Bayreuther Festspiele: “Parsifal” – 24.8.2016

Parsifal in Bayreuth zu hören, ist vom Grundsatz her etwas anderes als Parsifal in einem anderen Theater zu hören. Schließlich wurde er nicht nur am Hügel uraufgeführt, sondern auch speziell für die Akustik dieses Hauses konzipiert und komponiert; wenn ohne Vorwarnung die ersten Takte des Vorspiels erklingen, die Musik sich von irgendwoher, nicht zu orten, in den Raum verbreitet und jenen erfüllt… Da ist schon eine gepflegte Gänsehaut angesagt. Dazu braucht man gar nicht auf Weihfestspiel, Mystizismus und den gesamten ideologischen Zinnober zu stehen, den man praktisch von der Uraufführung weg rund um dieses Werk an dieser Stätte inszeniert hat. Wir wissen schon, was gemeint ist. Im Sommer 2007 hörte ich erstmals den Parsifal im Festspielhaus, zweifelsfrei wiedererkennbar dargeboten vom grandiosen Festspielorchester und -chor. Ob das, was seinerzeit auf der Bühne zu sehen war, tatsächlich Parsifal war, das war schon sehr umstritten; vermutlich bin ich bis heute so ziemlich der einzige Mensch, dem die, sagen wir mal, szenische Einrichtung durch den weisesten aller Theaternarren, den genialisch-bizarren Gesamtkünstler Christoph Schlingensief gefallen hat. Mit dem Parsifal als Geschichte mochte diese herrlich durchgeknallte Performance mit Wagner-Musik wenig zu tun gehabt haben, mit dem Festspielgedanken, wie der Meister ihn sich vermutlich vorgestellt hatte, dagegen schon; und zwar mehr, als die meisten Besucher wahrhaben wollten.

Wozu diese Vorrede? Nun, weil es heuer wieder Parsifal in Bayreuth gab. Einen ganz anders gearteten und gedeuteten. Und weil ich bereits nach gut einer Viertelstunde angefangen habe, mir die Schlingensief-Version zurückzuwünschen. Klingt jetzt seltsam, ist aber so. Dabei war eigentlich auch diese Produktion mal ganz anders gedacht, als sie nun realisiert wurde; für die Regie hatte man nämlich mit dem deutsch-britischen Konzeptkünstler Jonathan Meese einen erprobten Provokateur aus Überzeugung eingekauft, den Taktstock sollte mit Andris Nelsons ein Hügel-erprobter Stardirigent führen. Welch eine Kombination, Großes, oder zumindest Außergewöhnliches, stand zu erwarten. Bekanntlich kam es erstens anders und zweitens als man dachte. Meese wurde nach Einreichung seiner Konzeption gefeuert und Nelsons verköhlerisierte sich nach einigen Probenwochen unter mysteriösen Umständen und ohne wirkliche Begründung aus dem Graben. So schlug die Stunde der Ersatzspieler, in Sportkreisen auch gerne mal als der „zweite Anzug“ bezeichnet… Dieser kann passen, muß aber nicht.

Par_090716_144_EnricoNawrath_presseMontsalvat als Hör-Saal: Ryan McKinny (Amfortas) und die Gemeinde – Foto: Enrico Nawrath

Die Aufgabe, so kurz vor der Premiere und Festspieleröffnung noch einen halbwegs namhaften Dirigenten zu finden, der es mit akustischen Tücken, Möglichkeiten und Schätzen aufnimmt – und das mit gerade mal zwei Orchesterproben vor den Endproben – hätte auch einen Herkules als Betriebsdirektor gefordert. Und doch gelang das ungeheure Werk und es konnte mit Hartmut Haenchen ein Maestro präsentiert werden, der den Parsifal bereits in etlichen Produktionen dirigiert hat und der „nur“ noch einen Crashkurs in Sachen Bayreuther Orchestergraben brauchte… Angesichts dieser Vorgeschichte, bzw. der nicht vorhandenen Vorbereitung, erwies sich Haenchens Dirigat geradezu als Sensation. Im Gegensatz zu Generationen von Parsifal-Dirigenten, gerade hier am Hügel, setzt Haenchen auf klangliche Entschlackung, flüssige Tempi und einen eher analytisch-klaren Ansatz. Pierre Boulez – einst selbst mit diesem Werk in Bayreuth zu Gast – steht hier hörbar Pate und der Dirigent schaffte es erstaunlich gut, seine Vorstellungen auf ein Orchester zu übertragen, das von Nelsons sicherlich auf einen anderen Kurs gepolt worden ist. Über die Interpretation an sich kann man sicherlich diskutieren, bei allem Gewinn an Klarheit wirkt manches, speziell im zweiten und dritten Akt, schon sehr beherrscht und nüchtern; die blühenden Aue im Karfreitagszauber hätte ich mir schon auch musikalisch etwas blumiger und saftiger gewünscht. Dass es da in den Übergängen hin und wieder etwas klemmt und klappert, ist nicht verwunderlich und schmälert diese Leistung absolut nicht. Man darf sehr gespannt sein auf das Ergebnis, wenn Haenchen im kommenden Jahr den gesamten Probenprozess gestalten kann.

Par_120716_385_EnricoNawrath_presse“Ich war ein Speer!” – Gurnemanz (Georg Zeppenfeld) und Parsifal (Klaus Florian Vogt) mit dem Objekt der Begierde – Foto: Enrico Nawrath

Auch die Sänger schienen sich mit dieser Interpretation gut anfreunden zu können und gaben alles. Allen voran die fulminante Kundry Elena Pankratova, hier mit weitaus mehr gestalterischen Profilierungsmöglichkeiten gesegnet als in vielen anderen Partien ihres Repertoires. Diese nutzte die Künstlerin sozusagen straigt ahead und zeigte eine Vielzahl von Charakterzügen und Vokalfarben, von der Weltenwanderin über das mondäne Vollweib bis hin zur gebückten, zittrigen Bauersfrau mit Kopftuch, in die sie von der Regie befremdlicherweise im dritten Akt gemacht wurde. Der von vielen Kolleginnen, vor allem denen aus dem Mezzofach, gefürchtete Schluß des zweiten Aktes ist für ihre Turandot-Stimme geradezu ein Spaziergang, entsprechend strahlkräftig und sicher schoss sie ihre Höhensalven ab, eine vokale, aber auch seelische Entäußerung ersten Ranges. Doch auch die sinnlich abgeschatteten Phrasen und den langbogigen erzählerischen Duktus von „Ich sah das Kind“ erfüllt sie mit differenziertem und stets semantisch erfüllten Vortrag. Eine absolute Glanzleistung! Eine solche bot, auf der anderen Seite des vokalen Spektrums, auch Georg Zeppenfeld als Gurnemanz. Auch er verläßt sich nie alleine auf sein wunderbar kultiviertes, balsamisch strömendes Material, sondern gestaltet immer vom Wort und vom Textausdruck her und gibt seiner Interpretation große Dynamik. So werden auch die langen monologischen Erzählungen keinen Moment fad; im Gegenteil, man hätte diesem Charismatiker unter den Rittern durchaus noch länger und mit wachsender Begeisterung gelauscht. Obwohl er mit gleich drei ausgewachsenen Partien – neben Gurnemanz noch König Marke und Hunding – am Start und damit der meistgebuchte Sänger dieses Sommers war, klang die Stimme durchgehend frisch, kraftvoll und unangestrengt, Wer ko, der ko wie man auf gut Bayerisch sagt. Ob es im Amerikanischen eine adäquate Spruchweisheit gibt, ist mir unkund, Ryan McKinny als Amfortas schien sie jedenfalls beherzigen zu wollen. In vielen Kritiken wurden vor allem der durchtrainierte Corpus und die figürliche Präsenz des Sängers hervorgehoben. Sowas ist meist kein gutes Zeichen, wobei McKinny sich auch stimmlich heftig ins Zeug legte; viel Stimme, allerdings auch eher pauschal und mit Hang zur Kraftmeierei, da ist sicherlich noch Luft nach oben. Noch mehr davon gibt es bei Gerd Grochowskis Klingsor, dem es an der unerläßlich düsteren Stimmfarbe und ganz generell an Bedrohlichkeit fehlte. Sehr solide waren dagegen Karl-Heinz Lehner als gar nicht mumifiziert klingender Titurel, die Gralsritter Tansel Akzeybek und Timo Riionen sowie die Knappen Alexandra Steiner, Mareike Morr, Stefan Heibach und Charles Kim und das sehr schöne, ausdrucksstark gesungene Altsolo von Wibke Lehmkuhl. Nicht zu vergessen der Festspielchor in der Einstudierung von Eberhard Friedrich, auch heuer wieder eine Institution und Attraktion der Festspiele.

Die Titelpartie. Ja, die Titelpartie… Stimmt schon, die war auch noch besetzt. Und zwar mit dem mittlerweile auf dem Hügel offenbar unvermeidlichen Klaus Florian Vogt, der – nachdem der Lohengrin abgespielt ist – nun zu dessen Vater übergelaufen ist. Das kam aber erst viel später, Parsifal erzählt nicht zuletzt von den Flegel- und Wanderjahren des Protagonisten und seiner Wandlung vom Rotzlöffel zum Heilsbringer. Eine Wandlung, die an Vogt irgendwie etwas vorbei gegangen ist, das Ausdrucksspektrum des Sängers ist, freundlich ausgedrückt, überschaubar und konzentriert auf die Produktion jener körperlos entfärbten und extrem artifiziellen Phrasen, die die einen in Verzückung bringen und den anderen schier den Magen umdrehen… Davon abgesehen gibt es in dieser Oper Momente, die man als Tenor nicht mehr behaupten oder imitieren kann, sondern die man schlicht und ergreifend bringen muss. Muss man? Aber ja! Fiel diesmal aus wegen war nicht.

Par_110716_179_EnricoNawrath_presseParsifal geht baden… Ins Hamam. (Foto: Enrico Nawrath)

War noch was? Eigentlich nicht. Ach so, doch. Inszeniert war es auch noch, und leider ist jetzt Schluß mit Lob. Was Meese nun wirklich vorhatte und angedroht hat, werden wir leider nicht mehr erfahren. Als dann rumgefragt wurde, wer denn gerade noch ein Parsifal-Konzept rumliegen hat, hat Uwe Eric Laufenberg am Lautesten „Hier!“ geschrien und kam so zum Hügel-Debüt. So oder ähnlich hat man sich das wohl vorzustellen, Plan schaut anders aus. Gedacht war das eigentlich für die Kölner Oper, an der Laufenberg bis zu seinem Rausschmiß 2012 ein durchaus erfolgreicher Intendant und umstrittener Regisseur gewesen ist. Glück gehabt, liebe Kölner! Denn von einer durchdachten, sinnstiftenden oder gar erhellenden Interpretation, wie sie etwa Konwitschny in München oder zuletzt Tcherniakov in Berlin gelungen sind, ist dieses Konglomerat weiter entfernt als Andreas Hermanns angesagter Festspieltreff Walhalla Lounge von Montsalvat. Laufenberg und sein Bühnenbildner Gisbert Jäkel siedeln die Handlung in einer ärmlichen, halbzerschossenen Kirche irgendwo im biblischen Zweistromland zur Jetztzeit an, an „Orten, wo das Christentum bedroht ist, wo es nicht als große Institution und Machtfaktor auftritt“, wie der Regisseur es im Programmheft formuliert. Damit geht er dem Komponisten nicht nur in die wohlfeile Katholizismus-Falle, er springt geradezu kopfüber hinein. Denn auch wenn Wagner auf christliche Mythen, Rituale und Symbole anspielt, so ist dies natürlich keine platte Gleichsetzung, kein Bühnengottesdienst mit schöner Musik, sondern ein Weiterdenken-von, eine spirituelle Unterfütterung und Reibungsenergie für eine knallharte gesellschaftliche Tragödie um Sinnsuche, Reform und Erneuerung, um das Verhältnis von Mann und Frau, die Rolle der Sexualität und noch vieles mehr. Das hat schon kein Geringerer als Friedrich Nietzsche nicht verstanden… Laufenberg ist also in prominenter Gesellschaft. Hier wird wacker ein offenbar tiefes religiöses Trauma abgearbeitet; das mag löblich sein, ist aber nicht Sinn der Sache. Ab dem zweiten Akt wird dann eine Kelle Pantheismus à la Dan Brown untergerührt, Klingsors Zauberschloß ist ein orientalisches Serail mit Hamam, die Blumenmädchen treten erst im Niquab auf, der zur Umgarnungsszene durch operettenhafte Bauchtanzfummel ersetzt wird (Kostüme: Jessica Karger). Achtung, Islam! Boah, ganz aktuell. Warum Klingsor dann eine Kruzifixsammlung wie der Hergottsschnitzer von Oberammergau besitzt, ist weniger logisch… Amfortas geistert übrigens auch stumm durch den zweiten Akt und Kundry liegt irgendwann mit gespreizten Beinen auf dem Teetisch, Parsifal mag aber nicht und Amfortas kann offenbar nicht mehr… Kein Wunder, nachdem man ihm vor der Pause als Gralsenthüllung literweise Blut abgezapft hatte. Am Ende strömen dann erkennbare Anhänger aller Weltreligionen zusammen, entsorgen nicht nur den von Parsifal angeschleppten zerbrochenen Speer, sondern auch alle sonstigen religiösen Attribute und Utensilien in Titurels Sarg und latschen davon. Was noch mehr verärgert als diese, nennen wir es mal Interpretation, ist allerdings deren Umsetzung. Nie findet die Regie zu einer klaren Linie und erzählerischen Stringenz, verliert und verheddert sich in Mätzchen und Aktionismen. Das geht schon während des Vorspiels los mit dem Bild eines Flüchtlingslagers, später latschen unmotiviert Soldaten, Touristen und sonstige Gestalten durch, zur Verwandlungsmusik gibt’s Kinostunde mit Google Earth, ein Freiflug durchs Dach ins Weltall zwischen Planeten und Milky Ways – Gene Roddenberry läßt grüßen – und beim Karfreitagszauber tanzen nackte Mädchen Ringelreihen unter der Urwalddusche… Ich verwende das Wort wirklich ungern, aber das ist schlicht Kitsch. Ich gebe zu, mich gelangweilt und geärgert zu haben. Lieber Frank Castorf, vielleicht hätten Sie demnächst mal Zeit?

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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