Auf CD: Anna Netrebko singt “Verismo”-Arien (DG)

Es hilft ja nichts, irgendwann muß es mal gesagt werden. Also: ich habe zu Anna Netrebko und ihrer Kunst ein ambivalentes, ja zwiegespaltenes Verhältnis. Sie hat eine großartige Stimme und kann damit Dinge machen, die weit über das hinausgehen, was viele Kolleginnen sich in ihren kühnsten Träumen wünschen würden, zudem hat die Künstlerin ihre Karriere mit einer heute selten gewordenen Professionalität, Klugheit und Gespür für den richtigen Zeitpunkt geplant und durchgeführt und dabei ihre Repertoirewahl umsichtig und zielsicher den Entwicklungen ihrer Stimme angepasst. Der Jubel der Melomanen und der Presse ist ihr weltweit sicher, ihre Aufnahmen sind Topseller und auch die Klaviatur der Medien und sozialen Netzwerke bespielt sie virtuos. Das alles ist Fakt und es ist ihr von Herzen gegönnt!

netrebko-verismo

Nun hat Netrebko bei ihrem Stammlabel Deutsche Gramophon ein neues Album vorgelegt. In gewisser Hinsicht eine grundehrliche Einspielung, denn sie macht deutlich, was Netrebko kann; allerdings auch, was sie nicht kann und womit sie sich schwertut.

Zunächst ist – leider nicht zum ersten Mal – ein Rüffel an die Marketingabteilung der DG angesagt, denn der Titel „Verismo“ ist in höchstem Maße irreführend, er hätte aus theaterwissenschaftlicher Sicht eher „Puccini und Zeitgenossen“ heißen müssen. Wäre nicht so griffig gewesen, dafür aber korrekt. Denn drei Viertel des Programms sind Puccini gewidmet, darunter der komplette vierte Akt aus Manon Lescaut, auch Catalani war kein Verismo-Komponist und bei den Maestri Ponchielli und Boito ist die Einordnung zumindest sehr fragwürdig. Bleiben mit Cileas Adriana Lecouvreur, Giordanos Andrea Chenier und Leoncavallos I pagliacci also gerade mal drei von zwölf Titeln, die tatsächlich aus Verismo-Opern stammen.

Was die rein gesangliche Performance angeht, gibt es in der Tat nicht wirklich etwas zu meckern, dafür aber sehr vieles zu loben. Netrebko präsentiert sich in bestechender Form und glänzt mit exzellenter Technik und Stimmbeherrschung, die Stimme sitzt exakt auf dem Atem und fließt bruchlos, das messa di voce ist mustergültig und das sinnlich-warme, „schokoladige“ Timbre der Sängerin erstrahlt in vollem Glanz, die Spitzentöne sind organisch eingebunden und überlegt als Höhepunkte gesetzt. Das gehört gesanglich mit zum Besten, was ich in all den Jahren seit ihrem Salzburger Sensations-Debüt als Donna Anna 2002 von ihr gehört habe. Hier klingen sämtliche vokalen Stolperfallen wie nicht vorhanden und es gibt keine Phrase, die nicht souverän und geschmackvoll bewältigt würde, die sonst in diesem Repertoire gerne praktizierten Drücker, Schluchzer und sonstige Manierismen versagt sich Netrebko komplett.

Genau in letzterem Punkt liegt allerdings auch das Problem. Natürlich wünscht sich keiner die diesbezüglichen Exzesse früherer Sängergenerationen zurück, die heute auch eher befremdlich klängen. Auf dem Backcover der CD läßt sich die Sängerin mit folgendem Statement zitieren: „Verismo characters are all passionate. Very passionate. They all suffer. They are all in love. And that I can understand definitely, like any woman“. Zitat Ende. Ja, stimmt; nur warum hört man nichts davon? Von Passion, von Leiden, von Verzweiflung, von bedingungsloser Liebe und zerstörerischer Erotik? Die Leidenschaft und Unbedingtheit verbindet sämtliche hier versammelten Charaktere, so unterschiedlich sie auch sein mögen, die Schauspielerin Adriana, die entwurzelte Aristokratentochter Maddalena di Coigny, die Operndiva Tosca, die verlassene Butterfly, die von einem besseren Leben träumende Nedda, die Alpen-Walküre Wally und alle die anderen… In Netrebkos Interpretation klingen sie alle irgendwie gleich, wie Abziehbilder eines divenhaft schönheitstrunkenen Grundgestus. Nicht, das ihr Vortrag emotionslos oder kalt wäre, das sicher nicht; aber Netrebko singt das gesamte Programm mit einer gewissen Glätte und vornehmen Unverbindlichkeit, riskiert gestalterisch viel zu wenig, bleibt zu sehr die große Opernsängerin. Gerade in diesem Repertoire gilt es denn doch, künstlerisch auch mal dahin zu gehen, wo es weh tut. Eigentlich hat sie es ja verstanden, siehe oben, es findet nur vor dem Mikrofon nicht statt.

Erstaunlich ist allerdings, dass Antonio Pappano am Pult seiner Accademia Nazionale di Santa Cecilia so widerstandslos kapituliert und sich mit dem undankbaren – allerdings sicher horrend gut bezahlten – Part des Divenbegleiters zufrieden gibt. Da ist man von diesem großartigen Dirigenten nun wirklich anderes gewohnt. Das bleibt allerdings nicht die einzige Merkwürdigkeit, denn in den Schlußtakten von „In questa reggia“ und im besagten vierten Akt der Manon Lescaut ist auch Yusif Eyvazov zu vernehmen. Dieser ist bekanntlich Netrebkos Ehemann und, wie sich ihrem Facebook-Profil unschwer entnehmen läßt, ihr zuverlässiger Einkaufsbegleiter und Shoppingtaschen-Caddy… Und er ist Tenor. Ein kaum noch durchschnittlich zu nennender Tenor mit ungehobeltem Vortrag, brüchiger Tongebung und schmelzarmem, unattraktivem Timbre. Eine Darbietung, die man an deutschen C-Häusern erwartet, aber nicht auf führenden Opernbühnen oder auf einem Premiumprodukt auf Silberscheibe. Nepotismus in der Musikbranche ist nichts Neues – man denke an Joan Sutherland und ihren taktierenden Prinzgemahl – aber das ist schon ein besonders dreister Fall. Im kommenden Jahr wird La Netrebko in Salzburg ihre erste Aida singen… Was den Bühnenpartner betrifft, ist das Wettbüro geöffnet.

Bleibt schließlich noch das Cover-Design… Mit dieser absurd häßlichen Kreation hat die DG zielsicher den Vogel abgeschossen; was eine gekrönte Vogelscheuche, die zu lange im Toaster gesteckt hat, mit Opernarien zu tun haben soll, ist wahrlich ein Rätsel.

Gehabt Euch also wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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One Response to Auf CD: Anna Netrebko singt “Verismo”-Arien (DG)

  1. Tannhäuser says:

    Einfach super, Deine Beschreibung! “Schokoladiges Timbre” lässt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen, um sofort bei Beck die Türen einzurennen, um das Scheibchen zu ergattern. Auch wenn die Leidenschaft vielleicht auf der Rolltreppe bleibt! Wunderbar geschrieben!

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