BR-Symphonieorchester/ Andris Nelsons – 27.10.2016

Under Stalin’s Shadow – unter diesem Motto vermarktet die Deutsche Gramophon ihre derzeit in der Mache befindliche neue Gesamteinspielung der Sinfonien von Dmitri Shostakovitch mit Andris Nelsons und dem Boston Symphony Orchestra. Die 10. Sinfonie machte letztes Jahr den Anfang dieses ehrgeizigen Projektes, kürzlich wurde die Doppel-CD mit den Nummern 5, 8 und 9 nachgelegt. Ein direkter Vergleich mit Pultlegenden wie Mravinskij, Kondrashin, Rostropovitch und Jansons, nicht zu vergessen natürlich Bernard Haitink, der in den 1960er Jahren mit dem Concertgebouworchester in Amsterdam die erste außerhalb der Sowjetunion produzierte Gesamtaufnahme einspielte, läßt sich da kaum vermeiden. Dass Nelsons bei Shostakovitch solche Vergleiche nicht scheuen muß und zu den führenden Interpreten des stets bärbeissig humorbefreiten russischen Großmeisters zählt, ist bekannt und das stellte der bald 38jährige Lette auch bei diesem Gastspiel im Herkulessaal eindrucksvoll unter Beweis.

brso-nelsonsAndris Nelsons auf der Probe (Foto: Bayerischer Rundfunk)

Der zitierte Schatten lag auch in der ansonsten gerade spätherbstlich-entspannten Landeshauptstadt über dem Abend; gerade die zehnte Sinfonie, komponiert zwischen Juni und Oktober 1953 und damit wenige Monate nach Stalins Tod, wird ja gerne als Abrechnung des Komponisten mit dem Diktator verstanden. Auch wenn es sicherlich wenig sinnvoll ist, das Oeuvre Shostakovitchs alleine oder primär unter diesem Aspekt zu sehen, sind doch Stalins Gewaltherrschaft, seine Brutalität, sein Banausentum und die unmittelbare Gefahr für Karriere und Leben, der Shostakovitch einen Großteil seines Lebens ausgesetzt war, ein wichtiger Bezugspunkt seines künstlerischen Ausdrucks. Und Nelsons macht vom ersten Takt an Ernst, schließlich wollte Shostakovitch das tiefe, nervöse Grumeln der Streicher, mit dem das Werk einsetzt, wie er seinem Biographen Salomon Volkov sagte, als „komponierte Angst“ verstanden wissen. Und ähnlich kompromißlos geht es bei Nelsons und dem einmal mehr grandios disponierten Orchester weiter, keine Gnade, nirgends nicht. Mit solch düsterem Pathos und dramatischer Verve hat man die Zehnte kaum je gehört, auch der sonst so weich schimmernde, edle Klang des BR-Symphonieorchesters scheint wie in Schwermut getaucht, Stimmungsaufheller hat Nelsons auf seiner symphonischen Palette nicht angemischt und auch die sich im letzten Satz langsam Bahn brechende Zuversicht ist hier mehr als brüchig. Herzstück des Werkes ist der mit nur knapp fünf Minuten äußerst komprimierte zweite Satz, der nach Aussage des Komponisten ein Porträt Stalins darstellt; mehr wollte er dem verhassten Machthaber nicht zugestehen. Allerdings hat er seinen gesamten Abscheu in diese fünf Minuten gepackt, entsprechend brutal, lärmend, grell dissonant und bewußt trivial ist dieser Satz. Man kann das alles so dirigieren; allerdings ist gerade die Musik von Shostakovitch eben nicht immer nur, sondern auch… Eine stärkere ironische Brechung, eine Prise diabolischen Witzes, ein paar mehr Zwischentöne; das alles wäre durchaus denkbar gewesen. Ein hochemotionales und gewaltiges Musikerlebnis war es allemal.

Der erste Teil war zu dem Zeitpunkt beinahe schon vergessen, denn neben Shostakovitchs geballter Schicksalssymphonik nimmt sich das 2013 uraufgeführte Trompetenkonzert Dramatis personae des 55jährigen Australiers Brett Dean eher bieder aus. Das dreisätzige Werk thematisiert den dramatischen Dialog des Solisten, auch „Superheld“ genannt, mit dem Kollektiv, wobei der Solo-Trompete die vier Trompeter des Orchesters zur Seite stehen und im Laufe der Aufführung mehrfach ihre Plätze auf dem Podium wechseln… Irgendwie die neueste Masche. Widmungsträger Hakan Hardenberger spielt den technisch abstrus schwierigen Solopart phänomenal und lotet sämtliche Techniken und Farben seines Instrumentes aus. Trotzdem bietet die Partitur mehr zeitgenössischen Mainstream als künstlerische Substanz. Kann man mal spielen, muss aber nicht zwingend sein.

Wunderbar war Hardenbergers sehr leise, lyrisch innige Zugabe; bzw. hätte sie sein können, wenn die vom neuverpflichteten Dienstleister gestellten Einlasser sie nicht durch laut knarrendes und krachendes Auf- und Zuschlagen der Türen zerstört hätten… Und wann Hardenberger Geburtstag hat, wissen wir jetzt auch, bzw. das Orchester ließ es uns mit einer letzten Zugabe wissen.

Gehabt Euch wohl und hört was Schönes,

Euer Fabius

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