Duisburger Philharmoniker/ Giordano Bellincampi – Wagner-Gala 7.9.2016

Duisburg Philharmonic is coming home

„Dich, teure Halle, grüß ich wieder!“ – Es war der unvergessene Vicco von Bülow alias Loriot, der bei seinen Operngala-Moderationen die Hallenarie stets mit der scherzhaften Bemerkung ansagte, dass nun Wagners Kommentar zu den lokalen Immobilienpreisen folge… Und ein passenderes Motto hätten die Duisburger Philharmoniker für das Eröffnungskonzert der renoviertem Mercatorhalle kaum finden können; denn in der Tat hat sich die Stadt Montan ihren neuen alten Konzertsaal einiges kosten lassen. Kaum gebaut und eröffnet, hatte dieser nämlich 2012 wegen technischer Probleme, vor allem beim Brandschutz, wieder schließen müssen. Vier Jahre im Ausweichquartier, heimatlos in der eigenen Stadt. Doch nun war der große Tag endlich gekommen und die Vorfreude und Spannung mit Händen zu greifen.

Wenn nicht gekleckert, sondern geklotzt werden soll, bietet sich Wagner ganz von selbst an, der ist schließlich von Haus aus in allem eine Kategorie höher… Und so stellten die Philharmoniker mit großzügiger Sponsorenunterstützung eine Wagner-Gala aufs neue Podium, dass die Wände wackelten und die hehre Halle gleichmal zeigen konnte, was sie aushält, Härtetest und Feuertaufe. Dabei zeigte sich die Saalakustik wie ich sie in Erinnerung hatte: etwas trocken und direkt, aber durchaus mit klarer Tiefenstaffelung und räumlicher Struktur; stets wuchtig, aber nicht knallig.

065-mercatorhalle_960x419pxDie neue alte Mercatorhalle (Foto: Duisburger Philharmoniker)

Und entsprechend ging das Orchester unter der Leitung von GMD Giordano Bellincampi die Sache an, das hatte auch musikantisch etwas von einem Befreiungsschlag. Auch der Dirigent griff richtig in die Kiste und drehte mit seinen Musikern das ganz große Rad, der Klang war vollmundig, dunkel abgemischt und von großer Wucht, dabei aber lebendig, strukturiert und dynamisch. Hin und wieder, insbesondere nach der Pause, hätte Bellincampi die Seinen in Sachen Lautstärke ruhig etwas dämpfen können, auch wenn die drei Gesangssolisten mit entsprechendem Material ausgestattet waren. Auch die Balance der einzelnen Instrumentengruppen und deren Zusammenspiel funktionierte sehr gut, auch wenn sich manche Feinheiten im Laufe der nächsten Konzerte sicher noch einspielen und automatisieren werden. An diesem Eröffnungsabend punkteten insbesondere die richtig schön schwelgerisch gestimmten Streicher und die warm timbrierten, pointierten Holzbläser, während sich die Blechblas-Sektion, vielleicht auch nervositätsbedingt, nicht immer ganz frei von Patzern und Intonationstrübungen zeigte.

Standesgemäß begann der Abend mit dem Meistersinger-Vorspiel, das hatte richtig Zug und es wurde dem Publikum gut eingeheizt… Steigerung? Aber klar, denn nun betrat mit Anja Kampe die (Be)herrscherin des Abends das Podium mit… Na, womit wohl? Richtig geraten. Und mit so viel überschäumender Energie und jugendlich-dramatischer Vokalemphase dürfte eine Halle selten gegrüßt und bejubelt worden sein; hier wurde wohl jedem einzelnen Zuhörer so richtig aus dem Herzen gesungen. Auch im weiteren Verlauf des Abends setzte Kampe die Glanzpunkte, etwa als Abschluß des ersten Teils mit Isoldes Liebestod. Keine Premiere übrigens; 2011 hatten Solistin und Orchester den gesamten Tristan anläßlich der Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle zum Ereignis werden lassen. Auch diesmal wußte Kampe mit ihrem nuancierten und sehnsuchtsvollen, hochemotionalen wie hochkonzentrierten Vortrag zu begeistern, leidenschaftlich vom Orchester begleitet. Und die große halbe Stunde der Künstlerin kam nach der Pause mit der zweiten Hälfte des ersten Aktes der Walküre. Neben der Senta im Holländer ist Sieglinde Kampes Paraderolle und selbst hier, ohne szenische Vergegenwärtigung, brachte sie sofort Bühnenatmosphäre in die Halle und zelebrierte förmlich jede Note, von zart zu hart, leidenschaftlich und glutvoll.

fotocredit_andreas_kohring-4Wagner-Recken, fulminant gefeiert (Foto: Andreas Köhring)

Neben diesem Ereignis mußten die beiden Herren fast zwangsläufig etwas verblassen, wobei Torsten Kerl als Siegmund und zuvor mit Rienzis Gebet durch eine kurzfristige Indisposition allerdings am Wollen gehindert wurde. Zu seinem Unglück hatte sich der Schatten vor allem auf das mittlere und tiefe Register gelegt, während die Höhe noch weitgehend frei und strahlkräftig kam. So rettete er sich mit großem Einsatz und Routine ins Ziel und ließ das Wälsungenblut am Ende doch noch halbwegs mit Schmackes blühen… Die eigentlich noch angekündigte Gralserzählung fiel vorsichtshalber unter den Tisch, am Ende stand zumindest eine Tapferkeitsmedaille für den bedauernswerten Kerl. Für die nächtig schwarzen Töne war in diesem Trio John Lundgren zuständig. Mit seinem opulenten Material passte er prächtig zu den Klangfluten, die Bellincampi entfesselte, die Stimme trägt in allen Lagen problemlos und intonationssicher. Allerdings hätte ich mir von ihm – auch diesmal – mehr Farben und einen differenzierten Vortrag gewünscht. Das Timbre und der dramatisch-deklamatorische Gestus sind zwar prädestiniert für den Monolog des Holländers, aber zumindest die Anrufung des „sel’gen Engels“ und der apokalyptische Schluß sollten doch klanglich etwas abgesetzt werden… Besser gelang ihm das im Finale des Abends mit Wotans Abschied aus der Walküre, wo er neben herrischen auch durchaus einfühlsame Passagen hören ließ.

Dazwischen fegten und fetzten die Philharmoniker einen richtig aufgedrehten Walkürenritt in den Raum, sozusagen als vorgezogene Zugabe, die hinterher nicht mehr so ganz gepasst hätte. Die Philharmoniker sind wieder daheim, Hojotoho und Glück auf!

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