich seit Pavarotti nicht mehr gehört. Und das ist fast dreißig Jahre her, am 29. Oktober 1986 wars, als die Wiener Staatsoper noch die Wiener Staatsoper war…

Ballo 2Liebesduett als Brennpunkt: Anja Harteros (Amelia) und Piotr Beczala (Riccardo) – Foto: Wilfried Hösl

Wenn wir schon bei historischen Vergleichen sind, so ruft der Vortrag von George Petean als Renato Erinnerungen an den Kollegen Juan Pons auf; wie dieser verfügt auch Petean über eine angenehm timbrierte und äußerst gepflegte Baritonstimme von betont warmem Klang und sehr weicher Phonation, allerdings auch in Tateinheit mit einem gewissen darstellerischen Phlegma und limitierter Glaubwürdigkeit. Dass wir es hier mit einem stolzen Südländer zu tun haben, der aus Eifersucht von jetzt auf gleich vom best buddy zum Todfeind und Mörder mutiert und der nicht zögert, in einem Moment sein gesamtes bisheriges Leben zu Klump zu hauen, muss man nachlesen, von Petean – und seinem Regisseur – erfährt man es nicht. Während hier gestalterisch einiges verschenkt wird, macht Okka von der Damerau aus der szenisch aufgewerteten Partie der Ulrica ein Glanzlicht des Abends, ist physisch und emotional hochpräsent, ihr satter und doch schlank geführter Contralto entfaltet in allen Lagen einen wunderbar schimmernden dunklen Glanz und betörende Suggestivkraft, dazu kommt sie vollkommen ohne das in dieser Rolle sonst übliche Röhren, Drücken und künstliche Abdunkeln der Stimme aus. Mille grazie! Der muntere Page Oscar wird in Eraths Umsetzung zu einem puppenhaften, latent unheimlichen Wesen im Glitzerfrack und Zylinder umgedeutet; Sofia Fomina überzeugt bei ihrem BSO-Debüt mit gestochen scharfen und leichtgängigen Koloraturen, großer Virtuosität und individuellem Timbre. Da sollte es doch in Zukunft noch weitere Aufgaben geben…?! Anatoly Sivko (Samuel) und Scott Conner (Tom) singen die Oberhäupter der Verschwörung grundsolide, wobei man diese Partien aber auch aus dem Hausensemble hätte besetzen können. Dieses war mit Andrea Borghini als kernigem Matrosen Silvano sowie mit dem unverwüstlichen Ulrich Reß als primo Giudice und Joshua Owen Mills als Diener Amelias am Start und überzeugte einmal mehr.

Begutachten ließ sich eine Vorstellung dieser seltsamerweise über fast einen Monat verteilten Premierenserie auch im Internet (bis Ostersonntag noch abrufbar auf http://www.staatsoper.de/tv) und als Aufzeichnung bei ARTE, eine live mitgeschnittene Silberscheibe mit ohne Bild hätte es allerdings auch getan.

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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