Aaltotheater Essen: “Lohengrin” – 22.12.2016

Mein lieber Schwan!

Dass Wagners romantische Oper Lohengrin nicht nur zu den beliebtesten, sondern auch zu den am häufigsten parodierten Werken der Musikgeschichte gehört, hat einen Grund. Einen gefiederten Grund, Stichwort: Mein lieber Schwan! Schwan drüber! Wann geht der nächste Schwan? Wir kennen die Geschichten… Mit dem Auftritt des langhalsigen Wassergeflügels hat der gute Richard schon einen gewaltigen Bock geschossen und den Regisseuren bis heute eine echte Talentprobe vor den Latz gesetzt, denn um irgendeine sinnstiftende und möglichst peinlichkeitsfreie Umsetzung der geflügelten Erscheinung kommt keiner herum, der den Lohengrin auf die Bühne bringen will. Das ist auch am Essener Aaltotheater nicht anders und der Regisseurin Tatjana Gürbaca und ihrem Team ist in der Tat eine unkonventionelle und überzeugende Lösung eingefallen. Der Schwan, der sich am Ende bekanntlich als Reinkarnation von Elsas verschollenem Bruder Gottfried entpuppt, ist hier weder ein wie auch immer hergestelltes Tier, noch eine Silhouette oder eine mehr oder weniger ansprechende Lichtskulptur, sondern ein zombiesk entstelltes Kind im einstmals weißen Hemdchen, das Lohengrin stets begleitet und als stummer Beobachter in all seinen Szenen präsent ist. Auch im Brautgemach sitzt das Schwanenkind zwischen den beiden und jault beim einzigen Kuss des Brautpaars markerschütternd dazwischen. Zum Schluß trägt es die Miniaturausgabe des dunkelblauen Politikeranzugs mit Wappenstickerei, erhebt sich mit Mühe und läuft, mühsam den Gebrauch der Beine übend, zur Seite weg… alles bleibt ratlos zurück, Elsa schneidet sich die Kehle durch, dass es spritzt wie bei Game of Thrones und die Menge zerstreut sich. Was nun, wie geht es weiter im Staat Brabant?

10304_12514_lohengrin_presse_forster_02Auftritt des Schwanenkindes (Foto: Forster)

Dieses merkwürdig verrätselte Ende setzt den Schlußpunkt einer nicht bis ins Detail schlüssigen, aber durchaus originellen und intensiven Regiearbeit, die durch viele Ideen und eindringliche Personenführung punktet, auch wenn die erzählerische Linie etwas klarer herausgearbeitet sein könnte. Ein wichtiger Aspekt ist die Masse, die radikale und dadurch gefährliche Manipulierbarkeit und Wankelmütigkeit des Kollektivs, dessen Stimmungslage mehrfach innerhalb einer Minute von einem Extrem ins andere umschlägt. So wird Elsa zu Beginn fast hineingetrieben, sichtlich geschlagen und misshandelt, „Hexe“ und „Mörderin“ aufs Gewand geschmiert, macht dann nach Lohengrins wundersamen Erscheinen Karriere als Landesmutter, um dann am Ende wieder als Schuldige dazustehen und vom Chor gedisst zu werden. Zwar nicht so extrem, aber auch die anderen Protagonisten machen Popularitätsschwankungen durch; insgesamt ist es ein illusionsloser, fast zynischer Blick auf das Volk als Masse. Aber auch in der individuellen Zeichnung der Charaktere arbeitet Gürbaca meist sehr genau und zuweilen auch mit gepflegter Ironie; einer der Glanzpunkte der Inszenierung ist das Brautgemach, wo die, auch in erotischer Hinsicht, immer selbstbewußtere Elsa der Reihe nach sämtliche Register der Verführung zieht, während Lohengrin den keuschen Joseph gibt, sich buchstäblich die Hose zuhält und immer noch ein Arioso auf Lager hat, um vom Wesentlichen abzulenken. Da muss die Frage ja schließlich kommen. Mit vergleichbarer Sinnfälligkeit und schönen Situationskomik habe ich das zuletzt von Konwitschny in Hamburg inszeniert gesehen; und das ist ja nun schon sehr lange her…

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Gefragt ist gefragt… (Foto: Forster)

Bühnenbildner Mark Weeger hat, um eine sehr starke Fokussierung des Blickwinkels zu ermöglichen, einen trapezförmigen weißen Kasten mit unnatürlich hohen, tribünenartigen Stufen mitten auf die Bühne gebaut, in dem sich die gesamte Handlung abspielt, eine kleine und in sich geschlossene Welt, die alle szenischen Vorgänge sozusagen bündelt. Darin wird es in den Chorszenen durchaus auch eng, die beabsichtigte Dynamisierung der Masse übersetzt sich so noch stärker und die verschobenen Perspektiven entwickeln immer wieder originelle Theaterbilder. Zudem läßt dieser Kasten Chor und Solisten auch akustisch famos zur Geltung kommen. Die Kostüme von Silke Wilrett bewegen sich in der Jetztzeit und betonen das Kollektive, hier Freizeitlook, dort Bundeswehruniformen, einschließlich gelegentlicher „Ausreißer“ wie Elsas klein-mädchen-rosa farbenen Pyjama im zweiten Akt oder das seltsame Auftritts-Outfit Lohengrins als eine Art fahrender Geselle. Großen Anteil an der atmosphärischen Dichte der Inszenierung hat einmal mehr die fabelhafte Beleuchtungskunst von Stefan Bollinger.

10311_12528_lohengrin_presse_forster_09Verhinderte Romanze du dritt: Elsa (Jessica Muirhead), Lohengrin (Daniel Johansson) und Schwan (Foto: Forster)

So experimentell die Regie, so bewährt ist die musikalische Realisierung. Natürlich ist Wagner auch im Revier Chefsache und GMD Tomáš Netopil sorgte mit den bestens aufgelegten Essener Philharmonikern für eine famose orchestrale Grundlage des Abends. Ein im besten Sinne traditionelles Dirigat: harmonisch und dramaturgisch klug abgestimmt in der Tempowahl, weder verschleppt noch überdreht, auch in den langsamen Passagen alles wunderbar im Fluß, ein warmer, streicherdominierter Orchesterklang von elegant federnder Leichtigkeit und Präsenz. Stellenweise fühlte man sich an die romantische, aber niemals schwülstige Lesart seines berühmten Landsmannes Rafael Kubelik erinnert, ähnlich wie diesem gelingt auch Netopil eine rundum überzeugende Synthese aus musikantischer Spielfreude und rhythmischer Präzision. Das gilt nicht nur für das Orchester, sondern auch für den von Jens Bingert bravourös einstudierten Chor, der in Sachen Schauspielerei und Klangkultur inzwischen einer der führenden Opernchöre in NRW ist.

Für die Ensemblepflege des Hauses spricht, auch, dass hier ein Lohengrin mit einer, bzw. an diesem Abend notgedrungen mit zwei, Ausnahmen aus den eigenen Reihen besetzt wird. Das sängerische Zentrum des Abends bildete Jessica Muirhead als Elsa, die auch regiebedingt etliche darstellerische Facetten mehr zu zeigen hatte, als man es in dieser Rolle sonst gewohnt ist. Von der verstörten Angeklagten über das schwärmerische Girlie bis hin zur sinnlichen, selbstbewußten Frau wirkt die Künstlerin in allen Lebens- und Bühnenlagen gleichermaßen natürlich und glaubwürdig und trägt somit das Regiekonzept entscheidend mit. Muirheads schlank geführter, kerniger Sopran verfügt vielleicht nicht über den luziden Silberton, den man normalerweise mit einer Elsa assoziiert, aber sie hat auch vokal einige Farben und Ausdrucksmöglichkeiten parat. Darstellerisch gelingt auch Katrin Kapplusch als Ortrud ein sehr prägnantes und erstaunlich differenziertes, ganz bewußt entdämonisiertes Rollenporträt; diese Ortrud liebt ihren Friedrich offenbar tatsächlich, statt in ihm nur einen austauschbaren Erfüllungsgehilfen zu sehen und sie ist auch bei der Verfolgung ihrer politischen Ziele eher smarte Intrigantin denn eiskalte Machtmaschine. Leider liegt die Partie stimmlich doch deutlich außerhalb ihrer Möglichkeiten, schon in der Mittellage klingt die Stimme nicht stressfrei und die großen dramatischen Ausbrüche wie die „Entweihten Götter“ oder „Fahr heim, Du stolzer Helde“ bewältigt sie nichtmal andeutungsweise. Ob die Künstlerin mit ihrer Karriereplanung und Repertoirewahl wirklich gut beraten ist, möchte ich bezweifeln. Eine Grenzpartie ist der Telramund für das bewährte Ensemblemitglied Heiko Trinsinger, dem aber eine absolut respektable performance gelingt. Er ist klug genug, nicht eine Hochdramatik vorzutäuschen, die das Material nicht hergibt und entsprechend zu forcieren, sondern die Stimme lyrisch und schlank zu führen und sich auf die kantable Linie zu konzentrieren. Etwas unglücklich agierte hingegen der ebenso bewährte Almas Svilpa als König Heinrich. Der litauische Bassbariton, sonst als eindringlicher Interpret geschätzt, ist hier von der Regie etwas unter Wert verkauft, aber auch gesanglich liegt ihm die Rolle offenbar nicht wirklich, vor allem die Tiefe spricht kaum an und der ganze Vortrag wirkt kraftlos und wie unter einem Grauschleier. Als kurzfristiger Einspringer für die Hausbesetzung war Bogdan Baciu von der Deutschen Oper am Rhein die A40 hinaufgeeilt und gab einen markant gesungenen Herrufer.

10323_12552_lohengrin_presse_forster_21Eindringlicher Dialog: Ortrud (Katrin Kapplusch) und Telramund (Heiko Trinsinger) – Foto: Forster

Einen etwas zwiespältigen Eindruck hinterließ der einzige etatmäßige Gast im Ensemble, Daniel Johansson in der Titelpartie. Die latente Steifheit und die linkisch anmutenden Bewegungen waren vermutlich eher der Regie geschuldet, aber auch stimmlich wirkte Johansson an diesem Abend selten wirklich frei. Sein in der Mittellage eher baritonal timbriertes Material entwickelt in den oberen Lagen durchaus tenoralen Glanz, klingt aber auch immer eine Spur forciert und penetrant, in der Schlußszene kamen auch kleinere Konditionsprobleme hinzu. Sicherlich ein Sänger mit guten Anlagen und Potenzial, der aber noch etwas technischen Feinschliff vertragen könnte.

Fazit: ein anregender und spannender Opernabend mit vielen Impulsen und eine Produktion, die ich mir gerne auch ein zweites Mal anschauen würde. Oder auch: Schwan gut, alles gut.

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