Bayerische Staatsoper: “Tosca” – 25./28.6.2016

Anja! Jonas! Und Bryn! Dazu auch noch der Chef höchstpersönlich, nach dreijährigem sommerlichen Auswärtseinsatz auf dem Bayreuther Hügel ans heimische Festspielpult zurückgekehrt. Mehr Starpower als für diese Festspieleröffnung aufgeboten war, geht eigentlich nicht. Oder? Ginge natürlich schon, aber dann hätte noch René Pape den Angelotti und Pavol Breslik den Spoletta singen müssen, und wir wollen ja nicht so schamlos übertreiben, nichtmal in München… Die Karten, streng limitiert auf zwei Stück pro Datum und Anstehnummer, waren jedenfalls echte Wert-Papiere mit explodierendem Schwarzmarktbörsenkurs und die Erwartungen näherten sich direkt der Hysteriegrenze; auch für Routiniers und Großkünstler wie die Genannten eine Herausforderung.

Diese bestanden alle Beteiligten mit Bravour. Alle drei Protagonisten sowie Kirill Petrenko am Pult waren bereits in ihren Rollen in dieser Produktion zu erleben; nur eben noch nicht in dieser Kombination. Um bei der orchestralen Grundlage anzufangen: bereits in seiner ersten Münchner Spielzeit hatte Kirill Petrenko hier eine Tosca-Serie dirigiert und damit Maßstäbe an Klangkultur und Gestaltung gesetzt. (Archiv Dezember 2013). Auch diesmal wußte er vom ersten Takt an einen wahren Sog zu entfalten, die Scarpia-Akkorde hat man selten so wuchtig und düster, aber auch sinnlich-vibrierend gehört; Gänsehaut von Anfang an. Hier war zu erleben, was passiert, wenn der Dirigent Puccinis Partitur gnadenlos ernstnimmt, sie konsequent entfettet und ihre nervös schillernde Feinnervigkeit freilegt… Trotz relativ breiter Tempi entfaltete die Musik eine unerbittlich vorwärtstreibende innere Dynamik und latente Bedrohlichkeit, die auch in den lyrischen Ruhepunkten stets präsent bleibt, der Schatten von Diktatur, Gewalt und Verfolgung liegt über dem gesamten Stück und verleiht Puccinis schwelgerisch-süffigen Melodien nervöse Unruhe und dramatische Fallhöhe. Diesen Ansatz treibt Petrenko gemeinsam mit seinem Protagonistenpaar im dritten Akt auf die Spitze, Puccinis stets prägender Dualismus von Eros und Thanatos, Liebesleidenschaft und Weltschmerz, wurden körperlich spürbar. Hier klingt nichts pauschal oder flächig, und schon gar nicht siffig oder verschnulzt; Petrenko und das in Hochform spielende Staatsorchester leisten fast schon so etwas wie eine Wiedergutmachung an die Adresse des Komponisten, an dessen Musik sich schließlich Generationen von Dirigenten versündigt haben. Das ist große Musik, farbenreich, sprachmächtig, emotional und leidenschaftlich. So und nicht anders gehört das dirigiert.

Tosca Juli161Traumpaar reloaded: Jonas Kaufmann (Cavaradossi) und Anja Harteros (Tosca) – Foto: Wilfried Hösl

Und so gehört das Stück auch gesungen und verkörpert. Nach über einem Jahr ohne gemeinsame Auftritte feierte das Traumpaar Anja Harteros und Jonas Kaufmann als Tosca und Cavaradossi endlich seine szenische Wiedervereinigung auf der Staatsopernbühne, ging darstellerisch wie stimmlich in den Infight und ließ nichts zu wünschen übrig. Vor allem Anja Harteros hat sich die Partie mittlerweile perfekt in die Kehle gesungen und setzt nun auch als Tosca ihre eigenen Maßstäbe. Die zickig-überspannte Divenattitüde im ersten Akt wirkt zwar noch immer eine Spur gemacht, doch sobald die Stimme sich im Duett kantilenenselig entfalten kann, ist pure Vokalwonne angesagt, Sopranschmelz und Phrasierungskunst vom Allerfeinsten und selbstverständlich macht sie auch Vissi d’arte, jene exquisite Visitenkarte aller großen Sopranstars, zu einem Höhepunkt des Abends, wenn nicht gar der gesamten Saison. Und was sie gemeinsam mit dem ebenfalls bestens aufgelegten Jonas Kaufmann im dritten Akt an Klangschönheit, Intensität und Leidenschaft abruft, das geht schon weit über eine schöne Opernnummer hinaus, das ist in seiner Eindringlichkeit sensationell, geradezu kathartisch. Wie seine Floria präsentierte sich auch Mario in bestechender Verfassung, lediglich am ersten Abend schlich sich im ersten Akt die eine oder andere Mürbstelle auf seine Stimme. Diese hatte er aber bald hinweg gesungen und brachte sein baritonal angehauchtes Bronzetimbre wunderbar zur Geltung; heroisch auftrumpfend wo geboten, dann wieder subtil und fein zurückgenommen. Wie Harteros reagierte auch Kaufmann auf alle Akzente vom Pult und sorgte mehrfach für absolut magische Momente; etwa am Schluß von Recondita armonia.

Nun sind wir schließlich in der Oper, der italienischen zumal, und da braucht auch ein Traumpaar einen entsprechenden Gegenspieler… Eine Rolle, die Bryn Terfel als Scarpia mit spürbarer Wonne auskostete und, ganz banal gesagt, richtig die Sau rausließ. Schon die physische Präsenz und autoritäre Ausstrahlung des Künstlers ist schier atemberaubend und auch stimmlich zieht er sämtliche Register: Galanterie, Verführung, Größenwahn, Gewalttätigkeit bis hin zu Sadismus. Nie ist dieser Baron ein stumpfer Fiesling, er besitzt in allem immer noch Größe, eine böse und durchtriebene Größe, die schaudern macht. Terfels charaktervoller Baßbariton verfügt in allen Lagen über beeindruckende Durchschlagskraft und grandiosen Farbenreichtum, auch als Nicht-Muttersprachler spielt er wunderbar mit dem Text und reichert seinen Vortrag mit einer Fülle an Nuancen an. Dieser Scarpia ist kein platter Opernschurke; der ist wirklich zum Fürchten.

Tosca Juli162

Aufmerksam, präsent und frei von behäbiger Routine zeigte sich auch das Hausensemble, vertreten durch den sonoren Goran Jurić (Angelotti), Christoph Stephinger (Sagrestano), Kevin Conners (Spoletta), Christian Rieger (Sciarrone) und Igor Tsarkov (Carceriere). Wahrlich eine Besetzung wie aus einem Guß.

Ein großer Opernabend zur Festspieleröffnung, nach dem man sich allerdings schon fragt, was danach in den nächsten gut vier Wochen noch kommen soll…

 

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