Bayerische Staatsoper: “Lady Macbeth von Mzensk” – 28.11./4.12.2016

Erniedrigte und Beleidigte

„Knall mich, dass die Ikonen von der Wand fallen!“ – So unverblümt formulieren auf der Opernbühne die wenigsten Protagonisten ihre erotischen Vorlieben… Katerina Lwona Ismailova und ihr Lover Sergej in Shostakovitchs Lady Macbeth von Mzensk hingegen stehen auf die harte und schmutzige Gangart ohne genretypische Sublimierung; und auch sonst genieren sich Komponist und Librettist nicht. Es ist so einiges geboten in diesem Opernthriller: neben der besagten Beischlafszene gibt es auf offener Bühne zwei brutale Morde, einen erweiterten Suizid, einen Gangbang und eine exzessive Auspeitschung, dazu Gefängniselend, Einsamkeit, Sehnsucht, unterdrückte Sexualität, Alkoholismus, Gewalt, Verrat und überhaupt die totale Desillusion die menschliche Gesellschaft betreffend. Ganz harter Opernstoff. Dass das einem gewissen Herrn Djugaschwili, der Allgemeinheit auch als Josef Stalin bekannt, gar nicht gefiel, hat sich schnell rumgesprochen und den Grundstein für eine lebenslange Feindschaft zwischen Komponist und Diktator gelegt; auch wenn zumindest einige der diesbezüglichen Anekdoten inzwischen als Legenden entlarvt sind. Denn Idealisten, Ideologen und Utopisten zeigt Shostakovitch in seiner Oper und seiner Musik ganz gepflegt den Mittelfinger und komponiert diesen sogar noch… Hier gibt es keine Siegertypen und Identifikationsfiguren, sondern nur, um es mit einem Romantitel von Dostojevskij zu sagen, Unižennye y Oskorblennye, „Erniedrigte und Beleidigte“.

bso-lmvm2Unter der Fuchtel: Katerina (Anja Kampe) und Boris (Anatolij Kotcherga) – Foto: Wilfried Hösl

Ein düsteres Werk, das nichts romantisiert oder relativiert und entsprechend keine Perspektive aufzeigt, wie denn ein zivilisiertes, oder zumindest halbwegs erträgliches, Miteinander der Menschen erreichbar wäre. Ähnlich wie Mussorgskijs Boris Godunov schließt auch die Lady Macbeth mit einer ebenso pessimistischen wie prophetischen Stimme eines gesellschaftlichen Außenseiters, bei ersterem ist es der Gottesnarr, hier die Gestalt eines ebenso namenlosen alten Zwangsarbeiters; der Kreislauf des Leidens ist undurchdringlich, Einzelschicksale zählen nicht und die Zukunft ist düster. Wenn das Opernhaus sich für diese kurze, aber wirkmächtige Partie dann auch noch einen ersten Bassisten wie Alexander Tsymbalyuk leistet, dann ist Gänsehaut garantiert; das Schlußbild, in dem dieser phänomenale Sänger alleine zurückbleibt und seinen Klagegesang ins Allgemeinmenschliche vergrößert, rundet einen, zumindest phasenweise, beklemmend intensiven Opernabend eindrucksvoll ab.

Nun ist Shostakovitch ein Komponist, der auch in seinen Symphonien und anderen Orchesterwerken große Hör-Dramen zelebriert und aus einem reichen Vorrat an Klangeffekten und stilistischen Varianten schöpft. Charakteristisch für seine Musik ist eine thematisch-kompositorische Montagetechnik, die neben seinen genuinen Erfindungen auch mehr oder weniger stark verfremdete Zitate in den musikalischen Satz einbaut und diese durch den veränderten Kontext umdeutet, ironisch bricht oder sie gleich gänzlich ad absurdum führt; ein gutes Beispiel dafür sind die stets gerne genommenen Arbeiterlieder und Hymnen. Auch in der Lady Macbeth von Mzensk finden sich viele solcher Momente, etwa der grotesk übersteigerte Klagechor der Arbeiter bei der Abreise Zinovijs oder die im Orchester unterlegten Tanzrhythmen beim Tod des Boris. Das alles macht Kirill Petrenko mit dem wieder einmal in Höchstform agierenden Staatsorchester aufregend sinnlich erfahrbar, auch wenn das eine oder andere Detail sogar noch grotesker, noch zugespitzter, noch sarkastischer klingen könnte. Doch ist dies kein Versäumnis, sondern interpretatorisches Konzept; Petrenko konzentriert sich auf das Drama, auf die Gestaltung seelischer Abgründe und starker, nahezu unerträglicher Emotionen, an denen die Handelnden zugrunde gehen. Dabei läßt er es, wo gefragt, ordentlich krachen und zelebriert die großen orchestralen Ausbrüche und die virtuosen Zwischenspiele mit überbordender Lust und schier aberwitzigen Tempokontrasten, macht aber auch und gerade die leisen Momente zu emotionalen Brennpunkten, vibrierend vor Spannung und Ausdruck. Wenn Petrenko am Pult steht, ereignet sich Gigantisches.

Leider findet diese phänomenale musikalische Vergegenwärtigung szenisch nur bedingt ein entsprechendes Gegenstück. Harry Kupfer mag bekanntlich Attribute wie „Altmeister“ oder „Regie-Guru“ überhaupt nicht; und doch ist ersteres gar nicht so unpassend. Dass er uns mit seinen nunmehr 81 Lenzen nochmal überraschen und etwas konzeptionell grundlegend Neues auf die Bühne bringen würde, war kaum zu erwarten und fand auch nicht statt. Zweifellos weiß Kupfer, wie Oper und Musiktheater funktioniert, seine Inszenierung ist schnörkellos, konzentriert, mätzchenfrei und auf den Punkt. Personenführung und Timing stimmen, die Personen sind klar umrissen und die Geschichte wird nachvollziehbar erzählt. Das gilt auch für den stimmlich wie darstellerisch sehr präsenten Chor in der Einstudierung von Sören Eckhoff, mit der von ihm gewohnten Präzision zeigt der Regisseur den Chor als Summe einzelner Charaktere.

bso-lmvm4Die oberen und die unteren – Szene aus dem zweiten Akt (Foto: Wilfried Hösl)

Dass die Inszenierung trotzdem nicht zur Gänze überzeugt, liegt an zwei Umständen: zum einen steht Shostakovitchs betont antirealistische und immer wieder stilistisch und ironisch gebrochene musikalische Dramaturgie in Kontrast zur streng detailrealistischen Erzählweise der Regie und zum anderen hat deren Ästhetik als solche inzwischen doch ganz schön Staub angesetzt, da fühlt man sich direkt in die 1980er Jahre zurückgebeamt. Kupfers Stamm-Bühnenbildner Hans Schavernoch hat für den ersten Akt eine Fabrikhalle der Jahrhundertwende entworfen, Katerinas Schlafzimmer besteht aus einem Kasten auf Stelzen, der aus irgendeinem Grund gelegentlich um einige Meter angehoben wird… Nach der Pause sind diese Box und ein Teil der eisernen Treppen und Podeste verschwunden, die Hintergrundbilder zeigen einen stürmischen, dramatisch bewölkten Himmel im zweiten und einen See mit schwarzem Wasser im Mondlicht für den dritten Akt. Das Polizeirevier fährt, wenig überraschend, aus der Unterbühne empor; schwarz Uniformierte auf Bürostühlen. Och komm, Harry… Wirklich keine bessere Idee gehabt? Mit dem Themenkomplex Ironie und Satire hat es die Regie ohnehin nicht so wirklich, auch der groteske Auftritt des besoffenen Popen ist einfach verschenkt. Und die Gewaltszenen? Auch die sind befremdlich gesittet und zahm ausgefallen, die Vergewaltigung der Köchin durch den blindwütigen Mob der Arbeiter ist nur ein wenig Rumgeschupse, das Peitschen wird dezent in den seitlichsten Winkel verlegt und auch Boris Timofejevitch geht nach Genuss der gripki, der vorsätzlich vergifteten Pilze, sehr distinguiert über die Wupper. Missglückt ist auch die zentrale Beischlafszene, in der sich im Stück und in der Musik die ganze angestaute und unbefriedigte Lust auf sexuelle und emotionale Befreiung Bahn bricht… All das, die archaische Maßlosigkeit und Radikalität, realisiert Petrenko mit dem Orchester, auf der Bühne findet lediglich eine Runde müdes Bodenturnen in voller Montur statt. Das hat man schon ungleich besser umgesetzt gesehen, nicht zuletzt in der Amsterdamer Inszenierung von Martin Kušej. Einen schlabbrigen Einheitslook in kunstvoll angeschmutzten Grau-, Blau- und Erdtönen bieten die insgesamt wenig profilierten Kostüme von Yan Tax und auch das Lichtdesign von Jürgen Hoffmann ist mäßig ansprechend.

Um es ganz klar zu sagen: ich habe die Regiekunst von Harry Kupfer, seine klare Personenführung und seinen analytischen Blick auf dramatische Strukturen immer sehr geschätzt und ich habe ihm viele großartige und inspirierende, wichtige Opernerfahrungen zu verdanken. Diesmal allerdings blieben, um im Bild zu bleiben, die Ikonen leider hängen…

bso-lmvm1Die Szene mit den Ikonen… Katerina (Anja Kampe) und Sergej (Misha Didyk) lassen es krachen (Foto: Wilfried Hösl)

Das zweite große Kraftfeld neben Orchester und Dirigat bildet das geradezu sensationelle Rollendebüt von Anja Kampe als Katerina. Eine Partie, die es in sich hat, auch und gerade über die rein vokalen Anforderungen zwischen dramatischer Attacke, lyrischer Innenschau und pointierter Deklamation hinaus. Es handelt sich immerhin um die Figur einer dreifachen Mörderin – auch wenn einer der drei Fälle streng juristisch vielleicht noch als Totschlag im Affekt durchginge – der dennoch unverkennbar die Sympathie des Komponisten gehören. Diese Frau darf weder Monster noch Hascherl sein, ist Täterin und Opfer zugleich, ein hochkomplexer Charakter voller Leidenschaft und Widersprüche. Das muss man erstmal glaubwürdig und authentisch hinkriegen… Und wie Kampe diese Synthese aus Entschlossenheit, Willen, Verletzlichkeit und Sehnsucht gestaltet, ist phänomenal, ganz große Gestaltungskunst. Zumal die Künstlerin auch über die stimmlichen Mittel verfügt, diese Affekte in jedem Takt kenntlich zu machen und emotional einzubrennen, von der nervösen Unruhe des Eingangsmonologes, das Hineinsteigern in die amour fou zu Sergej, das Überschreiten jeglicher Grenzen, das Leiden am Verrat durch den Geliebten bis hin zur finalen Verzweiflungstat. Kampes sinnlich-herb timbrierter Sopran verfügt über die dramatische Durchschlagskraft ebenso wie über zarte Lyrismen; zu den Höhepunkten ihrer Rollengestaltung zählt der Monolog kurz vor dem Ende der Oper, in dem sie den See im Wald besingt, dessen schwarzes Wasser und gelegentliche stürmische Wogen natürlich symbolisch für die Abgründe der Seele stehen, in die uns diese großartige Sängerin hat schauen lassen. Wir sind erschüttert und beschenkt zugleich.

bso-lmvm3Es waren noch Pilze da… (Foto: Wilfried Hösl)

Die Tragik der Katerina Lwona Ismailova besteht im Stück darin, bei ihrem Ausbruchsversuch an einen eitlen, verantwortungslosen Hallodri von Kerl zu geraten, für den Frauen nur Spielzeug oder, wie hier, Vehikel zum gesellschaftlichen Aufstieg darstellen. Mischa Didyk spielt diesen Sergej eine Spur zu unverbindlich, zu glatt und ist eher der hübsche, etwas hüftsteife Teddy als der unverschämt virile Halunke, der er eigentlich zu sein hätte. Singen tut er allerdings exzellent, mit stilsicherem Vortrag und geradezu verschwenderisch prunkendem Höhenglanz. Die zweite Tenorpartie ist Zinovij Borissovitch Ismailov, Katerinas ungeliebter Ehemann, ein anämischer Vollversager im Bett wie im Leben; gleich zu Beginn verabschiedet er sich auf Dienstreise, kommt kurz vor der Pause zurück und wird sogleich umgebracht… Fast eine Art russisches Gegenstück zu Strauss’ und Hofmannsthals Aegisth und als Rolle ebenso undankbar. Sergej Skorokhodov entledigt sich der Aufgabe mit prägnantem Tenormetall. Wichtige Episodenrollen gestalten neben dem bereits erwähnten Alexander Tsymbalyuk – außer dem Alten Zwangsarbeiter gibt er auch noch den stimmgewaltigen Polizeichef – Anna Lapkovskaya als hocherotische Sonyetka, Kevin Conners als der Schäbige und Goran Jurić als Pope. Das BSO-Ensemble trägt auch diesen Abend durch eine sehr homogene Besetzung der zahlreichen Klein- und Kleinstpartien, darunter Heike Grötzinger (Aksinya), Christian Rieger (Verwalter), Sean Michael Plumb (Hausknecht), Kristof Klorek (Polizist) und Dean Power (Lehrer).

Einziger Schwachpunkt der Besetzung ist leider Anatolij Kotcherga als Boris Timofejevitch, für den die Partie hörbar um einige Jahre zu spät kommt, von seinem so prachtvollen Bass ist, vor allem im unteren Register, nicht mehr viel übrig und auch darstellerisch füllt der von mir immer sehr geschätzte Sänger die Partie des brutalen Kraftmenschen und Provinztyrannen kaum aus. Warum hat man ihn und Tsymbalyuk nicht umgekehrt besetzt? Damit wäre beiden Künstlern und dem Publikum sicher mehr gedient gewesen.

Dreiundzwanzig Jahre nach der letzten, von Peter Schneider und Volker Schlöndorff verantworteten, Neuproduktion ist die Lady Macbeth von Mzensk wieder am Max Joseph-Platz angekommen; Zeit is worn. Ein merklich mitgenommenes Premierenpublikum hat sie freundlich aufgenommen, im Laufe der Serie auch mit wachsendem Enthusiasmus.

Gehabt Euch für heute also wohl und hört was Schönes,

der Fabius

This entry was posted in Oper. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s