Salzburger Festspiele: “Il templario” – 30.8.2016

Da sage noch einer, in der Oper gäbe es nichts mehr zu entdecken! „Der fehlte wohl, wer darauf riet“ meinte dazu einst ein einschlägig bekannter und besungener Schusterpoet. Nun gut, der nämliche hat gut reden, denn Popularitätsdefizite sind Meister Sachsen und seinen Maestri Cantanti eher unbekannt. Ganz anders verhält es sich hingegen die letzten 176 Jahre mit Il templario. Ja? Der Tempelritter zu deutsch, eine dreiaktige Oper von Otto Nicolai. Der wiederum gilt der Öffentlichkeit eher als einer jener ominösen ein-Werk-Komponisten, die man gemeinhin immer nur mit einem Titel in Verbindung bringt; einmal Die lustigen Weiber, immer Die lustigen Weiber. Stempel drauf und gut ist. Und das der Gute jenen Orchesterverein gegründet hat, aus dem dann die Wiener Philharmoniker – Kenner betonen auf der ersten Silbe!- hervorgingen, hat der eine oder andere auch schon mal gehört. Kaum bekannt jedenfalls ist, dass sich der Ostpreuße Nicolai um 1840 herum länger in Italien aufhielt und dort gleich fünf italienische Opern komponierte, die sogar mit gutem Erfolg aufgeführt wurden; allerdings sind nur noch zwei davon erhalten, Il proscritto und eben Il templario.

Und jetzt kreuzten sich im Salzburger Großen Festspielhaus wieder die Wege und im sonst nicht unbedingt wahnsinnig phantasievollen Festspielprogramm 2016 stachen die beiden konzertanten Aufführungen auf Anhieb heraus. Natürlich gaben sich die Wiener Philharmoniker selbst die Ehre, dem Opus ihres Gründervaters ein besonderes kostbares Klanggewand überzustreifen und die Besetzung war selbstredend entsprechend. Eine Rechnung, die aufging, zweimal ritt der Templer vor voller Hütte unterm Mönchsberg ein und der Jubel kannte kaum Grenzen.

Templario Salzburg Marco BorrelliFachpersonal für Nicolai: v.l. A. Orozco-Estrada, J.D.Flórez, C.Margaine und L.Salsi (Foto: Marco Borrelli)

Völlig zu Recht! Wo bitte ist diese umwerfende Oper bis heute gewesen? Warum kriegen wir das erst heute zu hören? Hallo, Ihr Intendanten, Operndirektoren, Maestri, habt Ihr alle die letzten paar Jahrzehnte geschlafen? Diese Partitur ist nicht bloß eine Talentprobe, das ist ein Hammer. Was der Librettist Girolamo Maria Marini aus Walter Scotts Historienroman Ivanhoe an Textbuch zusammengeleimt hat, spottet zwar so ziemlich jeder Beschreibung – inszenieren möchte das bestimmt keiner – aber es erfüllt irgendwie schon seinen Zweck: tapfere Ritter und holde Frauen, ein Finsterling aus Verzweiflung, Turniere, Massenszenen, Hexerei und Gottesurteil… Da ist alles drin, was man für eine zünftige Mittelalter-Schmonzette so braucht. Entstanden ist das Opus 1840, mithin an einem Wendepunkt der italienischen Oper, Bellini gestorben, Donizetti ausgewandert, Verdi noch in seinen frühesten Anfängen… Nicolai hatte den letzteren übrigens in Milano kennengelernt und empfand ihn laut einem Brief nach Hause als „mindere Begabung“. Soviel zum Wert zeitgenössischer Urteilsfindung. Verstecken musste sich der Nicolai Otto auch jenseits des Alpenhauptkammes jedenfalls nicht, den Stil des Romanticismo Donizettis und Mercadantes hat er großartig adaptiert und eine Musik voller Leidenschaft, Emphase und mitreßendem Pathos geschrieben, die ihre durchschlagende Wirkung keinen Takt lang verfehlt. Motivische Durststrecken oder Verlegenheitsstellen gibt es so gut wie gar nicht, dafür viele hitverdächtige Knallerphrasen, die durchaus schon einen Ernani oder Attila vorwegnehmen… Der Kollege Verdi hat diese Oper gekannt, daran gibt es keinen Zweifel. Zusätzlich aber, und das ist der eigentliche Clou, steckt auch einiges an deutscher Tradition in der Partitur, zum Beispiel der dramaturgisch konsequente Einsatz von Leitklängen und Erinnerungsmotiven; so wird Briano – die eigentliche Titelfigur – stets mit fallenden Intervallschritten, gespielt von Posaunen, Tuba und Fagott, angekündigt, so dass jeder hört: Holla, jetzt kommt der Bösewicht! So verquast und dramaturgisch unglücklich der Handlungsfaden auch versponnen ist, so beunruhigend aktuell ist die Geschichte um Liebe, Neid und Eifersucht zwischen Nationen und Religionen eben doch; und am Ende steht die Erkenntnis, dass diese, allen persönlichen Gefühlen zum Trotz, nicht zu einander finden.

Ein triumphaler Nachmittag für die Wiener Philharmoniker, die ihrem legendären Renommée auf überragende Weise gerecht wurden; ein warmer, pulsierender Orchesterklang, bei aller exorbitanten Schönheit und Luzidität doch stets konturiert und fokussiert und in allen Instrumentengruppen mit perfekter Staffelung und Tiefe, brillant, virtuos und hinreißend verspielt in den zahlreichen Soli und voller überschäumender Musizierlaune im Kollektiv. Andrés Orozco-Estrada am Pult hatte spürbar freude, diese orchestrale Luxuskarosse zu steuern und gab dem Affen noch zusätzlich Zucker… Dieses permanente Vollgas-Musizieren macht immensen Eindruck, allerdings wäre eine Spur weniger zuweilen mehr gewesen, gerade der Wechsel zwischen bombastischen Chorhymnen, lyrischen Ruhepunkten und arioser Innenschau wurde so leider etwas eingeebnet, hier wären doch mehr Zwischentöne vorstellbar und wünschenswert gewesen.

Templario 2Ritter ohne Furcht und Tadel: Juan Diego Flórez (Ivanhoe) – Foto: Marco Borrelli

Nun braucht ein so unbekanntes Werk, zumal im mondänen Salzburg, entsprechend große Namen, die vielen teuren Sitze des Großen Festspielhauses wollen schließlich erstmal an die Kundschaft gebracht werden… Nach der Absage von Joyce di Donato – sie hatte die Partie der Rebecca im Vorfeld in kluger Erkenntnis zurückgegeben – blieb vom angekündigten Star-Duo noch Juan Diego Flórez als Vilfredo Ivanhoe übrig. Entgegen den Erwartungen ist dieser edle Ritter vom hohen D nicht die eigentliche Hauptrolle des Stückes, da sind Mezzosopran und Bariton mit dankbareren Aufgaben betraut. Das hinderte Flórez freilich nicht, eine Glanzleistung abzurufen und das Publikum in Extase zu versetzen. Schon die technisch immens schwere Auftrittsarie machte deutlich, wo in den kommenden gut zweieinhalb Stunden der Hammer hängen wird, Mit seinem metallisch-biegsamen Tenorstrahl feuert der Künstler seine Vokalstaffetten in den Saal, als sei das die lockerste Veranstaltung von Welt und reichert seinen Vortrag noch in der Vollhöhe immer wieder mit berührend lyrischen Nuancen an, die Stimmbeherrschung, Phrasierungskunst und musikalische Intelligenz von Flórez werden momentan nur von ganz wenigen Sängern erreicht. Stimmliche und emotionale Erfassung des Rollencharakters sind absolut deckungsgleich, eine atemberaubende Interpretation. Dabei hat Flórez’ Stimme in den letzten Jahren hörbar an vokaler Muskelmasse zugelegt, auch die Mittellage ist stets präsent, ohne an Geschmeidigkeit und Leichtigkeit zu verlieren. Für das im Herbst anstehende Rollendebüt als Raul de Nangis in Meyerbeers Les Huguenots in Berlin scheint er bestens präpariert.

Weitaus rustikaler geht sein Gegenspieler, der titelgebende Tempelritter Briano, in Gestalt des stimmgewaltigen Luca Salsi zu Werke. Kein Orchesterforte der Welt scheint den Bariton zu beeindrucken, er powert locker über alle Instrumentalwogen hinweg, das Material ist bewundernswert robust und von angemessen dunkel-markantem Timbre, die Höhe sitzt und auch für die teilweise langgezogenen Phrasierungsbögen besitzt der Sänger die notwendigen Atemreserven. Auf die Dauer allerdings wird sein Vortrag doch leicht eintönig, man vermißt etwas die Farben und auch die dynamische Differenzierung, hier könnte er noch deutlich mehr aus seinen Möglichkeiten machen. Die Jüdin Rebecca, in Ivanhoe verliebt und von Briano umworben, ist charakterlich die interessanteste Rolle des Stückes, hin- und hergerissen von Liebe, Stolz und Opferbereitschaft, eine wunderbar leidenschaftliche Opernfigur. Stimmlich ist hier schon zumindest Eboli-Format gefragt, die Anforderungen an Höhe, Tiefe und Dramatik sind erheblich. Clémentine Margaine zeigt sich dem auf fulminante Weise gewachsen und begeistert mit ihrem glutvollen, leicht metallischen und äußerst attraktivem Mezzosopran in Freud und Leid. Ihr groß angelegtes, mehrsätziges Duett mit Briano im zweiten Akt nimmt bereits deutlich die Konfrontation zwischen Nabucco und Abigaille bei Verdi vorweg und auch ihr Solo im Angesicht der fast sicheren Hinrichtung durch den christlichen Mob gibt ihr nochmal Gelegenheit, ihren vokalen Farbenreichtum und ihre Gestaltungskraft zu demonstrieren; dass der Komponist der Jüdin in dieser Szene ausgerechnet eine protestantische Choralmelodie in die Kehle schreibt, ist dann noch ein spezielles Gimmick… Eher stiefmütterlich behandelt hat Nicolai den Sopran: Ivanhoes Geliebte Rovena hat gleich zu Anfang eine relativ vertrackte Arie zu singen und tritt den Rest der Oper nur noch im Ensemble in Erscheinung. Kristiane Kaiser überzeugt mit Stimmschönheit und sicherer Technik, weitere Profilierungsmöglichkeiten bieten sich kaum. Stark besetzt sind auch die Comprimarii mit Adrian Sampetrean als Vilfredos Vater Cedrico, Armando Pin˜a als Ordensmeister Luca de Beaumanoir und Franz Supper als Rebeccas Vater Isaaco. Nicht zu vergessen natürlich der imposante Auftritt des Salzburger Bachchors in der Einstudierung von Alois Glaßner.

Im Jahr 1842, kurz bevor er Italien Richtung Wien verließ, hatte Nicolai übrigens von der Mailänder Scala die Anfrage bekommen, ein Libretto namens Nabucco von Temistocle Solera zu vertonen… Er mochte nicht und der Auftrag ging an einen gewissen Giuseppe Verdi. Was draus wurde ist bekannt Und was wäre gewesen, wenn? Kann man schon mal drüber nachdenken.

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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