Aaltotheater Essen: “Norma” – 14.10.2016

Ein Fest für Vincenzo

Klingt zwar seltsam, aber irgendeine geheimnisvolle Verbindung scheint es doch zu geben zwischen den druidischen Wäldern der Norma und den Hochöfen und Fördertürmen des Ruhrgebietes… Jedenfalls hat das gallische Superweib offenbar Konjunktur im Revier; nach der Wiederaufnahme in Duisburg letztes Jahr und der Neuinszenierung in Gelsenkirchen dieses Frühjahr wurden nun auch in Essen die Druiden losgelassen und das Musikdrama um Mondgöttinnen, Mistelzweige und das fatale Dreiecksverhältnis der Priesterinnen zum römischen Usurpator nahm auch auf der Bühne des Aalto-Theaters Gestalt an. Teilweise jedenfalls, denn einer mitreißenden musikalischen Umsetzung stand hier ein szenischer Offenbarungseid gegenüber…

9996_12093_norma_aalto_pressefoto04_jung_matthiasAlle mal herhören! – Norma (Katia Pellegrino) in Aktion – Foto: Matthias Jung

Nun klagen weltweit die Intendanten und Castingdirektoren, dass die höllisch anspruchsvolle Titelpartie sich kaum noch adäquat besetzen läßt… Vielleicht sollten sie einfach mal eine Reise in den Ruhrpott buchen? Hier scheint an entsprechenden Fachkräften nämlich kein Mangel zu herrschen, denn nach Morenike Fadayomi in Duisburg und Hrachui Bassénz in Gelsenkirchen hatte man auch in Essen mit Katia Pellegrino eine exzellente Besetzung vorzuweisen. Schon ihr Entrée läßt aufhorchen, im großen Accompagnato „sediziose voci“ ruft sie ihre Landsleute mit schneidig-autoritären Soprantönen zur Ordnung, um wenige Minuten später die „Casta diva“ mit sehnsuchtsvoller, geradezu quellfrisch flutender Kantilene zu besingen und die ganze Szene in der Cabaletta „Bello a me ritona“ mit triumphaler sinnlicher Glut abzurunden. Sinnfälliger und differenzierter läßt sich diese Szenenfolge stimmlich kaum gestalten und auch in der Folge findet die Künstlerin für alle emotionalen Extremsituationen einen unmittelbar berührenden und dramatisch wahrhaften Ausdruck; stets auf der Basis einer technisch herausragenden, schlank und stilistisch tadellos geführten Stimme. Auch wenn im unteren Register einige Töne noch etwas abgedrückt klingen, so ist das doch eine famose Leistung, mit der sie sich auch vor bedeutend prominenteren Kolleginnen nicht verstecken muss.

9997_12095_norma_aalto_pressefoto05_jung_matthiasIm Mittelpunkt des Geschehens: Katia Pellegrino in der Titelpartie (Foto: Matthias Jung)

Ihren (Ex)lover und ideologischen Widersacher Pollione gibt Gianluca Terranova als Machoschwein mit Grandezza, also genau so, wie Bellini und sein Librettist Felice Romani sich den stolzen Römer vermutlich vorgestellt haben. Mit viel Metall in der Stimme schmettert er seine Auftrittsarie, schmiert das hohe C zwar ein wenig in Position, singt aber sicher und unangefochten. Warum die Frauen im Feindesland ihm im Plural verfallen, macht er allerdings ebenso deutlich und umgarnt Adalgisa im Duett mit fein dosiertem Tenorschmelz. Als Adalgisa gibt Bettina Ranch einen sehr überzeugenden Einstand im Ensemble des Aalto-Theaters; die auffällig großgewachsene Künstlerin besitzt pastoses und zugleich kultiviertes Material von apartem, sinnlichen Timbre und ausgeglichener Stimmführung; zu ihren kommenden Aufgaben am Haus werden Maddalena und Carmen gehören… Man darf sich darauf freuen. Einen für die Rolle zwar viel zu jungen, aber stimmgewaltigen Priester-Papa Oroveso gibt Insung Sim, die beiden confidenti sind mit Lileana de Sousa als Clotilde und Albrecht Kludszuweit als Flavio ebenfalls ansprechend besetzt.

10001_12103_norma_aalto_pressefoto09_jung_matthiasExplosives Dreieck: Bettina Ranch (Adalgisa), Gianluca Terranova (Pollione) und Katia Pellegrino (Norma) – Foto: Matthias Jung

Ein Fest wird dem Komponisten aber nicht nur von den Sängern, sondern auch vom Orchester bereitet; um ein ähnlich mitreißendes, fein strukturiertes und stilsicheres Dirigat dieser Oper zu finden, muss man schon sehr tief in den Erinnerungen graben; Giacomo Sagripanti heißt der junge Mann am Pult und es gehört kaum viel Phantasie dazu, ihm eine große Karriere vorherzusagen, an einigen namhaften Adressen war er bereits zu hören, andere werden in Kürze folgen und auch in München dürfen wir uns auf sein Debüt im Juni freuen… Hier ist endlich wieder ein Maestro zu erleben, der Bellinis Musik in ihrer Struktur, ihrem dramaturgischen Stellenwert und vor allem in ihrer sanft glühenden Emotionalität wirklich verstanden hat und der das auch mit dem Orchester umzusetzen versteht. Der Klang ist von federnder Eleganz und Transparenz und durchgehend von einer unwiderstehlichen inneren Dynamik, die durch die gesamte Oper hindurch trägt. Diese bleibt auch in den langsamen, teilweise in extenso ausgekosteten Passagen wie den beiden Norma-Adalgisa-Duetten oder Normas „Qual cor tradisti, qual cor perdesti“ in der Finalszene erhalten, der Spannungsbogen reißt auch im Leisen an keiner Stelle ab. Was bekanntlich eine allein den richtig guten Dirigenten eigene Qualität darstellt… In vielen Momenten des Abends fühlte man sich gar an den unvergessenen Marcello Viotti erinnert. Das musikalische Drama fand sängerisch und orchestral statt.

Szenisch hingegen leider nicht einmal im Ansatz. Aus irgendeiner rätselhaften Motivation heraus hatte man nämlich mit Imogen Kogge eine bislang nicht gerade genreaffine Schauspielerin mit der Regie dieser, ohnehin nicht einfach zu inszenierenden, Oper betraut. Dies entpuppte sich, kann man nicht anders sagen, als ausgesprochene Schnapsidee. Kogge ist eine erfahrene Darstellerin, hat mit vielen namhaften Regisseuren gearbeitet und ist auch als TV-Kommissarin aktenkundig; in diesem biederen Arrangement hätten allerdings auch die SpuSi-Experten sämtlicher Tatort-Standorte keine Spurenelemente von Spannung oder gar Sinn ausfindig machen können. Vielleicht hatte man so etwas schon geahnt, der Besetzungszettel jedenfalls nennt sie und den Ausstatter Tobias Hoheisel als Regie-Duo… Wie auch immer das in der Praxis ausgesehen haben mag. Im Gegensatz zur Kollegin hat Hoheisel immerhin einen konkreten Arbeitsnachweis in Form von Bühnenbild und Kostümen geliefert: ersteres besteht aus vier gebogenen, palisadenartigen Holzwänden, die sich für Innen- und Außenszenen um die eigene Achse drehen lassen, letztere aus nichtssagenden Wallegewändern bzw. Militäruniformen für die Solisten und schwarzen, fernöstlich angehauchten Phantasieklamotten für den Chor. Was sich zwischen jenen Palisaden abspielt, ist von solch grotesker Unbeholfenheit, dass man zuweilen den Augen nicht traut, kein Gang und keine Bewegung macht Sinn oder sieht halbwegs natürlich aus; eigentlich dient das offenbar nur dazu, die Größenunterschiede zwischen den Solisten irgendwie zu kaschieren; warum eigentlich? Wenn man etwas über die Charaktere und ihre Emotionen erfahren wollte, mußte man zuhören und sich auf die Musik konzentrieren. Dann war alles gut. Oper als Gesamtkunstwerk? Diesmal leider nicht.

Weitere Vorstellungen am 22./27. Oktober und 1./9./13. November 2016 und am 12.Januar und 8./15. Juli 2017

Karten unter tickets@theater-essen.de oder 0201-8122-200

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