Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf: “Otello” – 16.10.2016

Fifty Shades of Black

Es ist einer der großartigsten Opern-Anfänge der Geschichte. Keine gefällige sinfonische Ouvertüre oder atmosphärisches preludio, kein Abtasten und keine Vorwarnung. Hier geht es gleich in medias res, Sturm und Wetter toben, der Hörer und Zuschauer wird hingerrissen ins Stück. Wer aber sagt, dass Stürme nur über Himmel und Meer stattfinden müssen? Handelt großes Theater nicht immer auch von den seelischen und emotionalen Stürmen in uns selbst?

Der Regisseur Michael Thalheimer geht in dieser großartigen Inszenierung, bereits in der letzten Spielzeit beim Kooperationspartner Vlaamse Opera zu erleben, sogar noch einen Schritt weiter und läßt Verdis Otello komplett im Kopf, in der überreizten Psyche des Protagonisten stattfinden. Die Bühne von Henrik Ahr ist ein schwarzer, klaustrophobischer Kasten, der erst ganz am Schluß, im Moment von Otellos Tod, an den Kanten aufbricht und etwas helles Licht der Erkenntnis einläßt. Vorher erleben wir zweieinhalb Stunden lang sozusagen 50 Shades of Black, ein beklemmend intensives Kammerspiel. Schwarz, und doch sehr unterschiedlich und prägnant charakterisierend, sind die Kostüme von Michaela Barth, schwarz die Wände und der Boden… Grellweiß sind nur die beiden stücktragenden Requisiten, das fatale fazzoletto und Desdemonas Brautkleid im vierten Akt; beide sind so scharf herausgeleuchtet, dass es beinahe in den Augen wehtut. Was Wunder, schließlich sind es die einzigen Objekte, die Otello überhaupt noch wahrzunehmen in der Lage ist. Wird einem das nicht irgendwann zuviel? Überhaupt nicht, denn der phänomenale Lichtdesigner Stefan Bollinger – der u.a. vorletzte Saison Die Soldaten an der BSO ausgeleuchtet hat – zeigt mit einer sparsamen, aber extrem differenzierten Lichtkunst die Schichten und Schattierungen des Schwarz in einer so auch noch nicht gesehenen Weise.

otello_01_foto_hansjoergmichelGefangener der eigenen Psyche: Zoran Todorovich in der Titelpartie (Foto: Hans Jörg Michel)

Und Otello selbst? Darf, bzw. muss dieser auch ein Schwarzer sein? Nun ist das sogenannte blackfacing zuletzt ja heftigst in Verruf, gar unter offenen Rassismusvorwurf, geraten. Thalheimer geht dem Thema geschickt aus dem Weg, indem er es auf eine symbolische Ebene zieht, der schwarze aufgeschminkte Kreis mitten im Gesicht ist V-Effekt genug und sagt doch, was es zu sagen gibt. Detailrealismus findet in dieser ungemein präzisen und minimalistisch klaren Inszenierung ohnehin nicht statt, das Drama ist auf seinen, im wahrsten Sinne inneren, Kern destilliert. Das geht absolut ans Eingemachte, das ist kein „schöner“ Opernabend, sondern eine schonungslose Demonstration von Abgründen; in Otellos Kopf versetzt, wird der Zuschauer gezwungen, die dunklen, die archaischen, die instinktiv-unberechenbaren Seiten der Figur wahrzunehmen und mitzuerleben; ob er will oder nicht. In diesem Sinne ist, wie der Regisseur es ausdrückt, nicht Iago Otellos größter Feind, sondern Otello selbst. Dessen dunkle Seite wird von Iago verkörpert, der als einziger während der gesamten Oper auf einer Ebene mit Otello agiert. Desdemona erscheint dagegen bei ihren Auftritten als entrücktes, madonnenhaftes Wesen und auch die Gesellschaft in Form des Chores und die anderen Figuren treten nur episodenhaft ins Bewußtsein. Dabei sind diese in ihren Charakteren und ihrem Wesen ebenso intelligent und sinnfällig gezeichnet, nur erkennt Otello in seiner inneren Gefangenschaft sie nicht mehr als solche. Dabei haben alle handelnden Personen ihre individuelle, ganz eigene Körpersprache und Bewegungsrepertoire; eine derart präzise gearbeitete und zugleich emotional bis ins Letzte ausgereizte Regiearbeit sieht man – wenn man Glück hat – auf der Opernbühne alle paar Jahre einmal.

Gesungen wird in dieser Aufführung auf demselben überragenden Niveau wie gespielt. Allen voran Zoran Todorovich in der Titelpartie. Er verkörpert einen höchst individuellen und ungewöhnlichen Otello, wie es in dieser ungewöhnlichen Interpretation kaum anders sein kann. Sein Material ist nach wie vor tenoral timbriert und von großer Strahlkraft und unterscheidet sich daher von den wuchtigen Dampfhammer-Stimmen baritonaler Färbung, welche die Aufführungsgeschichte des Werkes geprägt haben. Dies ist jedoch kein Manko, da der Künstler auch in den unteren Lagen über einen klangsatten und voluminösen Ton verfügt und in beeindruckender Weise vom Wort her zu gestalten versteht. Seine Stimme beherrscht die virile Attacke des Kriegers und Stürmebezwingers ebenso wie die zerbrochene Faktur einer verlorenen Seele auf dem Weg in die Selbstzerstörung. Wie uneitel und konzentriert sich Todorovich, ebenso wie die Kollegen, auf das Konzept einläßt, ist großartig; zumal zu der sängerischen Glanzleistung noch die extrem fordernde darstellerische Dauerpräsenz auf der Bühne kommt; keine Sekunde lang läßt der Künstler den Spannungsbogen abreißen. Das muss man erstmal hinkriegen, das ist ganz große Kunst.

otello_05_foto_hansjoergmichelFurchterregendes Alter Ego: Boris Statsenko als Iago (Foto: Hans Jörg Michel)

Solche bietet auch Boris Statsenko als Iago. Nun kann sich die Rheinoper, wie so ziemlich jedes andere Opernhaus der Welt, ohnehin glücklich schätzen, einen Verdi-Bariton dieser Qualität im Ensemble zu haben, doch diesmal hat er noch ein paar Briketts draufgelegt und gibt seinem ohnehin schon metallisch schimmernden Organ noch einiges an Düsternis und Abgründigkeit mit, das ist die Stimme des Hasses und der nihilistischen Totalverweigerung, die zugleich prachtvoll klingt und schaudern macht. Zusätzlich spielt Statsenko, gemeinsam mit dem Maskenbildner, seine erstaunliche Ähnlichkeit mit Anthony Hopkins nochmal richtig aus; verglichen mit diesem Iago ist Hannibal Lecter geradezu der nette Bursche von nebenan. So gefürchtet habe ich mich in der Oper schon lange nicht mehr. Natürlich kann Desdemona in dieser Inszenierung keine blonde Suse aus dem Liebreizkabinett sein; der Regisseur und die Sopranistin Jacquelyn Wagner machen endlich einmal deutlich und sinnfällig, welch starke Frau wir vor uns haben und dass sich die Tochter aus – angeblich – gutem Haus durch die Liebe und Heirat mit einem Außenseiter ganz bewußt außerhalb der Gesellschaft stellt. Zugleich birgt diese Konstellation auch immensen emotionalen und mentalen Sprengstoff, das Innenverhältnis dieser Beziehung, das wird hier schon im ersten Akt deutlich, ist auf die Katastrophe hin angelegt. Dementsprechend badet Wagner auch nicht nur im Wohlklang, ihre Stimme verfügt neben sonnigem Melos und fließender Kantilene auch über vokales Muskelspiel und „bissfesten“ Kern.

otello_11_foto_hansjoergmichelGruppenbild im Finale III mit Jaquelyn Wagner als Desdemona (Foto: Hans Jörg Michel)

Hell strahlend klingt Ovidiu Purcel als Cassio, sonor und befehlsgewohnt Bogdan Taloş als Lodovico und mit pointierter Schärfe Florian Simson als Roderigo, Sarah Ferede als Emilia und David Jerusalem als Montano ergänzen ein wunderbar homogenes, trefflich auf einander abgestimmtes Ensemble. Der von Gerhard Michalski einstudierte Rheinopern-Chor setzt die nötigen Akzente, auch wenn er konzeptionsbedingt eher im Hintergrund zu agieren hat.

Die Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Axel Kober liefern einen durchaus gepflegten Verdi-Sound, auch wenn das Dirigat, gerade in der eingangs erwähnten Sturmszene, etwas drängender und dynamischer hätte sein können, phasenweise drohte der Orchesterpart, etwas nebenher zu laufen; was aber angesichts der packenden Bühnenaktion und Gestaltung zu verschmerzen war.

Fazit: ein großer Musiktheater-Abend, auch wenn er als Sonntagsmatinee schon am hellichten Nachmittag stattfand…

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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