Bayerische Staatsoper: “Die Meistersinger von Nürnberg” – 31.7.2016

Mezzogiorno im Frankenland

Meisterliche und meistersingerliche Klänge zum Festspiel- und Saisonfinale, das war jahrzehntelang eine Tradition am Max Joseph-Platz, das war nahezu ein Naturgesetz; am 31. Juli spielt die BSO Wagners große „deutsche Brüll- und Feieroper“, wie der immer gerne zitierte Herr Adorno die Meistersinger süffisant betitelt hat. Die meiste Zeit übrigens in August Everdings butzenscheibig biederen Schunkel- und Schenkelklopf-Inszenierung von Anno Tobak. Da mußte gar nicht mehr zusammenwachsen, was immer schon zusammen war, das war eine Setzung, Ende, Aus und Amen. „Welscher Dunst und welscher Tand“ hatte da gar nichts zu melden, Jürgen Roses putzige Laubsäge-Bühnenbilder verströmten so viel deutschen Dumpf und Dünkel, dass sämtliche Grenzwerte wackelten und es für Stauballergiker im dritten Akt schonmal prekär wurde… Irgendwann machte dann der TÜV nicht mehr mit, das baufällige Schlachtroß wurde stillgelegt und nach kurzer Frist durch eine Nachfolgeproduktion von Thomas Langhoff ersetzt, die irgendwie keiner so recht mochte. Diese war entsprechend bald Geschichte und der 31. Juli ein Spieltag unter vielen, der letzte der Saison und mit wechselndem Programm.

Aber jetzt! Neue Meistersinger in der Landeshauptstadt! Bereits im Mai auf dem Premierenplan, rückten die Maestri Cantanti nun, zumindest für ein Jahr, wieder an den angestammten Sendeplatz, um die Spielzeit mit großem Aplomb zu beschließen. Und wenn schon, denn schon dachte man sich in der Chefetage und setzte mit dem Engagement von David Bösch auf einen kompletten szenisch-ästhetischen Relaunch. Den hat der Regisseur auch geliefert; von ein paar kleineren Einwänden abgesehen, ist er der Sache gerecht geworden und hat eine Inszenierung vorgelegt, mit der man die kommenden Jahre auf jeden Fall gut leben kann. Sehr angenehm ist vor allem die komplette Entrümpelung und Enttümelung der Fabel, den ganzen altdeutsch-reaktionären Schwulst und pseudoidyllischen Mittelalterkitsch haben Bösch und sein angestammter Bühnenbildner Falko Bannwart konsequent abgeräumt. Ihr Nürnberg könnte auch ein Vorort von Palermo oder Tirana sein, heruntergekommene Wohnsilos mit abblätternden Fassaden und Satellitenschüsseln umgeben von einem undefinierten schwarzen Hintergrund, Kirche und Festwiese spielen zwischen stählernen Podesten, als Wettkampfort zum Sängerwettstreit dient in beiden Fällen ein Boxring. Sachs betreibt seine Werkstatt in einem ollen Campingmobil an der Straßenecke und hat offenbar überhaupt schon bessere Zeiten gesehen. Frankenland ist hier schon Mezzogiorno… In diesem betont illusionslosen Ambiente erzählt Bösch die Geschichte mit leichter Hand und einer guten Portion Humor, so komödiantisch hat man die Meistersinger selten gesehen, viele liebevoll inszenierte Details lassen immer wieder schmunzeln oder herzlich lachen, etwas wenn Sachs und Stolzing am Johannismorgen beim Preislied-Dichten noch dicht sind wie die Kosaken und versuchen, die verdorbene Milch wieder aus dem Kaffeepott zu kratzen und schließlich mit Hochprozentigem nachtanken… Alkohol ist überhaupt immer wieder im Spiel, ohne scheint es in diesem Nürnberg keiner auszuhalten; auch Stolzing überbrückt seinen Horchposten im zweiten Akt mit einem Büxbier, der Meister Schwarz ist im wahren Leben Brauereichef und schleppt zur Freude der Kollegen ein Gratis-Tragerl mit zur Freiung und schließlich kotzt am Ende der bei einem sadistischen Trinkspiel abgefüllte David in den Siegerpokal wie ein kaputtgehender Reiher. Hehr und hoch ist hier gleich gar nichts, die Figuren sind umso menschlicher und präziser gezeichnet, die Handlung bekommt dadurch viel Schwung und Dynamik, selbst die Szenen, die sich sonst schonmal ziemlich ziehen können, gestalten sich hier erfreulich kurzweilig. Dass manche Einfälle etwas albern oder „telegraphiert“ sind, okay, geschenkt. Schon schwerer wiegt, dass das – bekanntlich nicht ganz unproblematische – ideologische Umfeld der Oper und deren politische Vereinnahmung in Böschs Interpretation praktisch außen vor bleiben. Zwar legt sich bei Sachs’ ominöser Schlußansprache mit ihrem patriotischen Geseiche wie eine Bildstörung ein graues Flackerlicht über die Szenerie, aber da hätte ich mir doch eine klarere Deutung gewünscht. Ein echtes Happy End gibt es nicht und die Meister, einschließlich Sachs, stehen am Ende bedröppelt da; Stolzing schnappt sich seine Eva, Reisetasche und Gitarrenkoffer und sagt Servus, die Vereinsmeierei und die Parolen können ihm gestohlen bleiben. Dafür taucht am Schluß Beckmesser in seinem absurden Anzug aus Goldlamée wieder auf, bedroht Sachs mit der Pistole und erschießt sich schließlich selbst, ein nach dieser Lesart etwas unvermitteltes Ende.

BSO MeiSi4Partystimmung vor Schwarz – Die Festwiese (Foto: Wilfried Hösl)

Der große Neuanfang in Sachen Münchner Meistersinger fand in jedem Fall am Pult und im Graben statt. Chefsache, was denn sonst. Groß waren die Erwartungen und Kirill Petrenko zaudert und taktiert nicht, da werden von der ersten Note an orchestral sämtliche Türen und Fenster aufgerrissen und das Haus mit frischem Wind geflutet, die Ouvertüre ist in ihrer Wucht und ihrem rasanten Tempo atemberaubend. Wie auch auf der Bühne ist hier nichts dumpfig oder abgestanden, das Orchesterspiel ist brillant, virtuos, vibrierend vor Spannung. Was Petrenko hier mit den Seinen aufführt, ist ganz großes Opernkino, von geradezu vulkanischer Energie, Zug und emotionaler Wucht, dabei aber in jedem Moment fokussiert, transparent und von geistiger Wachheit und musikantischer Frische; so habe ich das noch nicht im Ansatz gehört. Keine Spur mehr von der akademischen Trockenheit und dem hohlen, pseudoromantischen Gewese, die viele frühere Meistersinger-Aufführungen hier geprägt haben; Petrenko zeigt uns die Musik, wie wir sie immer schon gerne gehört hätten, aber nie zu erhoffen gewagt haben, er erklärt uns Wagner neu und frisch. Und das passt sowas von wunderbar zu diesem Stück, das so um Kunstverständnis, Meisterschaft, Geniekult und die Synthese zwischen Altem und Neuen in der Kunst kreist. Ein Ereignis, ja: eine Sensation! Ich habe die Meistersinger jetzt wahrlich nicht zum ersten Mal gehört… Oder doch? Gefühlt in jedem Fall.

BSO MeiSi1Das Zentralgestirn der Aufführung: Wolfgang Koch als Sachs (Foto: Wilfried Hösl)

Dass auch sängerisch die Besten gerade gut genug sind, muß nicht eigens erwähnt werden, das gehört zum Grundverständnis des Hauses und ist zumindest in einigen Punkten auch realisiert. Allen voran Wolfgang Koch als Hans Sachs, an dem kein namhafter Intendant oder Casting Director vorbeigehen kann, wenn es gilt, den Schusterpoeten auf höchstem Niveau zu besetzen. Trotz seiner abgeranzten Erscheinung strahlt er natürliche Autorität, grimmigen Humor und Lebensklugheit aus; auch wenn das Leben zu diesem Schuster offenkundig nicht immer gut war, ist er nicht verbittert, sondern gereift und übernimmt Verantwortung für die Stadtgemeinschaft. Stolzings Abgang ist auch für ein Scheitern, das macht dieser faszinierende Darsteller am Schluß schmerzlich deutlich. Überhaupt vermag Koch die beiden Seelen, die in Sachs wohnen, die poetisch-weltkluge und die hemdsärmelig-rustikale, stimmlich suggestiv zu gestalten und zu einem spannenden Rollenporträt zu verschmelzen wie es nur ganz wenigen Interpreten gegeben war und ist. Auch rein gesanglich war das vom Feinsten, Kochs voluminöser und schlank geführter Bariton besitzt Fülle und Flexibilität in allen Lagen, ein klangschönes, vollmundiges Timbre und exzellente Textverständlichkeit. Ein Hoch auf Münchens neuen Sachs!

Einen nahezu kongenialen Gegenspieler fand er in Martin Gantners Beckmesser; beide lieferten sich in ihren zündenden und hochvirtuosen Wortgefechten zwischen Schuster und Schreiber – beinahe das Protokoll einer wundersamen Hassliebe – ein Duell auf Augenhöhe. Eine gewisse Sprödigkeit des Materials passt hier bestens zum Rollencharakter, dazu erfreut der Künstler durch seine markante Diktion und seine unpretenziöse, mätzenfreie Darstellung ohne dümmliche Klischees und Karikatur. Völlig zu Recht standen beide am Ende neben Petrenko im Mittelpunkt der Begeisterung und konnten beim Applaus richtig „abräumen“, gefolgt von Benjamin Bruns, der einen hervorragenden David sang. Ein schöner lyrisch grundierter und hochmusikalisch geführter Tenor mit Entwicklungspotenzial; was bitte will man mehr? Auch die sonst oft sehr langatmig-zähen Vorträge an die Adresse Stolzings singt und gestaltet Bruns abwechslungsreich und nuanciert, da hört man den Unterschied zwischen dem „schönen, dem süßen, dem Rosenton“ tatsächlich mal. Dagegen mußte sich Jonas Kaufmann für seinen Stolzing diesmal mit etwas gedämpfterer Zustimmung begnügen. Darstellerisch dürfte er aus der Inszenierung schwer wegzudenken sein; da fallen mir spontan nur wenige aktuelle Wagner-Tenöre ein, die im modisch eng geschneiderten Rockstar-Outfit (Kostüme: Meentje Nielsen) aus schwarzen Jeans, T-Shirt und Ledejacke nicht peinlich aussehen würden… Jenes T-Shirt, Fadenkreuz auf der Brust und der Aufschrift Good Knight auf dem Rücken, konnte man übrigens in knallhart limitierter Auflage im Opernshop erwerben. Wie war das doch gleich mit den warmen Semmeln? Durfte man das auch kaufen, wenn man nicht so agil wie der Widmungsträger am Podest hochklettern kann? Das sind ja mal wieder Fragen heute. Jedenfalls lief Kaufmann an diesem Abend vokal seiner Bestform etwas hinterher, strahlend-opulente Passagen wechselten mit solchen, in denen die Stimme belegt und latent stressiert klang. Viel Schönes war da zu hören, der Gesamteindruck blieb dennoch etwas unrund, die Stimmfarbe ist und bleibt in dieser Partie gewöhnungsbedürftig, seine signature role ist der fränkische – fränggische – Krautjunker Walther eher nicht. Sein Evchen, im Stück auch gerne „die Pognerin“ genannt, wurde von Sara Jakubiak lebhaft und natürlich gespielt, stimmlich hätte man sich durchaus profiliertere Besetzungen vorstellen können. Selbiges gilt auch für ihren Bühnenvater Veit Pogner, den Christof Fischesser eher solide als herausragend sang, da fehlt mir einfach der Baßbalsam.

BSO MeiSi2Eva (Sara Jakubiak) und Stolzing (Jonas Kaufmann) gehen in Deckung – Foto: Wilfried Hösl

Großartige Auftritte hatten die stimmlich wie darstellerisch stets präsente und ausdrucksstarke Okka von der Damerau als Magdalene und der unverwüstliche Eike Wilm Schulte – früher selbst ein grandioser Beckmesser! – als Meister Kothner. Sind doch eigentlich gar keine Hauptrollen… Oder? Diesmal schon. Auch die Truppe der Meister zeigte sich mit vollem Einsatz und auf hohem Niveau homogen; wie die Regie jeden Einzelnen individuell gezeichnet hat, war ganz hervorragend: Kevin Conners (Vogelgesang), Christian Rieger (Nachtigall), Ulrich Reß (Zorn), Stefan Heibach (Eisslinger), Thorsten Scharnke (Moser), Friedemann Röhlig (Ortel), Peter Lobert (Schwarz) und Dennis Wilgenhof (Foltz) nutzten die Chance volle Kanne voraus; last but not least auch Tareq Nazmi als Nachtwächter.

Bleibt noch der Staatsopernchor in der Einstudierung von Sören Eckhoff, der zum Finale auch nochmal alles raushaute, was noch im Tank war… In der Prügelfuge mit leichten Wacklern, auf der Festwiese dagegen prachtvoll, so einen „Wach auf!“-Chor kriegt man auch nicht jeden Tag zu hören.

Damit ist die Saison an der BSO gelaufen und allen schöne Ferien gewünscht… Der Kulturschock macht allerdings keine, sondern meldet sich demnächst aus Salzburg und Bayreuth und mit diversen CD-Neuheiten!

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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