Bayerisches Staatsorchester/ Kirill Petrenko – 20.9.2016

Dahoam und unterwegs

Nach der Saison ist bekanntlich vor der Saison und eine Saison muß ja nicht zwingend mit der Eröffnung beginnen… Es geht nämlich auch schon davor! So hat es heuer das Staatsorchester gemacht und der heimischen Inaugurazione eine große Europa-Tournee zu den ersten Adressen des Musiklebens vorgeschaltet; La Scala stand da auf dem Tourplan, die Berliner Philharmonie, das Lucerne Festival, Paris und Wien und so weiter. Dicke Bretter wurden gebohrt und überall dasselbe Bild: ausverkaufte Häuser, Ovationen, hymnische Kritiken bündelweise. Na und? Könnte man als standesbewußter Münchner und Landeshauptstädter jetzt sagen… Erzählt uns was Neues! Wissen wir doch eh und kennen wir alles; dass Kirill Petrenko und die Seinen orchestrale Champions League spielen ist uns schon bekannt. Jetzt eben auch noch ein paar mehren… Aber ganz im Ernst; da kann man stehend applaudieren und gratulieren!

Natürlich ließen sie es sich auch nicht nehmen, auf der Tour auch im eigenen Haus vorbeizuschauen und das erste Akademiekonzert der Saison zu bestreiten; auf Tour und doch dahoam sozusagen. Auf prall gefüllte Ränge zund Heimspielatmosphäre war Verlass und in der Tat wurde es ein großer, geradezu denkwürdiger Abend; vor allem aufgrund der zweiten Hälfte.

Begonnen hatte es auch schon mit hoher Betriebstemperatur, die Damen und Herren des Orchesters waren sogleich voll „da“. Das war auch nötig, denn György Ligetis 1967 entstandenes Lontano für großes Orchester ist auch für hochprofessionelle Musiker eine echte Herausforderung. In diesem gut 15minütigen Werk, das eher einer hochartifiziell um sich selbst kreisenden Klangskulptur ähnelt als einer zielführenden musikalischen Erzählung, wird praktisch das gesamte Orchester solistisch eingesetzt, aus den kanonartig aufeinander gesetzten Einsätzen entsteht ein durch Klang und Modulation gebildeter Raum von alternierenden Skalen. Die harmonische Struktur ist bewußt mehrdeutig, so dass ein leicht nebulöser, unwirklicher und – wie der Titel schon suggeriert – weit entfernter Eindruck entsteht, insbesondere zu Beginn und am Schluß, wo es im vierfachen piano beginnt und dorthin zurückgeführt wird. Das mag man, nicht ganz zu Unrecht, für eine intellektuelle Spielerei oder ein aufs große Orchester ausgebreitetes Glasperlenspiel halten; aber Petrenko und das Staatsorchester verleihem dem Gebilde nicht nur höchste Präzision, sondern auch eine gewisse Expressivität.

Die prägte natürlich auch Strauss’ Vier Letzte Lieder. Wie nicht anders zu erwarten, liefert Petrenko auch bei Strauss keinen kantilenenseligen, im Tranbad getränkten Schmachtfetzen, sondern ein klar strukturiertes Bild einer musikalischen – und auch geschichtlichen – Zeitenwende, eine letzte Beschwörung von Spätestromantik, einer eigentlich bereits vergangenen Zeit, die hier noch einmal affektgesättigt und voll melancholischen Zaubers ihr Finale auskostet. Denn vor der Tür steht bereits der Wozzeck… Mit Diana Damrau war der Solopart prominent, wenn auch vielleicht etwas unkonventionell, besetzt. Über diese extrem feinsinnige und lyrisch-introvertierte Gestaltung kann man sicherlich diskutieren, über weite Strecken fügt sich Damraus kultivierter Sopran so in den Orchesterklang ein, dass sie kaum noch als Solo-Stimme wahrnehmbar scheint… Ich persönlich hätte mir, vor allem im dritten und vierten Lied, eine etwas vollere und „fleischigere“ Stimme vorstellen können.

Und doch folgte das Ereignis des Abends nach der Pause. Tchaikovskijs fünfte Symphonie hat man in München durchaus schon öfter gehört, so auch vor einigen Jahren mit Mariss Jansons mit seinem BR-Symphonieorchester. Aber so wie an diesem Abend habe ich sie seit Yevgenij Mravinskij nicht mehr gehört, mit einer solchen existenziellen Wucht und düsteren Größe. Statt tänzerischer Leichtigkeit und Eleganz regieren in Petrenkos Interpretation Pathos, Dramatik und fatalistisch-dunkle Grundfarben, der Klang ist schwer und bedrohlich, da ist jedes Detail unfassbar ausgearbeitet, jede Steigerung, jede Modulation, jeder Takt- oder Tempowechsel, jeder Akzent sitzt; und doch besitzt der Klang eine überwältigende Dynamik und Lebendigkeit. Petrenko dirigiert – oder sollte man sagen: inszeniert?- große Oper, ein Welttheater ohne Worte in vier Sätzen, einen orchestralen Gigantenkampf zwischen den Mächten des Lichtes und der Finsternis. Das sind symphonische, aber eben auch dialektische Urkräfte, die hier beschworen werden; mit durchaus offenem Ausgang. So ergibt auch jene, immer etwas merkwürdige, Stelle kurz vor Ende des vierten Satzes einen so noch nicht gehörten dramatischen Stellenwert; eigentlich scheint der Kampf gekämpft und das Stück zuende, doch dann ist es nur eine Atempause, der Komponist setzt neu an und führt das Orchester in eine aberwitzige Schlußsteigerung, eine erzwungene Apotheose, ein Finale unter roher Gewalt. Petrenko und das Orchester reizen dies aus bis zum geht-nicht-mehr, ein fast hysterisch herausgestoßenes „Es-muss-gut-ausgehen!“. Wirklich? Nach den fünfzig Minuten davor weiß man: keine Chance. Nichts ist gut. Gänsehautmomente in Serie, eine interpretatorische Großtat, die man nicht so schnell vergessen wird. Zugegeben: man muß das nicht so machen; aber dann ist es eben nicht so grandios.

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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