Deutsche Oper am Rhein Duisburg: “L’elisir d’amore” – 15.10.2016

Für Verliebte hängt der Himmel bekanntlich voller Geigen… Das Personal aus Donizettis charmant-hintergründiger buffa L’elisir d’amore ist auch kreuz und quer in einander verliebt; allerdings hängen in Joan Anton Rechis Inszenierung keine Streichinstrumente vom Bühnenhimmel, sondern sicher an die tausend Wein- und Sektgläser. Ein unglaubliches, originelles, spektakuläres und zudem erstaunlich wandelbares Theaterbild, das sich Rechi und sein angestammter Bühnenbildner Alfons Flores da ausgedacht haben, und eine brillante szenische Metapher für eine Handlung, deren Verlauf ja nicht unerheblich vom Genuß alkoholischer Getränke beeinflußt wird… Vor allem verläßt sich Rechi, im Gegensatz zu nicht wenigen seiner Regiekollegen, nicht allein auf den Effekt des Bühnenbildes, sondern bietet auch eine temporeiche und quicklebendige Personenführung. Der für seine fantasievoll-verspielten Sichtweisen bekannte Regisseur aus Andorra läßt die Handlung mit der Hochzeit der hochschwangeren Giannetta mit einem feschen Matrosen beginnen, der Chor und auch die anderen Solisten bilden die fröhliche Festgesellschaft; Adina ist die beste Freundin der Braut, Nemorino ein Kellner und Dulcamara der goldgewandete Barkeeper und Cocktail-Artist mit Showtalent (Kostüme: Sebastian Ellrich). Ein großartiger Einfall, der nicht nur viel Spielraum für Situationskomik und witzige Charakterisierungen bietet, sondern auch die Atmosphäre des Werkes sehr gut einfängt; die Hochzeitsgesellschaft als „künstliches Paralleluniversum“, als eine „Atmosphäre von Liebe und Glückseligkeit bis hin zum Kitsch“, wie Rechi es im Programmheft formuliert, der aber auch einiges an Potenzial für Spannungen und Konflikte bietet, genau die richtige Fallhöhe also, mit der eine hintersinnige Komödie wie diese funktioniert. Ganz wie im richtigen Leben. Beinahe jedenfalls. Aus dieser Eingangssituation entwickelt der Regisseur die Geschichte mit leichter Hand und gutem Timing, je mehr die Protagonisten aus sich herausgehen, je mehr sie trinken und je mehr sie sich zu ihren Gefühlen bekennen, desto surrealer und phantastischer werden Bilder und Räume; nach der Pause ist das Restaurant verschwunden und der Glas-Wald übernimmt die Optik komplett, der Chor tritt in farbenfrohen Turniertanz-Kostümen auf und die Welt der Protagonisten droht aus den Fugen zu geraten; Höhepunkt in dieser Hinsicht ist Nemorinos berühmte „Una furtiva lagrima“ vor einem in die komplette Bühnenbreite und -höhe zerflossenen Sternenhimmel aus besagten Gläsern. Abgehoben und magisch zugleich, auch eine herausragende Arbeit des Lichtdesigners Volker Weinhart. Sicherlich sind einige Regieeinfälle manchmal etwas „telegraphiert“ oder ausgewalzt, das kann die Freude an dieser lebhaften und einfallsreichen Inszenierung aber nicht schmälern.

lelisir_damore_14_foto_hansjoergmichelHappy End unter gläsernem Himmel: Adina (Luiza Fatyol) und Nemorino (Georgy Vasiliev) – Foto: Hans Jörg Michel

Allerdings wollte der Funke, dieser wunderbaren Inszenierung zum Trotz, an diesem Abend nicht so recht auf die – bedauerlich schwach besetzten – Ränge überspringen, Lacher oder überhaupt Publikumsreaktionen kamen kaum vor und auch der Schlußapplaus fiel sehr mau aus. Atmosphärisch gestaltete sich die Vorstellung eher zum Trauerspiel; die Quittung für eine Besetzung, zu der mir bei allem guten Willen kaum ein anderes Wort als „suboptimal“ einfällt.

Der junge italienische Dirigent David Crescenzi am Pult der Duisburger Philharmoniker ließ wenig Gespür für die Musik seines Landsmanns Donizetti erkennen und drosch bereits im preludio volle Kanne drauf. Auch den Rest der Partitur exekutierte er mit aufgesetzter Knalligkeit und ohne Rücksicht auf die Sänger und ihre Partien, die Tempi waren dem Zusammenhalt zwischen Chor, Solisten und Orchester alles andere als zuträglich, gerade in der ersten halben Stunde bestimmten Wackler, verpatzte Einsätze und Tempodifferenzen das Bild, im Laufe des Abends pendelte sich das immerhin noch etwas ein. Auch der spielfreudige und um Präzision bemühte Rheinopern-Chor in der Einstudierung von Christoph Kurig wurde anfangs einige Male in Verlegenheit gebracht.

lelisir_damore_05_foto_hansjoergmichel“Ich hätte da was für Dich…  Echt?” Dulcamara (Bruno Balmelli) und Nemorino (Georgy Vasiliev) im Verkaufsgespräch – Foto: Hans Jörg Michel

Ruhmesblätter wurden leider auch sängerisch nicht beschrieben, da ist man hier am Haus in den beiden Vorgänger-Produktionen doch ganz anderes gewohnt gewesen. Überzeugen konnte lediglich Laimonas Pautienius als Belcore, der nicht nur darstellerisch Vollgas gab, sondern auch mit schön abgerundeter Tongebung, kultiviertem Vortrag und sicher bewältigter Höhe aufwartete. Gesteigerten schauspielerischen Einsatz und eine gewisse komödiantische Präsenz kann man auch Bruno Balmelli als Dulcamara nicht absprechen, stimmlich hat er allerdings im Vergleich zur letzten hiesigen Elisir-Inszenierung erheblich abgebaut und schafft vor allem den Auftrittsmonolog nur noch in angestrengtem Einheits-Forte. Auch im weiteren Verlauf geht es mit steifer, unflexibler Tongebung über alle Pointen und Nuancen hinweg und hinterläßt einen doch rechtschaffen faden Eindruck… Ob sich das bewährte und sympathische langjährige Ensemblemitglied in diesem Fach wirklich noch einen Gefallen tut, möchte ich nach diesem Auftritt bezweifeln. Ganz sicher keinen solchen getan hat sich Georgy Vasiliev als Nemorino, für den der Abend, freundlich ausgedrückt, sehr unglücklich verlief. Dabei hatte alles noch durchaus vielversprechend begonnen; in Frisur und Gestik den Jonas machend und mit sympathisch unbekümmertem Gesang ging der junge russische Sänger die Partie an. Mitten im Terzett gegen Ende des ersten Aktes war plötzlich Schluß mit lustig, die Stimme machte von Takt zu Takt zu und man konnte nur froh sein, als es in die Pause ging… Auch danach trat Vasiliev wieder an und kämpfte sich mit belegten, heiseren und weggebrochenen Tönen irgendwie durch den Rest des Abends, vor allem die Mittellage klang zunehmend unkontrolliert und kaum noch vorhanden. Kann passieren und ist menschlich; völlig unverständlich war jedoch, dass es keinerlei Ansage vorm Vorhang gab, wie sie in solchen Fällen nicht nur üblich, sondern auch aus Gründen künstlerischer und menschlicher Verantwortung für den betroffenen Künstler obligatorisch ist. War niemand mehr da oder ist man davon ausgegangen, dass das in Duisburg niemandem auffällt? Eigentlich ein Unding. Zu kämpfen hatte auch Luiza Fatyol als Adina, nämlich mit Technik und Intonation, was schon gesanglich immer wieder problematisch war. Leider konnte sie das auch darstellerisch nicht kompensieren, die Wandlung von der latent zickigen Luxusgöre von Gutsbesitzerin hin zur Liebenden wurde nicht ansatzweise nachvollzogen, erst ganz zum Schluß entspannte sich die Attitüde zumindest ein wenig… Da muß man einfach mehr draus machen. Wie das geht, zeigte Annika Kaschenz mit einer engagierten performance als Giannetta.

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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